Der Start in die Sommerferien ist in diesem Jahr irgendwie anders. Nicht so unbeschwert wie sonst, als sich die Schüler einfach nur auf sechs Wochen Freizeit freuten, auf Urlaub, Schwimmbad, Ausflüge. Auch für Luca. Der Sechstklässler am Egbert-Gymnasium in Münsterschwarzach (EGM) ist definitiv ferienreif nach diesem verrückten Schuljahr. Für ihn geht es allerdings nach fünf Wochen schon weiter. Im „Summercamp“ kann er seine Wissenslücken füllen. Eine Chance, die nicht jede Schule ihren Schützlingen bieten kann – oder will.

Am EGM „geht endlich mehr“. Unter diesem Motto hatte das Kollegium um Schulleiter Markus Binzenhöfer und StD Markus Pohl noch während des laufenden Schuljahres ein Konzept entwickelt, um die Schüler ganzheitlich und individuell zu fördern. Dieses sah Wiederholungseinheiten und Powerkurse vor, ebenso wie unbenotete Tests in den letzten Schulwochen, die den Wissenstand anzeigen sollten.

Luca hatte mit dem Homeschooling so seine Probleme, ihm fehlte nicht nur die soziale Gemeinschaft, sondern auch das gemeinsame Lernen. „Mit dem Summercamp reagiert das EGM darauf, dass während der Lockdowns nicht nur Wissenslücken entstanden sind, sondern auch der soziale Kontakt gefehlt hat“, schreibt Reinhard Klos in einer Pressemitteilung. Jeder Schüler kann seinen persönlichen Freizeit- und Lehrplan erstellen, selbstständig oder in Kleingruppen wiederholen und zwischendurch zum Beispiel Trendsportarten erkunden. „Das ist schon ein cooles Angebot“, findet auch Luca. Und seine Eltern sind erleichtert, dass sich ihr Sohn nicht gegen die Sommerschule sperrt. „Wir erhoffen uns, dass er leichter den Einstieg ins nächste Schuljahr schafft.“

Hoher Aufwand

Ob weiterführende oder Grundschule – nicht alle Einrichtungen im Landkreis können ein solches Förderprogramm stemmen. Veit Burger, Leiter des Kitzinger Schulamtes und zuständig für die Grund- und Mittelschulen, weiß um die Schwierigkeiten, die mancher Schulleiter mit der Personalplanung für ein Ferienangebot hatte. „Es war ein sehr hoher verwaltungs- und personalorganisatorischer Aufwand“, erklärt der Schulamtsdirektor. Zum einen wurden die Eltern nach dem Bedarf befragt, zum anderen galt es, Lehrkräfte zur Besetzung der Zusatzstunden zu gewinnen. Burger weiß zum Beispiel von Lehramtsanwärtern, die sich hier engagieren, ebenso wie schon pensionierte Kollegen oder Teamlehrkräfte. „Wichtig war, so gut es geht auf bestehendes Personal zurückgreifen zu können.“ Und so gibt es überwiegend sogenannte „Brückenangebote“ in der ersten und der letzten Schulwoche, an denen die Schüler freiwillig, aber in vielen Fällen auch auf Empfehlung der Lehrer an die Eltern teilnehmen.

„Alibimäßige Augenwischerei“

Sabine Huppmann kennt beide Sichtweisen. Als Vertreterin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV) im Kreis Kitzingen spricht sie aus eigener Erfahrung, wenn im Zusammenhang mit dem letzten Schuljahr Begriffe wie Anspannung, Verausgabung oder Erschöpfung fallen. „Ich kenne nur sehr wenige Lehrkräfte, die sich freiwillig für die Gestaltung der Sommerschule gemeldet haben“, sagt sie und schließt sich selbst dabei nicht aus. Sie und die meisten ihrer Kollegen seien am Ende ihrer Kräfte, die Ferien dringend notwendig. Und so kann das Angebot der Sommerschule in ihren Augen nur „bruchstückhaft“ und „alibimäßig“ sein – nicht mehr als „Augenwischerei“. „Die Kinder, die die Sommerschule am dringendsten brauchen, nehmen sie aus verschiedenen Gründen nicht in Anspruch. Andererseits gibt es Eltern, deren Kinder die Förderung gar nicht nötig haben, die aber einfach mitnehmen, was geht.“ Oft hätten gerade diese Familien schon im Homeschooling Enormes geleistet und wollten jetzt „auf Nummer sicher gehen“. In keinem Verhältnis steht für Sabine Huppmann die Aufwand-Nutzen-Rechnung. „Stunden und Tage waren die Schulleitungen mit Elternabfragen, Personalgewinnung und Formularen beschäftigt. Der Zeitaufwand für Planung und Organisation war teilweise deutlich größer als die Lernstunden, um die es ging“, sagt sie.

