Gerlachshausen/Kitzingen   Manchem Gartenbesitzer mag bei diesem Anblick das Herz bluten: Immer wieder stößt Lothar Seufert den Spaten tief in den Boden, ruckt am Stiel, zerrt, wendet viel Kraft auf, um den Boden von Lupinen samt ihrem kräftigen Wurzelwerk zu befreien. „Die haben hier nichts verloren“, sagt er. Ließe der staatlich geprüfte Natur- und Landschaftspfleger sie einfach weiter wachsen, würden sie die wertvollen, geschützten Pflanzen im Naturschutzgebiet Sandfluren verdrängen.

Treffpunkt wenige Kilometer hinter Gerlachshausen: Eine Wiese neben dem Radweg. Ob sie die Blicke der Vorbeifahrenden auf sich zieht? Wohl eher nicht. Unscheinbar sieht sie aus, der eher trockene Boden schimmert durch, leuchtend bunte Blumen sucht der Blick vergeblich. „Hier stehen Schätzchen“, sagt dagegen Lothar Seufert, geht in die Knie, schiebt die Hand vorsichtig unter die Blüte einer Sandgrasnelke. Die Pflanze mit den runden, zartrosa Blütenköpfen gedeiht auf trockenem, sandigen Boden und findet damit im 105 Hektar großen Naturschutzgebiet Sandfluren zwischen Schwarzach, Sommerach und Volkach ideale Voraussetzungen. Eine Tafel am Radweg informiert darüber, was hier alles so kreucht und fleucht und was geschützt werden muss an seltenen Pflanzen und Tieren.

Warum Lupinen stören können

Naturschutz auf diesem Gebiet bedeutet nicht, die Natur sich selbst zu überlassen. Die Wiese zum Beispiel, an der Lothar Seufert gerade steht, wird einmal im Jahr gemäht, die große Fläche maschinell, kleinere Bereiche mit der Hand. „Würden wir das nicht machen, hätten wir hier eine Buschlandschaft“, sagt der geprüfte Natur- und Landschaftspfleger aus dem Dettelbacher Ortsteil Brück, der auf verschiedenen Flächen im Landkreis immer dann Hand anlegt, wenn die Untere Naturschutzbehörde oder der Landschaftspflegeverband ihn anweist.

So wie an diesem Tag. Felix Pfeifer, Naturschutzfachkraft am Landratsamt, hat in Abstimmung mit dem Landschaftspflegeverband angerufen: Ein Stück weiter im Inneren der Sandfluren machen sich auf einer Wiese Lupinen breit. „Die müssen raus, schnellstmöglich.“ Der Laie mag sich darüber wundern, warum die lila blühenden Blumen, die im Garten doch ein gern gesehener Hingucker sind, hier stören sollen. Ein Natur- und Landschaftspfleger weiß es sehr wohl. Welche Pflanzen wo wachsen, was schützenswert ist, welche Bereiche wie gepflegt werden müssen, wann was erlaubt ist draußen in der Natur – alles das wird bei einer Fortbildung vermittelt, die Lothar Seufert schon 2006/2007 absolviert hat.

Ein Faible für die Natur

Ursprünglich hat der Dettelbacher Erzieher gelernt, später dann eine Ausbildung im Gartenlandschaftsbau absolviert. „Ich habe ein Faible für die Natur, aber ich kannte viele Hintergründe nicht“, erklärt er, warum er sich für die Fortbildung zum geprüften Natur- und Landschaftspfleger entschieden hat. Viel Zeit hat ihn das gekostet und viel Geld. Aber die Investition hat sich gelohnt, findet er. „Schon die ersten paar Wochen waren ein riesiges Aha-Erlebnis.“ Die Zusammenhänge in der Natur kennenzulernen und zu erfahren, wie sich sein eigenes Tun auf die Natur auswirkt, das habe ihn wachgerüttelt. Er habe sich verändert, sagt Lothar Seufert über die Zeit seit der Fortbildung. „Ich bin nicht mehr der Alte.“ Ohne den Lehrgang hätte er sich auch nicht entschieden, 2014 in die Biolandwirtschaft einzusteigen. „Ich habe 3,5 Hektar Streuobstfläche, überall verteilt.“ Seine Produkte vermarktet er über die Main-Streuobst-Bienen e.G.

