Reichtum ist viel, Zufriedenheit ist mehr, Gesundheit ist alles – Wahrscheinlich kann jeder, der irgendwann mal ernsthaft krank war, dieses asiatische Sprichwort bestätigen. Manchmal ist es kompliziert mit der Gesundheit; manchmal hilft nur eine ganzheitliche Betrachtung von Körper, Geist und Seele, um ein Leiden endgültig loszuwerden. Nach diesem Credo hat Renate Stichel-Gürck die Stadt-Apotheke in Mainbernheim geführt. Als sie sich nach einer gleichgesinnten Nachfolgerin umsah, befürchtete sie die „Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen“. Doch dann kam Dr. Angela Klein direkt ins Haus. Gemeinsam sprechen die beiden Fachfrauen über Schul- und Alternativmedizin – und darüber, welche Rolle die Angst bei Erkrankungen spielt.

Ihr Wissen in Sachen Naturheilkunde hat Sie über die Kreisgrenzen hinaus bekannt gemacht, Frau Stichel-Gürck. Warum wollen Sie die 1683 gegründete Stadt-Apotheke nicht mehr weiterführen?

Renate Stichel-Gürck: Ich bin jetzt 64 Jahre alt und möchte die Übergabe der Apotheke gern fließend mitgestalten. Aus meiner Familie gibt es keinen Nachfolger. Deshalb habe ich extern gesucht. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich jemanden finde, der so 100-prozentig passt. Aber dann kam Frau Dr. Klein. Ein Sechser im Lotto!

Angela Klein: Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, selbst eine Apotheke zu führen. Aber ich hätte nie gedacht, dass es einen Ort gibt, an dem einfach alles passt. Aber so ist es hier in Mainbernheim! Ich bin überglücklich, die Apotheke ab April führen zu dürfen – und ich freue mich, dass Renate Stichel-Gürck auf jeden Fall noch eine ganze Zeit lang im Team mitarbeiten wird.

Was verbindet Sie beide so stark?

Stichel-Gürck: Unsere Philosophie. Jeder Mensch ist einzigartig. Wenn zwei Menschen die gleiche Diagnose bekommen, heißt das noch nicht, dass sie genau die gleiche Beratung oder die gleichen Mittel brauchen, um gesund zu werden. Die Behandlung muss quasi maßgeschneidert sein, genau auf den jeweiligen Menschen und seine Bedürfnisse abgestimmt. Man muss den Menschen ganzheitlich sehen – und die Ursache seines Leidens bekämpfen, nicht nur die Symptome. Da sind Angela Klein und ich uns völlig einig.

Klein: Genau. Die alten Naturheilkundler haben die Ursachenforschung bis zur Perfektion getrieben. Körper, Geist und Seele sind untrennbar verbunden. Das darf man nie vergessen, wenn man jemanden begleitet und Symptome analysiert.

Dafür muss man den jeweiligen Menschen dann aber auch recht gut kennen.

STICHEL-GÜRCK: So ist es. Die Stadt-Apotheke Mainbernheim hat viele Stammkunden, die ihre Patientendaten hinterlegt haben. So sehen wir die Gesamt-Medikation und können darauf achten, dass es keine unerwünschten Neben- und Wechselwirkungen gibt – das kann nämlich passieren, wenn zum Beispiel unterschiedliche Ärzte Arzneimittel verschreiben, ohne voneinander zu wissen, oder wenn zusätzlich ein freiverkäufliches Schmerzmittel eingenommen wird.

KLEIN: Auch können weitere Empfehlungen für die Selbstmedikation auf das Gesamtbild abgestimmt werden.

Welchen Stellenwert hat bei Ihnen die Schulmedizin?

STICHEL-GÜRCK: Wir sind beide Fachfrauen für Schulmedizin, aber auch beide ganzheitlich ausgebildet. Wir haben den gleichen Leitsatz: „Wer heilt, hat Recht.“ Bei uns gibt es kein Schwarz-Weiß-Denken.

KLEIN: Beide Gebiete ergänzen sich in ihren Stärken: Ist zum Beispiel ein Antibiotikum nötig, können etwaige Nebenwirkungen mit naturheilkundlichen Mitteln abgemildert werden. Mann muss die Grenzen der Selbstmedikation sehr genau beachten und darf keine Risiken eingehen. Nicht selten müssen wir Patienten auch anraten, ihre Symptome ärztlich abklären zu lassen.

Während der Pandemie ist es vielen Menschen wichtig, ihr Immunsystem zu stärken. Was raten Sie?

