Frau Müller schiebt ein Handy unter das Bildschirmlesegerät, tippt auf den Tasten herum, wischt von einem Foto zum nächsten. Bunte Steine sind zu sehen, dann grüne, als Kakteen gestaltet. „Das sind meine, die hab ich gebastelt“, ruft sie freudig. Dass sie ihrem Hobby nachgehen und die Fotos auch noch auf dem Handy zeigen kann, ist alles andere als selbstverständlich. Frau Müller ist 90 Jahre alt, ihre Sehkraft beträgt nur wenige Prozent.

Blindeninstitut, Haus 7, zweiter Stock. Frau Müller (Name geändert) ist mit ihrer Tochter aus einer Gemeinde im Landkreis Kitzingen nach Würzburg gekommen, um sich bei Optometristin Anna-Maria Koob-Matthes darüber zu informieren, welche Hilfsmittel ihr den Alltag erleichtern könnten. Alleine wohnen, sich zumindest teilweise selbst versorgen? Das scheint unmöglich. Das eine Auge geschädigt von einer Borreliose, das andere von einer starken Makuladegeneration. Nur noch fünf beziehungsweise zwei Prozent Sehkraft, da lässt sich kaum noch was erkennen. Mit Spritzen versuchen Medizinier, die Augenkrankheit aufzuhalten, verbessern lässt sich in derartigen Fällen meist nichts mehr.

Betroffene sind oft ratlos

Viele Betroffene setzen ihre Hoffnung auf eine neue Brille, doch das endet oft enttäuschend. „Es geht um das Zusammenspiel von Auge und Gehirn“, erklärt die Optometristin. „Das Auge ist der Fotoapparat, das Gehirn verarbeitet die Information. Aber wegen der Augenkrankheit werden die Reize nicht ins Gehirn weitergeleitet.“ Da helfe meist auch eine neue Brille nichts. Betroffene wie Angehörige sind ratlos, kaufen Lupen, versuchen sich an verschiedenen Hilfsmitteln. „Aber je mehr sie ausprobieren, desto mehr verlieren sie die Lust“, weiß Anna-Maria Koob-Matthes. Hoffnungslosigkeit macht sich breit, der Frust sitzt tief.

Dabei gibt es viele Hilfsmittel, die das Leben erleichtern, auch wenn man kaum noch etwas sieht – von der einfachen Lupe über die Lupe mit Licht bis zum Bildschirmlesegerät, von der Spezialsonnenbrille gegen Blendung über das Telefon mit Großtasten bis zur sprechenden Uhr. Wichtig ist, das Angebot zu kennen und vor allem daraus das richtige für den Patienten zu finden. Hier bietet die Sehhilfenberatung des Blindeninstituts einen guten Überblick. „Frau Müller bastelt gern“, sagt Anna-Maria Koob-Matthes, ideal ist also ein Betrachtungsgerät mit ausreichend Abstand zwischen Ablage und Bildschirm, damit sie genug Platz zum Malen hat – während unter einem anderen vielleicht nur Platz für die Zeitung ist. Frau Müller probiert die Geräte in Würzburg aus und beweist damit erstaunliches Geschick. Schnell hat sie verstanden, wie sie das Handy unter das Gerät legen muss, damit sie die Tasten groß erkennt oder die Dateien aufrufen kann. So mancher junge Mensch täte sich da schwerer. Gemeinsam mit ihrer Tochter kann sie entscheiden, welches Gerät das richtige für sie ist. Kaufen können sie es in der Sehhilfenberatung nicht. „Wir beraten nur“, stellt die Optometristin klar.

Wichtig: Miteinander reden

Anna-Maria Koob-Matthes und ihren Kollegen geht es dabei nicht nur um die technische Ausstattung. Ist die Sehkraft stark eingeschränkt, gibt es viele einfache Tipps und Tricks. „Sie hat überall Punkte hingeklebt“, erzählt Frau Müller und deutet auf ihre Tochter. Neben dem richtigen Programm an der Wasch- und der Spülmaschine, am Einschaltknopf an der Fernbedienung und auf dem Müllabfuhrkalender sind jetzt leuchtend bunte Markierungen angebracht, damit die Mutter sich zurechtfindet. Die Tochter hat alle Teppiche, die zur Stolperfalle werden könnten, weggeräumt. Sie hat buntes, einfarbiges Papier einlaminiert – als Tischset, auf dem sich das Geschirr deutlich von der Tischplatte unterscheidet. Ein weißer Teller auf dem weißen Tisch, zu viele Muster? Da geht schnell etwas zu Bruch – was den Frust wieder erhöht.

