Von Sabrina Schmitt

Zum letzten Mal sitze ich nun mit sechs anderen Müttern und unseren nackigen Kindern in einem warmen Raum, singe und stampfe mit den Füßen auf den Boden. Was sich zunächst mal etwas seltsam anhört, macht großen Spaß. Seit Herbst 2012 besuche ich mit meinem mittlerweile zehn Monate alten Sohn einen Pekip-Kurs. Schon während der Schwangerschaft hatte ich mit Interesse viel von dem Prager-Eltern-Kind-Programm gelesen und gehört. Man solle sich rechtzeitig anmelden, wurde mir von Bekannten gesagt. Die Kurse seien sehr beliebt. Und so kam es: Ich war dabei.
"Vergleicht Eure Kinder nie mit anderen! Jedes Kind ist ein Individuum", das war das Erste, was wir zu Kursbeginn zu hören bekamen. Claudia Dörr ist unsere Pekip-Gruppenleiterin. Sie hat vor einigen Jahren mit ihrer Tochter und ihrem Sohn selbst einen Kurs besucht - und war begeistert.
So begeistert, dass sie die Ausbildung zur Pekip-Gruppenleiterin absolvierte.
Gerade beim ersten Kind ist man als Mutter oft sehr unsicher. Man will unbedingt alles richtig machen. Claudia will diesen eine Stütze sein. Sie geht auf die Babys und deren Entwicklung ein, nimmt sich aber auch Zeit für die Fragen der Mamis - und die reichen vom Zahnen über Stillen und Schlafproblemen bis hin zur Einführung von Beikost. Durch Kurse, Literatur und den Kontakt zu verschiedenen Einrichtungen, Vereinen und Ämtern bildet sie sich weiter. Sie will den Eltern Zuspruch geben und sie so in ihrer Eltern-Rolle stärken.
"Die Erfahrung zeigt immer wieder, dass manche Kinder eher visuell und andere eher motorisch geprägt sind", erzählt Claudia. "Das Schöne daran ist, dass alle Unterschiede zu einem Ziel führen: Das Kind entwickelt sich - mit seinem eigenen Charakter." In ihren Kursen hat sie schon viel erlebt. Gerne erinnert sie sich an die eineiigen Zwillinge, die zwölf Wochen zu früh geboren wurden. "Beide Babys haben sich super entwickelt", sagt die 32-Jährige. Auch Kinder mit Entwicklungsstörungen, behinderte Kinder oder extreme Frühchen hätten große Fortschritte gemacht. "Das Wichtigste ist, die Kinder da abzuholen, wo sie stehen."

Feste Rituale sind wichtig

Los geht so eine Pekip-Stunde mit einem Lied, bei dem alle Kinder beim Namen genannt werden. Dann steht die Stunde immer unter einem bestimmten Motto - sei es Entdecken, Greifen oder Hochziehen. Am Ende werden die Kinder verabschiedet und in einer Decke geschaukelt. Rituale sind nicht nur zu Hause wichtig, sondern auch in diesen Stunden, weiß Claudia. Auch die Kinder haben sich aneinander gewöhnt - und auch an Claudia, an die anderen Mamis und an den Raum.
Beim Blick auf die Spielsachen in einer Pekip-Stunde findet man eher Außergewöhnliches: eine Plastikwasserflasche mit Nudeln gefüllt dient als Rassel, Deckel von Breigläschen geben schöne Geräusche, aus einer Rettungsfolie wurde Raschelpapier, Gries dient als Sand im Planschbecken, ein Bügelbrett als schräge Ebene für die Bauchlage. Es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder mit einfachen Dingen beschäftigen. Und wenn der ein oder andere plötzlich einfach mal lospinkelt? Kein Problem - die Unterlage ist abwaschbar und der Wassereimer steht immer bereit.
In den Kursen sind nicht nur Mütter mit ihren ersten Kindern. Immer wieder kommen Mütter mit ihrem zweiten oder dritten Kind zu Pekip. Eine Mutter kommt sogar mit ihrem fünften Kind, verrät Claudia. "Die Mamas genießen diese Zeit."
Fragt man mich, was denn das Schönste an den Pekip-Stunden war, stimme ich Claudias Meinung zu: "Man sieht und spürt, wie die Verbindung zwischen Mutter und Kind nochmal gestärkt wird. Es entsteht ein intensiver Kontakt." Übrigens sind nicht nur Mamis, sondern selbstverständlich auch Papis willkommen.

Pekip - und was eigentlich dahinter steckt

Das Pekip-Konzept
Das Prager-Eltern-Kind-Programm ist ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr. Ziel ist es, Eltern und Babys im sensiblen Prozess des Zueinanderfindens zu unterstützen, um
- das Baby in seiner momentanen Situation und seiner Entwicklung wahrzunehmen, zu begleiten und zu fördern;
- die Beziehung zwischen dem Baby und seinen Eltern zu stärken und zu vertiefen;
- die Eltern in ihrer Situation zu begleiten und den Erfahrungsaustausch sowie die Kontakte der Eltern untereinander zu fördern
- dem Baby Kontakte zu Gleichaltrigen zu ermöglichen.
( www.pekip.de )

Die Pekip-Gruppe In der Regel treffen sich sechs bis acht Erwachsene mit ihren Babys ab der 4. bis 6. Lebenswoche; die Babys sind alle im gleichen Alter. Die Gruppentreffen finden einmal pro Woche in einem warmen Raum statt und dauern 90 Minuten. In dieser Zeit sind die Babys nackt, damit sie sich freier bewegen können.

Zur Person Claudia Dörr ist Heilerzieherin und hat die Ausbildung zur Pekip-Gruppenleiterin 2009/2010 absolviert. Die in Praxis und Theorie unterteilte Weiterbildung dauert 1,5 Jahre. Grundlage dafür ist eine pädagogische Ausbildung. Claudia Dörr hält auch Vorträge, Seminare und Baby-und Kindermassagekurse am Weiterbildungsinstitut für pädagogische Entwicklung "Papierschiff" in Würzburg. Sie hat selbst zwei Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren und wohnt in Mainbernheim. Kurse bietet sie an der Kitzinger Volkshochschule und in der Hebammenpraxis "Sei Willkommen" in Ochsenfurt an. Im Herbst beginnen die neuen Kurse. Kontakt: Tel. 09323/876909 oder 0179/4906405