Kitzingen Die Pandemie hat inzwischen fast alle Bereiche fest im Griff, mit der Testpflicht in Unternehmen bald auch die Arbeitswelt. Wie aber sieht der Alltag in einem ganz besonderen Arbeitsumfeld aus – bei den Mainfränkischen Werkstätten? An 35 Standorten sind rund 1200 Menschen mit Behinderung beschäftigt, dazu kommen 109 Arbeitsplätze in den Partnerfirmen. Wie gehen sie mit den Corona-Regeln um? Was bedeuten die Einschränkungen für diejenigen, die ohnehin schon mit Einschränkungen leben müssen? Dieter Körber, Geschäftsführer der Mainfränkischen Werkstätten in Würzburg und verantwortlich für den Bereich Kitzingen, hat erstaunliche Antworten parat – und hofft in dieser schweren Zeit auf das Glück des Tüchtigen.

Wie weit ist die Pandemie in die Einrichtungen der Mainfränkischen Werkstätten eingedrungen?

Dieter Körber: Wenn Sie heute in eine unserer Werkstätten gehen, werden sie sie nicht wiedererkennen. Die Arbeitsgruppen wurden verkleinert, es gibt eine Maskenpflicht am Arbeitsplatz und auf dem Gelände, die Arbeitsplätze sind auf Mindestabstand eingerichtet. Wir empfangen keine externen Besucher, die Wege werden im Einbahnstraßenverkehr zurückgelegt. Sicherheit und Hygiene werden groß geschrieben.

Verstehen die Mitarbeiter, im Besonderen natürlich die geistig und körperlich beeinträchtigten, die Notwendigkeit der Vorgaben und setzen sie um?

Körber: Sie glauben gar nicht, wie gut gerade die Menschen mit Behinderung sie umsetzen. 90 Prozent haben sich unglaublich gut darauf eingestellt. Es haben sich richtige Gemeinschaften gebildet, in denen jeder auf jeden aufpasst. Sie sind selbstbewusst genug, um die anderen daran zu erinnern, dass sie zum Beispiel nach der Busfahrt ihre Maske wechseln müssen. Natürlich muss man die Regeln immer wieder neu einüben, wenn jemand länger zu Hause war und wieder zurückkommt. Grundsätzlich tragen sie alle aber die Maßnahmen mit und sind froh, wieder arbeiten zu dürfen.

War das zwischenzeitlich nicht möglich?

Körber: Wir haben, in Absprache mit dem Team, den Eltern und den Partnerfirmen, durchgehend eine Notbetreuung angeboten. Gleichzeitig konnten wir aber auch zu denjenigen, die nicht kamen, Kontakt halten. Wir haben einen Youtube-Kanal eingerichtet und hybride Bildungsangebote organisiert, so dass die Leute auch in der Betreuung zu Hause mit Arbeits- und Lernmaterial versorgt waren.

Und wie erging es denjenigen, die in den Wohnheimen untergebracht sind?

Körber: Wir haben dort nur soviel eingegriffen, wie es nötig war. Dort, in ihrem privaten Bereich, zum Beispiel eine Maske tragen müssen, war für viele befremdlich und wir haben deswegen auch nicht darauf bestanden. Im letzten Frühjahr gab es zum Teil Betretungsverbote. Darum haben wir nicht nur die AHA+L-Regeln dort vorgestellt und eingeübt, sondern den Bewohnern auch gezeigt, wie sie via Skype, Teams, Zoom etc. trotzdem mit ihren Angehörigen, mit den Freunden oder den Partnern kommunizieren können. Und natürlich durften sie das Wohnheim auch verlassen. Wir fallen zwar leider unter den Bereich der Alten- und Pflegeheime, obwohl ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung ganz was anderes ist. Unsere Bewohner sind in der Regel zwischen 20 und 80 Jahren alt, sehr mobil und kontaktfreudig. Der Kontakt konnte dann aber auch vermehrt digital erfolgen: Alle Wohngruppen wurden mit Tablets ausgestattet und den Mitarbeitern die Sozialen Netzwerke näher gebracht.

Da waren die Wohnstätten letztes Jahr schon besser ausgestattet als manche Schule es heute ist.

Körber: Wir haben nicht lange gefragt, sondern einfach gemacht.

Einfach mal machen – das wünscht man sich in der aktuellen Situation auch von manch anderem Entscheidungsträger...

Körber: Man kann das natürlich nicht alleine tun. Das ganze Team ist über Grenzen hinausgegangen. Aber wir wollten einfach keinen unserer Leute verlieren, dadurch, dass ihre Struktur wegbricht. Wir haben psychosoziale Begleitung angeboten, ein Krisentelefon eingerichtet – das übrigens gerne auch einmal mitten in der Nacht geklingelt hat...