„Es ist sehr hilfreich, wenn die Angehörigen so engagiert sind“, sagt Koob-Matthes über die Familie Müller. Nicht immer ist das der Fall. Viele Situationen sind streitbehaftet: Warum behauptet der Vater, dass er nichts sieht und mäkelt ein paar Minuten später über Krümel am Boden? Wer nicht weiß, dass der Betroffene bei einer Makuladegeneration das Zentrum des Sehfeldes kaum erkennt, aber die Sachen am Rand deutlich, wird das nicht verstehen. Warum registriert mich die Schwester nicht, wenn ich von rechts komme? Weil das Auge diesen Bereich nicht erkennt und man deshalb möglichst von links an die Person herantreten sollte. Warum sitzt die Mutter immer im Dunklen? Womöglich blendet das Licht zu stark. Wissen Angehörige und im Pflegeheim auch das Personal das alles, wird das Leben für beide Seiten leichter. „Es ist wichtig, dass man miteinander redet“, sagt Anna-Maria Koob-Matthes. Ausreichende Beleuchtung spielt eine große Rolle. „Machen Sie immer das Licht an“, rät Koob-Matthes Frau Müller. Wichtig ist, die Beleuchtung auf den Alltag der Person abzustellen. Wo wird gelesen: am Tisch im Esszimmer, im Sessel im Wohnzimmer? Wo steht der Sessel – am Fenster oder in einer dunkleren Ecke? Auch mit einem verbreiteten Vorurteil räumt die Beraterin auf: „Setzen Sie sich ruhig ganz nah vor den Fernseher. Bei den modernen Geräten ist das nicht schädlich.“

Bevor Frau Müller das Bildschirmlesegerät ausprobiert, wird zunächst ihre Sehkraft kontrolliert. Wie viel und was sieht sie tatsächlich? Sie setzt eine Testbrille auf, muss einen Text vorlesen. „Da sitzen zweieinhalb Frauen“, sagt die 90-Jährige zwischendurch lachend und deutet auf die Tochter und die Reporterin. „Die eine seh ich eineinhalb Mal. Die ist außen gezackt und da sind Wellen.“ Typisch für ihre Augenerkrankung, für den Laien nicht nachvollziehbar. Wie schlecht die Seniorin sieht, wird auch durch die Buchstabengröße deutlich, die sie braucht, um flüssig lesen zu können. Gerade mal das Wort „Wunder“ passt in eine Zeile, vier Zeilen passen aufs DIN A4-Blatt. Die Buchstaben sind 16 mal größer als in der Zeitung. Selbst da muss Frau Müller manchmal raten. „Das ist alles so gedehnt“, sagt sie und zieht ihre Hände weit auseinander. „Es könnten zwei Nuller sein“, sagt sie. Auf dem Papier stehen ein riesiges D und C.

Mancher Patient sieht auch Dinge, die es nicht gibt, erklärt Anna-Maria Koob-Matthes. Als würde eine Maus durchs Blickfeld huschen. „Oft sagen die Menschen das von alleine gar nicht, weil sie Angst haben, sie werden für verrückt erklärt. Deshalb sprechen wir so etwas an.“

Aufklären, informieren, beraten, darum geht es in der Sehhilfenberatung. Ab welcher Restsehstärke man schwerbehindert ist, dass es ein Sehbehindertengeld gibt, mit der man vielleicht eine Haushaltshilfe finanzieren könnte, wo man Hilfsmittel bekommt, was die Krankenkasse zahlt – auf diese und weitere Fragen gibt es Antwort. Auch nichtsprachliche Tests werden durchgeführt, was für Menschen mit Behinderung oder Demenz hilfreich sein kann. Die Beratungskosten werden allerdings in der Regel nicht von der Kasse übernommen, die muss der Patient selbst zahlen.

Info: Sehhilfenberatung im Blindeninstitut Würzburg, Ohmstraße 7, Tel. 0931/2092-2316, Email: beratungszentrum@blindeninstitut.de