KLEIN: Da gibt es viele Stellschrauben, je nach Ernährung und Lebensart. Auch hier gilt: Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Immunsystem hat seine Stärken und Schwächen, die sich im persönlichen Gespräch herausstellen.

Stichel-Gürck: Oft haben wir heuer festgestellt, dass der Vitamin-D-Spiegel viel zu niedrig ist. Das wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus, aber auch auf die Knochendichte und die Psyche.

Apropos Psyche. Inwieweit spielt unsere seelische Verfassung eine Rolle beim Gesundbleiben?

Stichel-Gürck: Die Psyche ist eine der Säulen unserer Gesundheit. Eine starke Psyche ist in jeder Krise enorm wichtig. Gerät die Psyche ins Wanken, wankt der ganze Mensch...

Klein: ...und kann krank werden. Paracelsus hat mal gesagt: „Alle Krankheiten beginnen im Darm.“ Jüngste Forschungen geben ihm tatsächlich Recht. Unser Darm sendet Botenstoffe ans Gehirn aus, die unser Denken und unsere Gefühle – und somit unsere Psyche – steuern. Sprichwörter wie „Der Mensch ist, was er isst“ oder „Das schlägt mir auf den Magen“ weisen auch darauf hin, wie stark Körper, Geist und Seele, also Psyche, zusammenhängen.

Haben Sie seit Beginn der Coronakrise vermehrt psychische Probleme bei den Kunden bemerkt?

Klein: Viele Menschen haben verstärkt nach vorbeugenden Mitteln gefragt, damit sie gar nicht erst in ein Loch fallen. Viele kommen aber auch mit Angst, Panik oder Depressionen zu uns – sogar Kinder. Menschen, die verzweifelt sind, fragen, was sie dagegen tun können.

Und was können sie dagegen tun?

Klein: Angst lähmt! Deshalb gilt es, sich nicht auf das Negative zu fokussieren, sondern auf das, was gut geht. Gerade in der Naturheilkunde kann man die Medikation ganz individuell auf die Person abstimmen, zum Beispiel bei den spagyrischen Essenzen – das sind besonders aufbereitete Wirkstoffe aus Pflanzen, die das Selbstheilungspotenzial fördern. Davon haben wir über 110 in unserer Apotheke vorrätig, mit denen wir verschiedene Rezepturen, unter anderem zur besseren Stressbewältigung, erstellen.

Stichel-Gürck: Wir raten den Menschen aber nicht nur dazu, Substanzen einzunehmen, sondern sich im Alltag generell zu stärken, etwa indem sie jeden Tag kleine, positive Erlebnisse aufschreiben oder Autosuggestion betreiben.

Sind alle Menschen, die in die Apotheke kommen, solchen Dingen gegenüber aufgeschlossen?

Klein: Man kann bei uns auch einfach sein Rezept abgeben, seine Medizin abholen oder sich Kompressionsstrümpfe anpassen lassen – und wieder gehen. Aber oft ist es schon so, dass sich Menschen beim Beratungsgespräch in der Apotheke öffnen und ihre ganz individuelle Geschichte erzählen. Wenn das Gegenüber gerade eine schwierige Zeit durchlebt, kann schon mal die eine oder andere Träne der Dankbarkeit fließen. So etwas löst natürlich auch in einem immer etwas aus.

Zur Person:

Renate Stichel-Gürck: Am 1. Januar 1983 begann sie ihre Tätigkeit in der Stadt-Apotheke Mainbernheim, die schon ihre Eltern und Großeltern geführt hatten. Die Fachapothekerin für Offizinpharmazie bildete sich vor allem in den Bereichen Homöopathie, Spagyrik, Phytotherapie, Kinesiologie, Blütenessenzen und Entgiftung fort. Die Spezialgebiete der 64-Jährigen sind die Zusammenstellung von Individualrezepturen sowie eine naturheilkundliche Begleitung bei Impfungen und Operationen.

Dr. Angela Klein: Dr. Angela Klein (42) hat sich schon früh für Naturheilverfahren interessiert. Nach ihrem Pharmazie-Studium absolvierte sie bei einem tibetischen Arzt in Mailand innerhalb von vier Jahren eine Zusatzausbildung in Traditioneller Tibetischer Medizin. In Österreich erforschte sie, was auf molekularer Ebene in menschlichen Zellen nach der Behandlung mit tibetischen Arzneimitteln passiert. Die Heilpraktikerin und Apothekerin übernimmt die Mainbernheimer Stadt-Apotheke zum 1. April und wird dann mit ihrer Familie auch in Mainbernheim wohnen.