Im Büro klingelt das Telefon den ganzen Tag, in der Werkstatt wird ein Fahrzeug nach dem anderen auf die Bühne gehoben: Die kalte Jahreszeit sorgt für viel Arbeit in den Kfz-Werkstätten, bei Auto- und Reifenhändlern. Die Reifenwechselsaison läuft auf Hochtouren.

„Von O bis O“, so heißt es landläufig, sollte ein Fahrzeug mit Winterreifen ausgestattet sein. Das erste O steht für Oktober, das zweite für Ostern. In diesem Zeitraum sind die Temperaturen niedrig. Zu niedrig für Sommerreifen, sie verlieren den Grip, die Sicherheit für den Autofahrer ist nicht mehr gewährleistet. Bei Fahrzeugen, die nicht mit Allwetterreifen ausgestattet sind, steht daher ein Reifenwechsel an.

Etwa 50 Fahrzeuge am Tag

„Wir rüsten knapp 50 Pkw am Tag um“, sagt Thorsten Pfeifer, Niederlassungsleiter bei Reifen Müller in Kitzingen, dazu kommen zwei bis drei Lkw. Mancher Termin steht dabei schon lange im Kalender, wurde bereits beim letzten Reifenwechsel festgelegt. „Aber es gibt auch Kunden, die rufen an und wollen in 20 Minuten die Reifen gewechselt haben“, so Pfeifer. Das sei natürlich nicht machbar. Sechs bis acht Tage Wartezeit müsse man in der jetzigen Hochsaison einrechnen, bevor die Reifen gewechselt werden können. „In einem Notfall, wenn jemand einen platten Reifen oder einen Unfall hat, helfen wir natürlich schnell“, stellt Pfeifer klar, aber bei einem normalen Reifenwechsel gehe es derzeit wegen der großen Nachfrage nicht schneller.

Für Laien sehen Reifen ziemlich ähnlich aus. „Schwarz und rund“, sagt Thorsten Pfeifer lachend. Der Fachmann dagegen sieht auf den ersten Blick, um welche Reifen es sich handelt, weiß um die Bedeutung der Rillen, der Profiltiefe, des Materials, erkennt, wann Reifen noch sicher sind, wann zu stark abgefahren, wann sie von vorne nach hinten getauscht werden müssen, damit sie sich gleichmäßig abfahren – etwa nach zehn bis 15.000 Kilometern. „Der Reifen trägt die Handschrift des Kunden“, sagt Pfeifer. „Man sieht, wie die Abnutzung ist, man sieht, wie der Kunde fährt.“

Während vor einigen Jahren viele Autofahrer das Wechseln der Reifen selbst übernommen haben, geht der Trend inzwischen wieder dazu, die Werkstatt dafür aufzusuchen. Und so hat auch das Autohaus Spindler in Hohenfeld derzeit gut zu tun mit dem Reifenwechsel. Viele Kunden wollen oder können die Reifen nicht mehr wechseln. Da spielt zum einen das Gewicht eine Rolle. Ein Reifen alleine wiegt fünf bis acht Kilogramm, ein ganzes Rad mit Felge deutlich mehr. „Bei einem kleinen Golf etwa 15 Kilo, bei einem SUV kann es bis 40 Kilo gehen“, sagt Thorsten Pfeifer.

Die Technik wird komplizierter

Aber auch die Fahrzeugtechnik spielt eine Rolle, erklärt Marco Fell, Serviceleiter bei Spindler in Kitzingen. Bei modernen Autos ist es nicht damit getan, die Reifen herunterzuheben und neue anzuschrauben. Bei Fahrzeugen mit Luftfederung müsse der Wagenhebermodus eingestellt werden, bevor man das Fahrzeug anheben darf, nennt Fell ein Beispiel. Pfeifer spricht mit dem Reifendruckkontrollsystem ein weiteres an. Nicht jeder Autobesitzer kennt sich damit aus.

„Bei E-Fahrzeugen sollte man davon Abstand nehmen, die Reifen selbst zu wechseln”, rät Marco Fell zudem dringend. Rutscht der Wagenheber ab, werden möglicherweise nicht nur Leitungen beschädigt, sondern es kann richtig gefährlich werden für denjenigen, der den Wagenheber bedient. Die Mitarbeiter der Werkstätten kennen sich mit den Techniken aus, werden regelmäßig geschult, lernen neue Vorschriften wie die „Labelbindung“, die ab 2021 bei Neuzulassungen gilt. „Die Schulungen machen wir immer von Januar bis März“, sagt Thorsten Pfeifer.

Trotz der Regel „von O bis O“ – eine generelle Winterreifenpflicht gibt es in Deutschland nicht. Wohl aber eine so genannte „situative Winterreifenpflicht“, informiert der ADAC. Bei Glatteis, Schneematsch, Schnee, Eis- oder Reifglätte muss das Fahrzeug mit Winterreifen ausgestattet sein. Ist es das nicht, drohen ein Punkt in der Verkehrssünderkartei sowie ein Bußgeld, das unterschiedlich hoch ausfallen kann – je nachdem, ob nichts passiert ist, andere Verkehrsteilnehmer gefährdet wurden oder gar ein Unfall passiert ist. Zur Verantwortung gezogen wird dabei nicht nur der Fahrer, sondern auch der Halter des Fahrzeugs.

Die Versicherung schaut genau hin

Wer im Winter mit Sommerreifen unterwegs ist, landet mit dem Auto leicht im Graben. Ein Sommerreifen hat eine härtere Gummierung, verliert bei niedrigen Temperaturen an Bodenhaftung. „Ab etwa sechs Grad Celsius kann es rutschig werden“, erklärt Marco Fell. Daher schalten Versicherungen bei derartigen Unfällen in der Regeln Gutachter ein, die prüfen, welche Reifen aufgezogen sind. Das ist leicht zu erkennen, denn aktuelle Winterreifen sind mit einem Schneeflocken-Piktogramm ausgestattet. Ist man mit Sommerreifen gefahren, wirkt sich das auf die Zahlung der Versicherung aus. Dann hilft die Kaskoversicherung im Fall des Falles auch nicht weiter.

Nicht nur die Gummierung, sondern auch die Profiltiefe der Reifen ist für die Sicherheit entscheidend. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass das Profil mindestens 1,6 Millimeter tief sein muss. Der ADAC hält das bei Winterreifen für zu wenig und auch Marco Fell von Spindler und Thorsten Pfeifer von Reifen Müller raten dringend davon ab, die Reifen auf diese geringe Tiefe abzufahren. Mindestens vier Millimeter tief sollten die in den Reifen eingefrästen Rillen noch sein. Das lässt sich mit einem Profilmesser prüfen, aber auch mit einer Ein-Euro-Münze, so ein Tipp des ADAC. Deren Goldrand ist drei Millimeter breit. Hält man die Münze in die Mitte des Reifenprofils und der Goldrand ist zu sehen, sollte bei Winterreifen aus Sicherheitsgründen auf jeden Fall über eine Neuanschaffung nachgedacht werden. Die ist auch angesagt, wenn die Winterreifen mehr als sechs Jahre alt sind, denn mit der Zeit wird der Gummi hart und bietet dann ebenfalls keine ausreichende Sicherheit mehr.