Das alles hört sich nach einer Art von Vorreiterschaft bei der Bewältigung von Corona-Folgen an.

Körber: Vorreiterschaft – ich weiß ja nicht. Ich bin unheimlich stolz darauf, was jeder einzelne unserer Mitarbeiter geleistet hat. Wir haben Anfang März 2020 sofort Masken besorgt, um dann schnell reagieren zu können, haben teilweise in den Werkstätten selbst genäht. Wir haben sehr schnell von Stoffmasken auf OP- und im August schon auf FFP2-Masken umgestellt. Wir haben sehr schnell, aber auch sehr sozial reagiert, als unser erster Fall aufgetreten ist. Wir haben die Familie begleitet, Essen geliefert, ihr immer wieder Zuversicht zugesprochen, weil der Erkrankte mit einem schweren Verlauf zu kämpfen hatte. Auch im aktuellen Fall im Kitzinger Wohnheim in der Tannenbergstraße haben wir in Absprache mit den BRK und dem Gesundheitsamt schnell handeln können, das Team isoliert, die Werkstatt desinfiziert, ein Ersatzwohnheim organisiert. Solche Schreckensszenarien gehören aber hoffentlich bald der Vergangenheit an.

Wieso glauben Sie das?

Körber: Zum einen haben wir vor über einem Jahr eine konsequente Teststrategie auf den Weg gebracht, mit anlassbezogenen Tests. Gab es einen Infektionsverdacht, sind sorot alle zur Teststrecke begleitet worden. Dann haben wir 200 Mitarbeiter zu „Schnelltestern“ ausbilden lassen und zum Beispiel zu Ostern ein Testangebot gemacht. Hier haben sich viele Mitarbeiter angeboten, sich ausbilden zu lassen. Einfach, um helfen zu können. Zum zweiten sind wir in allen unseren Einrichtungen mit den ersten Schutzimpfungen durch und haben auch schon die Termine für die zweite. Hier möchte ich die mobilen Impfteams des BRK wirklich lobend erwähnen: Sie sind auf die besonderen Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung eingegangen, haben sich viel Zeit genommen. Das war aber auch nur möglich, weil wir dann eben mal für einen Tag eine komplette Werkstatt fürs Impfen geschlossen haben.

Dann kann man in den Einrichtungen der Mainfränkischen Werkstätten bald aufatmen?

Körber: Zumindest einmal durchatmen. Im Moment ist die Anspannung schon noch sehr hoch. Die britische Mutation bereitet auch uns große Sorge. Jetzt heißt es Daumen drücken bis zur zweiten Impfung. Ich hoffe, das Glück des Tüchtigen ist uns bis dahin weiter hold. Wir, das Team und alle unsere Mitarbeiter hätten es uns wirklich verdient.

Die Organisation

Gründung Die Mainfränkischen Werkstätten bieten Menschen mit Behinderung seit 45 Jahren Bildung und Arbeit.

Struktur Die Werkstätten sind dem Lebenshilfe e.V. und dem Verein für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung unterstellt. Sie gliedern sich in vier Bereiche: Das Inklusionsunternehmen führt die Modell-Integrations-Gesellschaft (MIG), zu deren Dienstleistungen Gebäudereinigung, EDV, Garten- und Landschaftspflege gehören, sowie das Inklusions-Catering Mainfranken (InCa), das in Gastronomie und Einzelhandel sowie vielen weiteren Einrichtungen für die Gemeinschaftsverpflegung sorgt. Für die Bereiche Wohnen, Beratung und weitere Dienstleistungen zeichnen die Lebenshilfe Wohnstätten Mainfranken, der Integrationsfachdienst (ifd) und die Service GmbH verantwortlich. Zu den Mainfränkischen Werkstätten gehört außerdem der Fachbereich Inklusiv, zur MIG das Angebot der beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen (BQM).

Standorte Mit zwei Werkstätten und dem Fachbereich Inklusiv sowie dem Theater Augenblick in Würzburg, je einer Werkstatt in Kitzingen, Ochsenfurt, Gemünden, Marktheidenfeld und Wernfeld, einer Betriebsstätte in Schwarzenau und dem Tierpark in Sommerhausen ist die Mainfränkische Werkstätten GmbH in ganz Unterfranken vertreten.

Leitung An der Spitze der Mainfränkischen Werkstätten GmbH steht Geschäftsführer Dieter Körber, unterstützt wird er vom technischen Leiter Peter Estenfelder, dem Leiter der Verwaltung Simon Haupt und der Verantwortlichen für Arbeit, Bildung und Inklusion Madeleine Leube.

Mehr Info gibt es unter Tel. 0931-200 220 oder per Mail an info@mfw-gmbh.com