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Kitzingen

Zuversicht und Verzweiflung in der Redaktion

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Am Anfang der Nähaktion war die Welt noch in Ordnung. Zwei Stunden später war die Stimmung im Eimer – und dorthin hätte Daniela Röllinger am liebsten auch die ganze Nähmaschine samt halb fertiger Maske geworfen. Foto: Foto: Johannes Röllinger
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Kitzingen

Arbeiten und leben in Zeiten der Corona-Krise: Für uns alle eine große Herausforderung. Die Mitglieder dieser Redaktion haben in den letzten Tagen und Wochen ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die wollen wir mit Ihnen, lieber Leserinnen und Leser, teilen. Wer über seine eigenen Geschichten berichten möchte, kann dies natürlich tun. Einfach eine Mail an redaktion.kitzingen@infranken.de schicken. Wir freuen uns!

Diana Fuchs:

Ich schwanke wie eine Hochsee-Boje bei Windstärke zehn. Nein, Leute, ich habe keinen einzigen Schluck Alkohol intus. Was ich habe, ist das: zwei Jungs, 14 und 16, und einen Mann in (teilweise) Kurzarbeit. Der Erste vermisst seine Kumpels und das Fußballtraining, der Zweite Dasselbe und zudem seine Freundin, der Dritte seine heimische Ruhe. Die Laune ist launisch, die Lage fragil. Die beiden Teenies finden Online-Unterricht in etwa so spannend wie das Ausräumen der Spülmaschine. Handy und PC sind trotzdem ständig in Reichweite. Zum Zocken. Stundenlang. Tagelang. Die Akkus sind dauerüberlastet.

Ich versuche, die Mundwinkel oben zu halten, Verständnis für alle und alles zu zeigen, aber auch mütterlich zu mahnen, dass man sich halt auch mal am Riemen reißen muss, Herrgottnochmal. Lernen ist doch nun einmal wichtig, seufz, schimpf, schmeichel... Bei meinen pädagogisch sicher ungeheuer wertvollen Worten löst nicht einer der Angesprochenen mal den Blick vom Bildschirm. Also lauter. Schreikrampf. Da blicken doch ein paar große, blaue Augen auf: „Alter! Is alles klar mit dir?“ Nein, Junge, ich fühle mich grade wie ein Boje auf dem Meer bei Windstärke... – ach, egal. Zur Beruhigung gehe ich jetzt eine Runde im Wald spazieren. Kommt jemand mit? Na loooos, bitte, man muss doch auch mal raus, Herrje. Seufz, schimpf, schmeichel...

Daniela Röllinger:

Alle nähen. Wirklich alle? In einem Haus in einem Ort im südlichen Landkreis Kitzingen gibt es eine, die sich sträubt. Die darüber schreibt, wie fleißig die anderen an den Maschinen sitzen. Die bewundert, wie Verwandte und Freundinnen bunte Masken an der Maschine zaubern, sogar das Patenkind, gerade mal in der vierten Klasse.

Sie selbst kommt aber nicht in die Gänge. „Und, hast? schon genäht?“ fragt der Göttergatte jeden Abend. Die Anfang März im Internet bestellten Masken sind nämlich immer noch nicht da, obwohl die Lieferung schon nach wenigen Tagen zugesagt war. Statt weiter den aufmüpfigen Gallier zu spielen, geb? ich nach – um des lieben Friedens willen, der in den Familien momentan ja eh zum seltenen Gut wird. Also: Maschine rausholen. Stoff suchen. Aufzeichnen, ausschneiden, Kanten umbügeln. Nicht allzu schwer. Dann Faden durch die Maschine führen. Wie ging das noch mal?

Gefühlte hundert Mal fädel ich den Faden im Lauf der nächsten zwei Stunden durchs Nadelöhr, weil er immer wieder reißt. Gefühlte tausend Mal schau ich auf der Suche nach einer Lösung in die Anleitung. Ist die Oberfadenspannung zu fest? Sind Kratzer am Greifer? Ist der Füßchendruck zu hoch? Meine Haare stehen zu Berge, der Kopf ist rot. Fäden entwirren, Knoten entfernen, Nähte auftrennen, neu einfädeln. Dazu muss man wissen: Meine Brille hat über sieben Dioptrien. Also: Brille ab, Brille auf, Brille ab, Brille auf...

Der Mann kommt heim, sichtlich erfreut, dass ich nähe. Was, es klappt nicht? Da dreht er kurzerhand mal an allen Rädern – und ich auch. In Sekundenschnelle sind alle Einstellungen hinfort, so wie es meine gute Laune und mein guter Wille längst sind. Die erlösenden Worte kommen vom großen Sohn: „Mensch Modder, lass doch den Scheiß“, sagt er genervt. Mach ich. Zumindest bis in ein paar Tagen. Vielleicht schaff? ich es ja im zweiten Versuch. Oder ich rufe unser Patenkind an – was zwar nicht für meinen Stolz, aber für die Stimmung in der Familie die deutlich bessere Lösung wäre.

