Vor Corona, da kannte man solche Schlangen vor Discos: je länger, desto cooler der Laden. Ziemlich angesagt muss der Edeka-Markt in Volkach (Lkr. Kitzingen) am Freitagabend also sein. Mensch und Einkaufswagen reihen sich vor dem Eingang - immer schön abwechselnd, um den  Corona-Abstand einzuhalten.  Und der Wagen gilt quasi als Eintrittskarte. Doch nicht das günstige Hackfleisch oder die gute Whiskey-Auswahl lassen die Kunden die lange Schlange quer über den Parkplatz formen. Wer hier ansteht, sucht nicht nach Schnäppchen, sondern nach der großen Liebe.

Oder wenigstens nach einem verheißungsvollen Augenaufschlag über der FFP2-Maske. Denn Freitagabend ist Single-Shopping in dem Supermarkt an der Mainschleife. Und es boomt!

Zumindest seit der erste Artikel über die Aktion Mitte Januar auf mainpost.de erschien. Vorher dümpelte die nette Idee zwei Jahre lang so vor sich hin. Sie stammte vom Chef Christoph Kolb, der das Prinzip aus einer Disco kannte und die Hilfe zur Partnersuche dann in seinem Geschäft anbot. Immer wieder wagten es dort einige Singles zwar, freitags zwischen 18 und 20 Uhr mit Herz auf der Brust herumzulaufen. Aber von größerem Interesse keine Spur.

Nach dem Bericht dieser Redaktion griffen Medien aus ganz Deutschland das Thema online auf. "Single in Corona-Zeiten? Edeka startet irre Aktion", schrieb der Kölner Express. Die Bild versprach: "Supermarkt holt Singles aus der Corona-Falle". Und die Lebensmittel-Zeitung klärte die ganze Branche auf: "Edeka Kolb bringt mit 'Single Shopping' Tinder in den Supermarkt."  Im dazugehörigen Video schiebt Christoph Kolb noch selbst mit Herzaufkleber den Einkaufswagen durch das Geschäft.

Zeit für einen erneuten Besuch im Volkacher Supermarkt am Freitagabend. Noch schnell vor dem Andrang einen Einkaufswagen schnappen. Dem Chef ist der Medienrummel inzwischen zu viel geworden. Man habe all den Kamerateams, Fotografen, Reportern abgesagt, teilt der Security-Mann am Eingang mit, der die Einhaltung der Corona-Regeln überwacht. Der Kollege hinter ihm ist damit beschäftigt, die Spielregeln des Single-Shoppings zu erklären.

Herzen kleben auf der Gesichtsmaske

Dafür klebt man ein Herz mit Nummer auf - und hält während des Einkaufs nach anderen Herzen Ausschau. Vor dem Hype eine durchaus mutige Angelegenheit, doch nun leuchten die roten Aufkleber überall zwischen den Regalen. Die einen tragen sie auf der Brust, die anderen dezent auf der schicken Handtasche - oder gleich auf der Gesichtsmaske. Wer mag, spricht den anderen Herzchen-Träger direkt an. Die Schüchterneren füllen einen Zettel aus, auf dem schon Vorschläge stehen. Zum Beispiel:  "Ich würde mich freuen, Dich auf einen Orangensaft in der Obstabteilung zu treffen." Die Nachricht übergibt dann ein Marktmitarbeiter oder ruft sie aus.

Am Freitag zuvor hätten 50 bis 60 Leute teilgenommen, sagt der stellvertretende Marktleiter Steven Schellhorn. Vor Medienanfragen könne man sich kaum retten: "Es ist grausam und nimmt kein Ende." Er habe "manchmal mehr Anfragen als Kunden im Laden sind". Sogar eine Journalistin aus Kolumbien bat wegen "der kuriosen Sache" um Kontakt zu Schellhorn. Eine gute Seite kann der dem riesigen Andrang immerhin doch abgewinnen: "Die Kunden kaufen dann gleich noch ein, wenn sie schon da sind."

So wie Enrico, der an diesem Freitag wegen des Single-Shoppings von Schweinfurt nach Volkach gefahren ist. Seine Einkaufsliste streicht er ordentlich durch, belädt den Wagen, schaut sich um. Er habe schon jemanden entdeckt, sagt der 29-Jährige. Zwei Freundinnen hat er sich als Unterstützung mitgebracht.

Online-Dating ist keine Option

Allein versucht hingegen Verena ihr Glück. Unter dem fein geschwungenen Lidstrich wandern ihre Augen suchend durch den Supermarkt. Sie hält das Single-Shopping für eine tolle Möglichkeit. "Im Internet suchen und sich dann mit einem Fremden irgendwo treffen?" Die 34-Jährige winkt ab. Das sei für sie genauso wenig vorstellbar wie die Dating-App Tinder: "Auf keinen Fall!" Darum ist sie extra aus Bamberg nach Volkach gefahren. Wo soll man auch hin ohne Bars, Blicke entlang der Theke, Tanzen mit wenig Abstand?

Dass Corona Alleinstehende einsam machen kann, ist nicht neu. Wie sehr manchen Menschen spontane Begegnungen fehlen, vielleicht schon. Überall im Volkacher Edeka sieht man die Suchenden stehen, häufig zu zweit. Zwei Frauen schielen hinüber zu einem Männerduo. Eine Ecke weiter umkreisen drei Leute einen Einkaufswagen, während sie sich unterhalten. Eine Durchsage durchbricht das Stimmengewirr, sofort wird es still. "Die Herzdame mit der Nummer 48 möchte bitte in die Weinabteilung kommen." Spontanes Klatschen, jemand ruft "Woohoo!"

Und was sagen die anderen Kunden, die wirklich nur einkaufen wollen, zum Andrang an Singles, die die Einsamkeit satt haben? Eine ältere Dame ruft nach dem Bezahlen der Kassiererin zu: "So Klasse eure Aktion – da ist gleich eine andere Stimmung da herinnen." Währenddessen läuft eine Edeka-Mitarbeiterin von Kasse zu Kasse und sagt zu ihren Kolleginnen: "Falls das Herz mit der Nummer 3 vorbeikommt: Bei der Lena liegt ein Brief." Ob Nummer 3 ihn je beantworten wird?

Auf dem Parkplatz geht auch noch was

Zwei Männer indes wollen ihrem Glück noch auf dem Parkplatz auf die Sprünge helfen. Kurz bevor sie in ihr Auto steigen, diktieren sie zwei Frauen schnell ihre Handynummer. Der 51-jährige Klaus aus Tauberbischofsheim ist mit seinem Kumpel wegen des Single-Shoppings nach Volkach gefahren. Der 53-jährige Günther aus Giebelstadt erklärt: "Ich habe keinen Corona-Schock, aber ich möchte jemandem in die Augen schauen, mich unterhalten." Dafür sei normalerweise die Alte Mainbrücke in Würzburg der beste Ort. Und Klaus steigt fröhlich ins Auto: "Wir möchten nicht aufdringlich sein, sondern geben unsere Nummer her. Und wenn die Frau anruft, freuen wir uns."

Blick quer über den vollen Parkplatz: Hier ein Trio, das sich trotz des kalten Windes unterhält, dort noch ein Plausch mit reichlich Abstand, aber dafür endlich ohne Maske. Und die Mensch-Wagen-Schlange vor dem Eingang? Die ist kurz vor 19 Uhr vorbei an mehreren Autoreihen schon fast bis zur benachbarten Drogerie angewachsen. Wie das eben so ist bei einem angesagten Laden.