In den Zahnarztpraxen geht es hoch her, wenn sich das Jahr dem Ende neigt. Vor dem Blitzlichtgewitter beim Familienfest an Weihnachten wäre eine Zahnreinigung noch mal recht, die Füllung im Backenzahn sollte auf ihre Festigkeit überprüft werden, bevor sie auf die Füllung der Weihnachtsgans trifft. Und wem der Stempel im Bonusheft noch fehlt, macht schnell noch einen Termin für die Kontrolle aus. Heuer ist aber auch bei den Zahnärzten alles ein bisschen anders. Ruhiger.

Dr. Dorothea Ebenhöh, Sprecherin der Zahnärzte im Landkreis Kitzingen, schlägt vorsichtig Alarm. Sie betreibt in Mainstockheim eine Praxis mit ihrer Schwester Dr. Julia Ebenhöh. In einem sind sich die beiden Zahnärztinnen einig: Die Zeiten sind schwer kalkulierbar geworden. „Uns fehlt die Planungssicherheit“, erklärt Julia Ebenhöh und meint damit zweierlei: Zum einen seien die Patienten verunsichert, sagten öfter als sonst kurzfristig ab oder kommen gar nicht. Zum anderen möchten sie, auch aus finanziellen Gründen, mit einem Zahnersatz warten und die Behandlung unter den aktuellen Umständen nicht durchführen lassen. „Das macht es für uns noch schwieriger, zu planen.“ Ihre Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, so dass finanzielle Einbußen kompensiert werden können. Staatliche Hilfen hätten Zahnärzte allerdings nicht zu erwarten, weiß Dr. Ebenhöh.

Kosten steigen

Gleichzeitig seien die Kosten für medizinische Hygieneartikel in die Höhe geschossen, einige seien nicht durchgehend erhältlich. Noch vor einem Jahr gab es den medizinischen Mund-Nase-Schutz für drei Euro pro 50 Stück zu erwerben, heute kostet die gleiche Anzahl 20 Euro. Eine noch massivere Preissteigerung, weil der Verbrauch sehr viel höher ist als bei den Masken, sei bei den Handschuhen zu beklagen. Das Paket kostet statt 3,50 Euro inzwischen zwölf Euro – obwohl die Nachfrage in der breiten Bevölkerung in viel geringerem Maße angestiegen sein dürfte als bei den Masken. Und die Verfügbarkeit sei trotzdem nicht immer gewährleistet. „Wir müssen immer schauen, was gerade am Markt ist“, sagt Julia Ebenhöh. Sie vermutet, dass das Material als Spekulationsobjekt missbraucht wurde und wünscht sich dahingehend mehr Unterstützung aus der Ständevertretung. Große Praxen mit vielen Mitarbeitern könnten in eine finanzielle Schieflage geraten, sollte die Situation anhalten. Und auch den Laboren fehle es irgendwann an Aufträgen.

Kurzarbeit im Labor

Jan Stirn vom Dentallabor Friese verzeichnet derzeit mindestens 20 Prozent weniger Aufträge. „Die Patienten sind verunsichert“, lautet seine Erklärung. „Dabei mussten Zahnarztpraxen doch schon immer den höchsten Hygieneansprüchen genügen.“ Allerdings hänge die Auslastung der Praxen auch immer an den Ärzten selbst. „Jeder hat seine eigene Sichtweise. Die einen arbeiten so viel wie möglich, die anderen fahren aufs Notwendigste herunter.“ Dabei ist er aber sicher: „Freiwillig macht hier keiner zu.“

Für sein Labor gilt der selbe Grundsatz. „Wir bedienen circa 25 Praxen und ihre Patienten“, sagt Jan Stirn und betont, dass keiner von ihnen unnötig lange auf seine Behandlung warten müssen soll. „Die Mitarbeiter machen das, was sie müssen, und gehen dann nach Hause“, beschreibt er die Kurzarbeit-Situation. Auf das kommende Vierteljahr blickt er skeptisch. „ Ich bin froh, wenn wir mit einem blauen Auge da raus kommen“.

Das kann Dr. Dr. Ulrich Pawlak bestätigen. In seiner kieferchirurgischen Praxis hat er einen Unterschied zum ersten Lockdown im Frühjahr festgestellt. Sowohl die Patienten als auch seine Mitarbeiter gingen gelassener mit der Situation um. „Natürlich machen sich manche Patienten Sorgen, Wahleingriffe werden zurückgestellt.“ Die Schlagzahl bei den Operationen sei nicht mehr so hoch wie vor der Pandemie und die Einbußen aus März und April seien noch nicht ausgeglichen. „Wir sind froh, dass wir genug zu tun haben“, erklärt der Mediziner, in dessen Praxis der Schwerpunkt auf Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie Implantologie und Lasermedizin liegt.

Seine Mitarbeiter hätten sich inzwischen „an die Glasscheiben gewöhnt“, die Stimmung sei sehr familiär, man kümmere sich umeinander. „Wir machen das Beste aus der Situation“, sagt Dr. Pawlak, wünscht sich aber trotzdem, dass „der ganze Zirkus bald vorbei ist“. Seine Praxis könne noch eine Zeit lang überleben. „Wenn es so bleibt, können wir noch zufrieden sein.“ Ihm tun diejenigen aus all den anderen Branchen leid, die ganz schließen mussten.

Von einer Schließung ist auch die Fachpraxis für Kieferorthopädie von Dr. Werner Nathan weit entfernt. „Wir sind nicht bei 100 Prozent Auslastung“, gibt er zu. Aber auch weit davon entfernt, zu wenig zu tun zu haben. Oder gar existenziell bedroht zu sein.“ Diese Gefahr sehe er bei jüngeren Praxen, die noch keinen finanziellen Puffer aufgebaut hätten. Etablierte Einrichtungen könnten diese Krise aber meistern. „Ich sehe keine Gefahr einer Insolvenz“, sagt Dr. Nathan, und das, obwohl er für seine Belegschaft keine Kurzarbeit angemeldet hat. „Ich weiß zwar noch nicht, wann wir die Minuskonten wieder ausgleichen werden. Aber ich wollte meine Mitarbeiter da unterstützen.“

Verunsicherung spürbar

Allerdings läuft sein Praxisbetrieb auch relativ flüssig. Nachdem er im März bis auf zwei Stunden Notdienst am Tag drastisch herunterfahren musste und bereits angesetzte Termine zunächst nach hinten verschob, stauten diese sich innerhalb der sechs Wochen Lockdown mehr und mehr an – im kieferorthopädischen Bereich sind alle vier bis sechs Wochen Kontrolluntersuchungen nötig. „Als die Schulen wieder starteten, konnten wir auch wieder mehr Termine ansetzen.“ Vorher habe er gerade auch bei den Eltern eine große Verunsicherung gespürt.

Auf Hilfen vom Staat – die für Zahnärzte aktuell nicht angedacht sind – will er sich nicht verlassen, wenngleich auch er die gestiegenen Preise bei Hygieneartikeln wie Handschuhen und Masken anprangert. Nur für Privatpatienten gebe es da eine Vergütung von den Kassen. „Ich bin nicht der Typ, der nach dem Staat schreit. Wir können es auch selbst schaffen.“

Dr. Werner Nathan kann noch ruhig bleiben. Und hofft, dass es weder in seiner noch in den Praxen seiner Kollegen irgendwann zu ruhig wird.