Hohe Motivation nach den Ferien

Ihre eigenen Kinder gehen aufs Gymnasium am Franken-Landschulheim Schloss Gaibach. Dort haben Schulleiter Bernhard Seißinger und sein Team eine ganz eigene Lösung gefunden, um den Kindern beim Schließen der entstandenen Lücken zu helfen – und zwar nach den Ferien. Nicht nur Sabine Huppmann, sondern auch der überwiegende Rest der Elternschaft befürwortet diese Möglichkeit, die ihre Kinder nach durchweg erholsamen Ferien bekommen. „Bei der Entscheidung gegen die Sommerschule haben wir die verschiedenen Aspekte gründlich gegeneinander abgewogen“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Petra Sokol-Pemöller. Das wichtigste Kriterium sei dabei die Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme gewesen, wenn sie mit eigenem Personal nicht hätte gestemmt werden können. „Der Stundenbedarf steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis“, erklärt die Studiendirektorin. Zudem ging es darum, wie nachhaltig ein solches Förderangebot hätte sein können, wenn den Schülern dazu schlicht und einfach die Motivation fehlt. Dazu liege die Schule im ländlichen Raum, sei ohne Schulbusverkehr nicht so einfach zu erreichen und versage den Internatsschülern, die in den Ferien in der Heimat weilen, grundsätzlich ein solches Angebot.

Und so entschloss sich das Kollegium, keine Sommerschule, dafür aber nach den Ferien am Nachmittag zusätzliche Fördermaßnahmen anzubieten. „Die Lehrkräfte können dann über einen längeren Zeitraum auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingehen.“ Die gingen nach den letzten Monaten unbestritten weit auseinander – sie stelle aber nicht unbedingt nur Versäumnisse fest. „Es gibt Schüler, die sind im Homeschooling über sich hinausgewachsen“, freut sich die Pädagogin über manchen Schützling, der sich sogar verbessert habe. „Und sind wir mal ehrlich: Im Präsenzunterricht wird auch nicht jeder Inhalt wie von einem Schwamm aufgesogen.“

Luca sieht das Summercamp in Münsterschwarzach trotzdem auch als Chance an. Er will aufholen, er will sich verbessern. Er will in seiner Klasse bleiben und zeigen, dass er das Zeug hat, in die nächste Jahrgangsstufe aufzurücken. Seine Eltern sind froh, dass der 13-Jährige das so sieht – auch wenn er in diesem Jahr nicht ganz so unbeschwert in die Ferien startet wie früher. Fotos: Archiv/Walter Braun, Archiv/Andreas Liebold

Sommerschule

Unter dem Motto „Gemeinsam Brücken bauen“ hat das Staatsministerium für Unterricht und Kultus unter der Leitung von Michael Piazolo ein umfangreiches Programm zur Unterstützung der Schüler beim Aufholen pandemiebedingter Lernrückstände aufgelegt. Dafür wurde zum Beispiel auch intensiv um Unterstützungskräfte geworben. Das Programm sieht vor, Schulen finanziell zu unterstützen und mit externem Personal Förderangebote einrichten zu können. Dieses Vorhaben erwies sich aber als wenig praktikabel, war in der kurzen Zeit schwer zu organisieren und blieb sowohl was die Nachfrage bei den Eltern als auch bei den Schulen betrifft weit unter den Erwartungen.