Münsterschwarzach Wie sieht die Zukunft des Religionsunterrichts in Deutschland aus? Hat er überhaupt eine Zukunft? Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigten sich von Donnerstag bis Samstag letzter Woche rund 150 Religionslehrer aus Bayern. Der Verband katholischer Religionslehrer und Religionslehrerinnen an den Gymnasien in Bayern (KRGB) hatte ins Kloster Münsterschwarzach eingeladen. Professorin Dr. Claudia Gärtner von der Technischen Universität Dortmund hielt einen Gastvortrag. Sie ist von der Relevanz und Notwendigkeit des Religionsunterrichts überzeugt. „Mehr denn je.“

Warum ist der Religionsunterricht auch im Jahr 2018 noch bedeutsam?

Claudia Gärtner: Der Religionsunterricht bietet in der Schule einen Ort, um über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. Es geht dort um Sinnsuche, um religiöse Orientierung, aber auch zum Beispiel um die Würde des Menschen und um unsere Verantwortung für die Schöpfung. Also auch um hochaktuelle gesellschaftliche Themen. Es bleibt dem Religionsunterricht vorbehalten, diese Werte an unsere jungen Menschen weiterzugeben.

Aber die Welt wandelt sich rasant.

Gärtner: Gerade deshalb brauchen wir den Religionsunterricht. Ich habe vor kurzem auf einer Tagung mit einem Wissenschaftler aus dem Bereich Informatik gesprochen. Er hat mich geradezu angefleht, auch weiterhin theologische Inhalte in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.

Warum?

Gärtner: Junge Menschen können heutzutage so viele Dinge verändern. Sie programmieren, sie sind in digitalen Welten unterwegs. Aber über all dem muss doch die Frage stehen: Was macht das mit unserer realen Welt, mit uns Menschen, mit unserer Umwelt?

Religiöse Traditionen gehen scheinbar nach und nach verloren.

Gärtner: Ja. Und der Religionsunterricht kann dem etwas entgegensetzen. Aber nicht nur in dieser Frage ist er essenziell.

Wo noch?

Gärtner: Die Zahl von Kindern, die unter Stress, Leistungsanforderungen, teils Depressionen leiden, steigt. Viele Jugendliche fühlen sich bedrängt, unfrei. Da hat die Religion etwas zu bieten.

Lassen sich junge Menschen überhaupt durch den Religionsunterricht erreichen?

Gärtner: Natürlich. Voraussetzung ist, dass die Lehrer genau wahrnehmen, wo die Schülerinnen und Schüler gerade stehen. Wenn sie deren Sinn- und Orientierungssuche ernst nehmen und ein religiöses Deutungsangebot machen, dann erreicht man die Schülerinnen und Schüler. Wir brauchen dafür natürlich eine andere Didaktik als früher. Es darf nicht mehr heißen: Du bist sündig und wirst von uns erlöst. Es geht vielmehr darum, dass man als christlicher Mensch nicht perfekt sein muss.

Warum ist das für junge Menschen so wichtig?

Gärtner: Weil sich viele Schüler als nicht perfekt erleben. Sie inszenieren sich in sozialen Medien und dieses Bestreben nach vermeintlicher Perfektion ist für sie eine große Belastung. Die christliche Tradition kann da etwas Befreiendes entgegensetzen.

Nämlich?

Gärtner: Die Botschaft: Du bist erst einmal von Gott angenommen, so wie du bist.

Auf der anderen Seiten treten immer mehr Erwachsene aus den Kirchen aus, Familien mit anderen religiösen Wurzeln ziehen nach Deutschland. Wie kann der Religionsunterricht diesen Wandel abbilden?

Gärtner: Die religiöse Vielfalt in unserem Land empfinde ich als Bereicherung. Und es ist mir ein großes Anliegen, dass wir unsere pädagogischen Bemühungen für einen islamischen Unterricht in den Schulen verstärken.

Warum?

Gärtner: Weil auch muslimische Kinder und Jugendliche einen Raum innerhalb unserer Gesellschaft brauchen, wo sie sich mit ihrer Religion auseinandersetzen können. Manche Moscheegemeinden sind nationalistisch geprägt. Es braucht also einen anderen Ort, wo muslimischer Unterricht stattfinden kann.

Und wo werden die Lehrkräfte dafür geschult?

Gärtner: Genau wie ihre katholischen oder evangelischen Kolleginnen und Kollegen: An deutschen Universitäten. Im Grundgesetz steht übrigens, dass Religionsgemeinschaften für den Unterrichtsinhalt verantwortlich sind, nicht ausschließlich die Kirchen. Das wird manchmal verwechselt. Der Staat stellt die Rahmenbedingungen zur Verfügung.

Die zwei großen Kirchen in Deutschland unterrichten nach wie vor getrennt voneinander. Ist das noch zeitgemäß?

Gärtner: Da hat es in den letzten Jahren schon Veränderungen gegeben. Der so genannte konfessionell kooperative Unterricht läuft in etlichen Bundesländern sehr gut.

Was versteht man darunter?

Gärtner: Mal unterrichtet eine katholische Lehrkraft, mal eine evangelische. Sie wechseln sich ab. In den jeweiligen Klassen sitzen katholische und evangelische Schülerinnen und Schüler zusammen. Diese Organisationsform ist gerade in denjenigen Schulen hilfreich, in denen rein katholische oder evangelische Lerngruppen nicht mehr gewährleistet werden können.

Und das funktioniert in der Praxis?

Gärtner: Das Gelingen hängt immer auch von personellen Faktoren ab. Aus didaktischer Sicht sehe ich hohe Lernchancen. Man ist automatisch im Dialog, muss auch mal eigene Überzeugungen und Anschauungen reflektieren.

Gibt es auf lange Sicht genug Lehrkräfte für das Fach Religion?

Gärtner: Wir verzeichnen nach wie vor eine hohe Nachfrage nach dem Theologiestudium für das Lehramt. An den Priesterseminaren sieht das bekanntermaßen anders aus.

Wird es die Doppelfunktion des Pfarrers als Lehrer auch weiterhin geben?

Gärtner: In vielen Bereichen ist der Priestermangel schon jetzt so eklatant, dass Pfarrer nicht mehr unterrichten. Dieser Trend wird sich in der Zukunft noch verstärken.

Hat Sie die Tagung in Ihrer Sichtweise bestärkt?

Gärtner: Ich war wieder einmal beeindruckt von den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern. Sie sind mit einem sehr hohen persönlichen und fachlichen Engagement tätig. Ich befürchte, dass diese menschliche und fachliche Ressource in den Schulen manchmal gar nicht die Wertschätzung erfährt, die sie verdient. Wir müssen uns nur mal vorstellen, wie Schule aussehen würde, wenn es keine Religionslehrerinnen und -lehrer mehr gäbe. Das Schulleben wäre dann ein ganzes Stück ärmer.