Welche Bildung brauchen wir – gerade jetzt? Eine Frage, die Lehrer, Schüler und Eltern umtreiben sollte. Die Besucher der entsprechenden Diskussion im Schullandheim auf dem Schwanberg ließen sich an einer Hand abzählen. Wer nicht gekommen ist, hat spannende Einblicke verpasst.

Corona hat Spuren in der Schullandschaft hinterlassen. Da waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. Bei den Prämissen für die notwendige Aufarbeitung auch: Natürlich müssten Wissenslücken wieder gefüllt werden. Aber noch wichtiger sei das (Wieder)Erlernen sozialer Kompetenzen, die während der pandemiebedingten Distanz-, und Wechselunterrichtsformen gelitten hätten. Selbst jetzt, im Präsenzunterricht, gebe es diesbezüglich noch Einschränkungen, wie der Leiter der Iphöfer Grund- und Mittelschule, Jürgen Wolff, erinnerte. Partner- oder Gruppenarbeiten seien nicht möglich. „Pandemiebedingt hat der Frontalunterricht wieder Einzug in die Schulen gehalten.“

„Wenn die Schulklassen fehlen, haben wir es schwer. Wir haben kein anderes Standbein.“
Jürgen Stammberger, Schullandheimwerk Bayern

Geht es nach dem Bayerischen Kultusministerium, sollen Schüler Versäumtes auf freiwilliger Basis in den Ferien nachholen. Jürgen Wolff hält das für überflüssig. Die letzten Monate mit Distanz-, und Wechselunterricht seien für die Schüler anstrengend genug gewesen. „Die saßen viel zu lange vor dem PC.“ In den Sommerferien sollten sie die freie Zeit genießen und „wieder Kind sein dürfen“.

Ähnlich sieht es der Leiter des Egbert-Gymnasiums in Münsterschwarzach, Markus Binzenhöfer. Mit dem neuen Schuljahr, ab Mitte September, müsse inhaltliche Aufbauarbeit geleistet werden, weshalb die Schulen für das neue Schuljahr vor allem eines bräuchten: einen verlässlichen Präsenzunterricht. Die Corona-Tests sollten aus diesem Grund auch im neuen Schuljahr fortgeführt werden, meinte Schulrat Florian Viering. Gerade in den Grund- und Mittelschulen müsse eine starke Gewichtung dann vor allem auf dem sozialen Lernen liegen. In Gesprächen mit Schulleitern, Lehrern und Eltern hat er immer wieder vernommen, dass einige Schüler gestärkt aus der Corona–Krise herausgegangen sind, „andere haben wir in der Zeit des Homeschoolings aber auch verloren“. Das oberste Ziel fürs neue Schuljahr sollte deshalb lauten, den Präsenzunterricht durchgehend für alle zu ermöglichen.

Ein soziales Lernen lässt sich auf Exkursionen und mehrtägigen Klassenfahrten fast nebenbei schulen. Der Aufenthalt in Schullandheimen war während der Pandemie allerdings nicht möglich, seit Pfingsten dieses Jahres sind Fahrten unter Auflagen wieder möglich. Noch machen wenige Schulen davon Gebrauch – mit wirtschaftlichen Folgen für die Einrichtungen. „Wenn die Schulklassen fehlen, haben wir es schwer“, bekennt Jürgen Stammberger vom Bayerischen Schullandheimwerk. „Wir haben kein anderes Standbein.“

Dabei lasse sich ein Gemeinschaftsgefühl gerade bei einem Schullandheimaufenthalt vertiefen. In der gemeinsamen Projektarbeit lernen die Kinder nicht nur Fakten und Zusammenhänge, sondern beinahe automatisch demokratische Grundmuster, wie Jochen Heilmann vom Schullandheimwerk Unterfranken betonte. „Wir sind ein Ort, wo Randgruppen integriert werden.“ Seine Kollegin Friederike Walk versicherte, dass die bestehenden Hygienevorschriften ohne große Probleme von den Kindern eingehalten werden können. Dass die Häuser in Hobbach, Bauersberg oder auch auf dem Schwanberg trotzdem kaum gebucht werden, habe nicht nur etwas mit Corona zu tun.

„Der Leistungsgedanke rückt in unserem Schulsystem immer mehr in den Vordergrund.“
Markus Binzenhöfer, Leiter Egbert-Gymnasium

Jürgen Wolff berichtete von wachsenden Sorgen und Vorbehalten mancher Eltern – nicht nur während der Pandemie. Er verwies zudem auf ein ganz praktisches Problem: An seiner Schule arbeiten überwiegend Teilzeitkräfte. „Eine Woche Schullandheim am Stück ist für die gar nicht drin.“

Das Egbert-Gymnasium bietet in jeder Jahrgangsstufe eine Woche Freiraum für außerschulische Aktivitäten an – auch wenn der Spielraum für solche Angebote immer enger wird, wie Schulleiter Markus Binzenhöfer bedauert. „Der Leistungsgedanke rückt in unserem Bildungssystem immer mehr in den Vordergrund.“ Er wünscht sich auch im Schulalltag mehr Freiheiten, um die hilfreichen Arbeitsmethoden während einer außerschulischen Projektwoche in die Schulpraxis überführen zu können. Fächer- und Klassenübergreifende Projektarbeiten könnten ein Weg sein. „Aber dafür müssen wir uns in unserem streng getakteten Schulalltag erst einmal die nötigen Freiräume erarbeiten.“ Als ersten Schritt in die richtige Richtung kann sich Binzenhöfer einen verpflichtenden Aufenthalt für Referendare mit einer Klasse in einem Schullandheim vorstellen. Damit die Lehrkräfte der Zukunft möglichst frühzeitig erfahren, dass Bildung nicht nur aus Unterricht besteht.