Nach der Fortbildung hat Lothar Seufert sich zunächst dem LBV Dettelbach angeschlossen und dort erste ehrenamtliche Pflegetätigkeiten übernommen, im Januar 2008 folgte ein Auftrag vom Landschaftspflegeverband Würzburg. „Mit einem Kollegen habe ich ein Seeufer entbuscht“, erinnert er sich. „Das waren die ersten Euro, die ich dank der Fortbildung verdient habe.“ Ende 2008 ist er aufs Landratsamt Kitzingen zugegangen, hat sich beim Landschaftspflegeverband gemeldet. Die Reaktion von Ewald Ruppert ist ihm im Gedächtnis geblieben. „Wir müssen viele Streuobstbäume pflanzen, und das machen Sie“, habe der gesagt. 176 Bäume hat Seufert gepflanzt, verteilt auf 28 Äcker von Martinsheim bis Järkendorf, insbesondere als Lebensraum für den Ortolan. 2009 kam von der Unteren Naturschutzbehörde dann der Auftrag im Naturschutzgebiet Sandfluren hinzu. „Ich sollte mähen, weil ich ein Messerbalkenmähwerk hatte.“ Das mäht langsam und zehn Zentimeter über dem Boden. „Das ist weniger schädlich als der Kreiselmäher, der schneller mäht und eine Sogwirkung entfacht“ – für den Artenschutz natürlich nicht ideal und nur um den geht es auf den Sandfluren. Welches Gerät wofür geeignet ist, auch das hat Seufert in der Fortbildung gelernt. „Und danach musste ich mir die Maschinen erst mal anschaffen. Denn wer selbstständig arbeiten will, muss sich ausrüsten.“

Der Ruf des Pirols

Inzwischen ist Seufert schon lange gut ausgerüstet und hat auch längst den Blick für die Landschaft entwickelt. „Der Bewuchs ist ein Hinweis darauf, auf welchem Boden man steht. Ob er sandig ist, ob es Wasseradern gibt.“ Und er kennt die Tiere. „Da drüben sitzt ein Grünspecht“, sagt er mitten im Gespräch und deuten auf einen weit entfernten, dürren Baum. Man muss schon genau hinschauen, um zu entdecken, dass dort tatsächlich gerade ein Vogel Insekten aus dem Totholz pickt. „Hören Sie, ein Pirol!“, sagt er wenig später, als er den Lupinen zu Leibe rückt. „Den sieht man nicht, der ist scheu.“

Vom Ruf des Pirols bekommt Felix Pfeifer in seinem Büro im Landratsamt nichts mit, er gehört zu denjenigen, die die Einsätze organisieren. Trotzdem hat auch er die Fortbildung zum geprüften Natur- und Landschaftspfleger absolviert. Nach dem Biologiestudium hat er festgestellt, dass er mehr über die praktische Arbeit erfahren will. Bei diesem Kurs bekommt man detaillierte Kenntnisse von der Arbeit, aber auch davon, wie die Landschaft entstanden ist, wie sie genutzt und gepflegt wird. „Man muss wissen, was wie gemacht werden kann, soll und muss“, findet Pfeifer, der als Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde in die Entscheidung über die Maßnahmen eingebunden ist, die der Landschaftspflegeverband an Lothar Seufert und andere Natur- und Landschaftspfleger sowie Landwirte vergibt. „Wir müssen alle Flächen immer wieder ansehen, vor und nach der Pflege und auch unter dem Jahr.“ Nur so ist zu erkennen, ob die Pflegemaßnahmen etwas bewirken. Bei einer solchen Begehung ist aufgefallen, dass sich in den Sandfluren die Lupinen breit machen und so nicht nur den Platz erobern, der eigentlich für die geschützten Pflanzen da sein soll, sondern auch den Boden mit Stickstoff anreichern. „Dadurch kann die Qualität der Sandflächen zerstört werden“, erklärt Felix Pfeifer.

Der Ginster nimmt überhand

Ein ähnliches Problem gibt es am Astheimer Düringswasen, einem der hochwertigsten Sandmagerrasengebiete in Deutschland, „wenn nicht sogar in ganz Mitteleuropa“, so Pfeifer. Der Ginster hat dort überhand genommen und droht den Sandmagerrasen zu überwuchern. Früher wurde er händisch beseitigt und dann mit dem Bulldogg. „Aber das reicht nicht.“ Also wurde in diesem Winter mit dem Bagger gearbeitet, um den starken Ginsterbewuchs endlich zurückzudrängen. Ob damit die Lösung gefunden ist, wird sich noch herausstellen. Pfeifer und seine Kollegen werden die Flächen immer wieder kontrollieren.

Genauso wie die Fläche, auf der Lothar Seufert gerade mit den hartnäckigen Wurzeln der Lupinen kämpft. Hat er sie alle beseitigt, wartet schon der nächste Auftrag. Es geht in den Landkreis Hassberge auf Streuobstwiesen – Baumscheiben freilegen und Verbissschutz erneuern. Alles Arbeiten, die ihm unglaublich viel Spaß bereiten. Dass er geprüfter Natur- und Landschaftspfleger geworden ist, hat er noch keine Sekunde bereut, im Gegenteil: „Ich bin heilfroh, dass ich das gemacht habe.“

Info: Der nächste Lehrgang zum Geprüften Natur- und Landschaftspfleger startet im September, Anmeldeschluss ist der 30. Juni.