Die Fenster sind offen, von draußen dringen die Geräusche vom Pausenhof in den ersten Stock. Den drei Kindern im Klassenzimmer der Siedlungsgrundschule macht das nichts. Sie sind ganz konzentriert. Denn sie haben eine ganz besondere Stunde. Lesepatin Elfi Göbel ist da.

Der 2. April ist der Tag der älteren Generation. Er soll auf die Situation und die Belange der älteren Generation aufmerksam machen. Und die stellt mittlerweile rund 27 Prozent der Bevölkerung. Vorausgesetzt, der Start der älteren Generation wird ab dem 60. Lebensjahr definiert. Die Tendenz ist steigend. Im Jahr 2030 liegt der Anteil laut Prognosen des statistischen Bundesamtes bei 36 Prozent.

Elfi Göbel ist 75 Jahre alt. Und sie gehört zu der wachsenden Zahl von Senioren, die alles andere als zum alten Eisen gehören. Sie engagieren sich auf vielfältige Weise. Beispielsweise im Ehrenamt.

Kimberlys Finger folgt den Zeilen. Konzentriert liest die neunjährige aus dem Buch „Fliegender Stern“. Ihre Klassenkameraden aus der 3a, Britta und Maximilian, lauschen aufmerksam. Sie sind bald an der Reihe.

Seit ungefähr einem Jahr gibt es das Lesepatenprojekt an der Siedlungsgrundschule. Rektorin Heike Schneller-Schneider möchte es nicht mehr missen. Etwa zehn ehrenamtliche Helfer kommen jeden Freitagvormittag, von 10.30 bis 11.15 Uhr, in die Schule und lesen mit den Kindern. „Das ist eine ganz punktuelle Förderung“, freut sich Schneller-Schneider. „Das können die Lehrkräfte in dieser Form gar nicht leisten.“

Nebenmann springt ein

Um 10.30 Uhr stehen die Drittklässler schon auf dem Flur. In der Hand halten sie ihre Bücher und dann geht es mit dem jeweiligen Lesepaten in einen ruhigen Raum. Elfi Göbel setzt sich mit den Kindern an einen Tisch und spricht den alten Kinderreim „Ich und du, Müllers Kuh ....“. Und schon steht fest, wer an diesem Tag mit dem Lesen beginnt. Wer nicht mehr kann oder will, bittet seinen Nebenmann, weiter zu lesen.

Laut einer Prognos Studie von 2008 ist das ehrenamtliche Engagement im Landkreis Kitzingen mit über 50 Prozent sehr ausgeprägt. Der Durchschnitt im Freistaat lag damals bei rund 36 Prozent. Das höchste ehrenamtliche Engagement ist laut Studie im Alter von 35 bis 55 Jahren erkennbar. Danach kommen die Senioren. Zwischen 65 und 70 Jahre sind es rund 33 Prozent, zwischen 70 und 75 Jahre rund 26 Prozent, die sich ehrenamtlich engagieren.

Elfi Göbel ist erst vor zwei Jahren von Oberbayern nach Kitzingen gezogen. Sie arbeitet aktiv im Frauenbund mit, besucht Mitglieder an Geburtstagen oder schreibt ihnen Karten. Außerdem ist sie Mitglied in einer Kreistanzgruppe und in einer Laufgruppe und bietet ihre Dienste als Kommunionhelferin an. „Wenn man sich nicht einbringt, vereinsamt man“, sagt sie.

Vor rund einem Jahr ist sie am Schaufenster des Koordinierungszentrums für ehrenamtliches Engagement (WirKT) in der Würzburger Straße vorbeigegangen und ist neugierig geworden. Dessen Leiterin Sandra Hahn hat sie über die Möglichkeiten und Aktivitäten informiert, die es im Landkreis gibt. Seither bringt sich Göbel als Lesepatin ein.

„Es kommen viele Senioren ab 60 Jahren von sich aus in die Beratung“, erzählt Hahn. Die meisten haben eine konkrete Vorstellung davon, was sie ehrenamtlich leisten wollen. So wie Oskar Goeß. Der Obernbreiter hat eine ungewöhnliche Leidenschaft. „Ich bin ein Musikfreak“, sagt er. 40 Jahre Musikgeschichte – von den 50er bis zu den 90er-Jahren – hat er digital gespeichert. Im Sommer des letzten Jahres ist er auf Hahn zugegangen und hat ihr von seiner Idee erzählt. Seither besucht er regelmäßig Seniorenheime im Landkreis Kitzingen und spielt den Bewohnern eine Auswahl aus seiner großen Liedersammlung vor. „Die Senioren hören gerne Musik aus ihrer Jugendzeit“, sagt der 62-Jährige.

20 Auftritte hat er mittlerweile und jedes Mal waren die Senioren Feuer und Flamme. „Sie klatschen und singen mit und wünschen sich ihre Lieblingslieder aus alten Zeiten“, erzählt er. Und wenn sie sich danach bei ihm bedanken, dann ist das für den 62-Jährigen wie ein Geschenk. „Überwältigend“, sagt er.

Ein gutes Gefühl hat auch Elfi Göbel, wenn sie nach dem Gong das Klassenzimmer verlässt. Ihre drei Lese-Schüler haben heute wieder toll mitgemacht und die Ratschläge der ehemaligen Religionslehrerin beachtet: lebendig betonen, auf die Satzzeichen achten, deutlich sprechen. Und auf den Inhalt achten. „Da ist so viel Leben in diesem Satz“, sagt Göbel zu Maximilian. So viel Leben, das auch in ihrem ehrenamtlichen Engagement steckt.