Seit zwei Jahren wusste Christine, dass sie krebskrank ist. Eine Zeit existenzieller Angst lag hinter ihr. Darauf verweist das blaue Fragezeichen in dem Frauenkopf, den sie im Frühjahr 2012 malte. Rote Zickzacklinien durchzucken den Schädel. Sie stehen für die schrecklichen Schmerzen, die sie auszuhalten hatte. „In meinem Kopf war auch noch immer ein solches Durcheinander“, erzählt die 51-Jährige aus Kitzingen. Wovon verschlungene Linien erzählen.

Zusammen mit anderen Krebspatienten malt Christine einmal im Monat im Atelier der Würzburger Kunsttherapeutin Barbara Henn ein Bild. Manchmal geht es um das, was sie gerade im Zusammenhang mit ihrer Krankheit zu verarbeiten hat. Manchmal um Erinnerungen oder Wünsche, auch um schöne Erlebnisse. Durch die Krankheit habe sie gelernt, für alle Überraschungen des Lebens, seien sie auch noch so winzig, wieder offen zu werden, sagt Christine: „In dieser Hinsicht hat mich die Erkrankung positiv verändert.“ Ein Bild vom Sommer 2012 zeugt hiervon. Es zeigt eine lachende junge Frau mit langen Haaren auf einer Gänseblümchenwiese. Dass es regnet, macht ihr nichts aus. Im Gegenteil! Wie wunderbar, den Regen auf der Haut zu spüren! Auffallend die Weite des Bildes. Christine: „Ich hatte damals gerade mehrere Untersuchungen in der MRT-Röhre hinter mir.“

Würde sie neuerlich eine Krebstherapie über sich ergehen lassen müssen? Ein kleines Kind, umgeben von schwarzen Felsen, steht in dem Gemälde vom Sommer 2013 am Rande des Abgrunds. Aus gleißendem Licht war offenbar soeben ein Schutzengel herangeflogen. Das Kind hält ihn an der Hand, blickt allerdings zur Seite. Aus dem Bild hinaus. Kann es diesem Engel wirklich vertrauen? „Man hatte wieder etwas in der Brust entdeckt“, erzählt Christine. Neue Untersuchungen, vielleicht auch eine neue OP standen an. Würde diesmal noch jemand den schweren Weg mit ihr gehen? Würde sie jemanden finden, der sie zu den Untersuchungen begleitet? Der sie in der Klinik besucht? Der Kontakt zu Freunden und Verwandten, so Christine, sei durch die Erkrankung immer rarer geworden. Man weiche ihrem Leiden aus.

Schwarze, an den Rändern verwischte Linien, eine kleine graue Fläche – auch das Bild vom Winter vergangenen Jahres scheint nicht hoffnungsfroh. Und doch zeugt es von einem Moment, in dem Christine unfassbar glücklich war. Nach einer längeren beruflichen Auszeit, bedingt durch schlimmes Mobbing, war sie in ihren Kindergarten zurückgekehrt. Lange vor der Krebsdiagnose: „Plötzlich stand ein Kind vor mir und sagte: ,Wie schön, dass du wieder da bist!'“ Die spontane Aussage des Kindes sorgte für ein starkes Glücksgefühl.

Sich mit der Erkrankung, vor allem mit der Brustamputation abzufinden, das sei auch nach vier Jahren noch sehr, sehr schwer, bekennt die Kitzingerin: „Es macht mir im Moment sogar zunehmend zu schaffen.“ Sie sehne sich so sehr nach Leichtigkeit. Diese Sehnsucht versinnbildlicht das Gemälde, das Christine heute kreierte. Eine Frau mit entblößtem Oberkörper und langen Haaren tanzt ausgelassen auf einer Blumenwiese. Ihre großen Füße fallen auf: „Denn die Frau hat Bodenhaftung.“ Inspiriert wurde das Bild von den Erinnerungen an die Tanztherapie während der letzten Reha: „Ich hatte dabei so unglaublich viel Leben in mir gespürt.“