Julia Volkamer:

Fünf Wochen Corona-Ferien sind auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen. Drei Kinder im Kindergartenalter, das ist so schon eine Aufgabe. Ohne Omas und Opas, Kumpels und Cousinen, ohne Spiel- und Bolzplatz, Schwimmbad und Freizeitpark drohte sie mich zu überfordern. Ich schwankte zwischen „Gut, dass es drei sind, da können sie miteinander spielen“ und „Warum drei!?!?!“. Mindestens einer braucht immer was. Trinkflasche leer. Anhänger hält nicht am Bulldog. „DAS Buch haben wir aber schon lange nicht mehr gelesen Mama.“ Doch. Gestern Abend.

Die erste Woche nach der Kita-Schließung war super. Da haben die Jungs das ganze Haus bespielt, ich habe sie erst zum Mittagessen wieder zusammengetrommelt. Dazu das schöne Wetter, so dass man in brenzligen Situationen raus konnte – wo das eilends aus dem Winterquartier geholte Trampolin wartete. Die zweite Woche wurde schon schwieriger, die Nachfragen nach Freunden und Familie lauter. Mit Spiel- und Bastelangeboten waren die Jungs aber gut zu besänftigen. Und mir blieb noch genug Zeit, meine paar Stunden Arbeit zu erledigen, zu telefonieren, Texte zu schreiben.

Dann kam die dritte Woche. Eine einzige Katastrophe. Kaum aufgestanden, lagen sich die Kinder in den Haaren. Alles war ungerecht, langweilig und blöd. Nichts ging mehr. Kein Telefonieren ohne Zwischenrufe. Kein Tablet Einschalten ohne „was machst Du da?“. Am Donnerstag war er dann da, mein Corona-Krisentag. Er begann mit Gezanke, Gehaue und Getrete - und ging weiter mit Geschrei meinerseits. Mit Einzelhaft für die Kinder. Verzweiflungsmail an den Chef („Ich kann so nicht arbeiten.“) Dem ersten Bier vor vier. Und sogar Zigaretten. Kurz gesagt: Zusammenbruch.

Aber wir berappelten uns, alle zusammen. In der Karwoche feierte Papa Resturlaub ab – und die Kinder feierten ihn. Ich übrigens auch. Nicht ganz so feierlich wie sonst war das Osterfest, aber zu fünft ist man ja nie allein. Oder doch?

An einem Abend saß mein Vierjähriger plötzlich weinend im Bad. Er war den ganzen Tag komisch gewesen, bockte, ärgerte die anderen. „Entschuldigung dass ich heute so böse war“, schluchzte er mir entgegen. „Aber ich vermisse so meine Lilly...“ Seine beste Freundin. Ich nahm ihn in den Arm und weinte ein bisschen mit. Was hätte ich ihm auch sagen können? „Bald sehen wir sie wieder“, tröstete ich ihn. Die Corona-Ferien gehen an keinem von uns spurlos vorbei. Aber wir verstehen wenigstens, warum. Größtenteils.

Nina Grötsch:

Man gewöhnt sich an alles. Heißt es. Ich glaube nicht mehr daran. Ich fühle mich ein bisschen wie gefangen zwischen den zwei Filmen „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und „Die Flodders“. Jeder Tag verläuft gleich, das Gefühl für Wochentage habe ich längst verloren. Dazu kommt, dass Schlafanzug und Jogginghose das neue In-Outfit unserer Familie ausmachen. Gekrönt wird der Schlabber-Look von Frisuren, die als solche kaum noch zu bezeichnen sind. Mein rausgewachsener Ansatz ist gegen die Matte meines Sohnes Henry fast noch zu verkraften. Der sieht kaum mehr was, die Spängchen meiner Tochter will er aber nicht tragen und die Schere in meinen Händen empfindet er aktuell noch als bedrohlich. Wenn der Postbote klingelt, muss ich immer erst kurz an mir herabschauen. Kann ich so die Tür aufmachen? Oder tu ich besser so, als wär ich nicht Zuhause, damit er das Paket einfach vor die Türe legt? Den Großteil des Tages verbringe ich mit Essen-Zubereiten, Spülmaschine-Ein- und Ausräumen sowie Antworten-Finden auf die Frage: „Mama, was können wir machen?“ Ich zauber die x-te Bastelidee aus dem Hut und komme kaum noch hinterher, die vielen Baustellen im Haus zu beseitigen. Abends falle ich geschafft auf mein Sofa. Spätestens bei der zweiten Serie schlafe ich ein. Nichts Neues, doch normal schaue ich die verpassten Folgen am nächsten Abend nach, wenn mein Partner beim Fußballtraining ist. Das fällt flach. Und schon wieder komme ich nicht mehr hinterher…

Ralf Dieter:

Corona geht größtenteils an mir vorbei. Klingt komisch, ist aber so. Ich halte die Stellung in der Redaktion, während die meisten Kolleginnen vom HomeOffice aus arbeiten. Bin ich auch froh drum. Die Routine bringt Abwechslung. In diesen Zeiten nötiger denn je. 14 Tage Quarantäne wären für mich wie zwei Wochen Sommerurlaub in Nordsibirien. Schon beim bloßen Gedanken bekomme ich Gänsehaut. Corona verbinde ich vor allem mit Abstand halten. Ich weiche den Menschen auf der Straße seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen automatisch aus und erschrecke, wenn jemand unvermittelt hinter einer Ecke auftaucht. Meine größte Hoffnung für die Zeit danach lautet deshalb: Dass wir wieder befreit aufeinander zugehen können.