Er ist vor allem grün, der Blick in den Garten der Familie Siegmund. Hier und da blüht zwar etwas – zum Beispiel im Überschwang die leuchtend weißen Rosen an der Eingangspforte. In einem kleinen Durcheinander von Kieselsteinen plätschert ein brauner Steinbrunnen vor sich hin, in verschiedenen Szenen schmiegen sich wie zufällig arrangierte Sitzgruppen, ein altes Gartentor oder ein Geräteschuppen nahtlos an das wild wuchernde Grün. Der über 20 Jahre alte Baumbestand und viele Kletterer lassen das Wohnhaus eins werden mit der Natur – so wie es auch seine Besitzer sind: Patricia und Thomas Siegmund.

Sie präsentieren am Wochenende, beim virtuellen „Tag der offenen Gartentür“, der in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt stattfindet, ihr Kleinod, das sich in den letzten Jahren nach dem Prinzip des Wabi-Sabi entwickelt hat. Es stammt aus Japan und handelt von der Ästhetik der Dinge, die unvollkommen, unbeständig und unvollständig sind. „Wir selbst haben uns losgesagt von dem, was von einem erwartet oder vorgeschrieben wird“, sagt der Markstefter, der 1998 mit seiner Frau und den drei Töchtern in sein Holzhäuschen einzog. Damals legte er seinen Garten auf ganz konventionelle Art und Weise an, mit gepflegter Rasenfläche, Rosen- und Blumenbeeten und einem Gartenteich. Mit Letzterem begann aber das Umdenken: Als sich immer wieder Algen und andere „Unkräuter“ rund um das Feuchtbiotop bildeten. „Wir haben uns dann gefragt, warum das eigentlich etwas Schlechtes sein soll“, erinnert sich Thomas Siegmund. Letztlich siedelte er die Fische um, der Teich wurde trockengelegt, und nach und nach entstand das, was heute so faszinierend natürlich daherkommt.

Ein Bild mit vielen Schichten

Genau um solche Beweggründe drehte sich auch das Gespräch, das Mechthild Engert, Fachberaterin für Gartenkultur und Landschaftspflege am Landratsamt Kitzingen, im Vorfeld des „Tages der offenen Gartentür 2021“ mit Thomas und Patricia Siegmund geführt hat. „Der Garten der Familie Siegmund hat sich in über zwanzig Jahren entwickelt, er ist wie ein Bild mit vielen Schichten“, erklärt die Expertin den besonderen Reiz. „Alles ist mit Bedacht gewählt und wird von Patricia und Thomas Siegmund immer wieder geprüft.“ Auch wenn im Moment gerade die Rosen blühen, prägen die verschiedenen Grüntöne die Stimmung: ruhig und gleichzeitig heiter. Ganz besonders beeindruckt war Mechthild Engert nicht nur von den vielen verschiedenen „Gartenzimmern“, die sich mit Sträuchern, kleinen Abgrenzungen und unterschiedlichen Belägen ergeben. Dabei werden die Blicke weit gelenkt, in den Garten hinein und in die Landschaft mit dem Maintal – was übrigens auch wieder Teil des Wabi-Sabi ist und übersetzt mit „geborgte Landschaft“ beschrieben werden könnte. Besonderes Augenmerk werde aber auch auf die menschlichen und tierischen Bewohner gelegt. „Sie sind und werden selbst Teil dieser Landschaft“, sagt Englert.

Persönlicher Besuch nur mit Voranmeldung

Das besondere Flair des Siegmundschen Anwesens ist am Wochenende einerseits virtuell per Mausklick auf dem Bildschirm, andererseits aber auch – und ausschließlich mit vorheriger Anmeldung – persönlich zum Besuch freigegeben. Gartenfreunde können sich direkt bei den Gartenbesitzern anmelden und den Zauber dieser beiden Philosophien live erleben. Thomas Siegmund freut sich auf die Gäste, und darauf, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Es gibt ja mehr Gärten, die nach dem Prinzip des Wabi-Sabi angelegt sind“, erklärt er und lächelt. „Viele wissen es nur nicht.“ Das bestätigt auch Mechthild Engert. „Es ist ein neues Wort dafür, wie viele Menschen heute gärtnern.“ Fernab von Mähen, Wässern und üppigem Wachst werde die Pflanzenwelt nicht unter Steinen, Vlies und Mulch erdrückt. Es bedeute aber auch nicht, dass die „gelasseneren Gärtner“ Unkraut verbreiten oder nicht ordentlich seien. „Wabi-Sabi beschreibt eine achtsame Haltung, eine Atmosphäre, und lädt ein, sich auf die kleinen Dinge einzulassen, zu schauen, zu riechen, ruhig und selber ein wenig gelassen zu werden.“

Thomas Siegmund findet es wichtig, den Gedanken weiterzutragen, dass Schönheit auch in jedem Aspekt der Unvollkommenheit in der Natur zu finden ist, zum Beispiel auch im Vergänglichen. Darauf hat ihn ein Buch zum Thema Wabi-Sabi gebracht. Und ein Gartenteich voller Algen.

Wabi-Sabi und der Tag der offenen Gartentür

Wabi-Sabi: Der Begriff wurde im 16. Jahrhundert vom japanischen Tee-Meister und Zen-Mönch Sen no Rikyu eingeführt, die Denkweise war schon im 12. Jahrhundert weit verbreitet, die Ansätze stammen aus dem 7. bis 11. Jahrhundert. Ursprünglich bedeutet Wabi, sich einsam und verloren zu fühlen. Dies wandelte sich zur Freude an der Herbheit des Einsam-Stillen. Aber erst in der Verbindung mit Sabi, dem alt Sein, Patina Zeigen, über Reife Verfügen, entstand die eigentlich nicht übersetzbare Begriffseinheit in der japanischen Kunstbewertung.

Im Garten: „Auch scheinbare Fehler haben ihren Reiz“, erklärt die Fachberaterin für Gartenbau und Landschaftspflege im Landratsamt, Mechthild Engert. „Gerade die Vergänglichkeit von Blüten, die Veränderung der Pflanzen im Lauf des Tages und der Jahreszeiten machen den Moment kostbar. Schönheit findet sich auch in den braunen Samenständen, im raschelnden Laub. Vergrautes Holz, rostende Gartenmöbel, mit der Gartenarbeit speckig gewordene Holzstiele werden eins mit ihrer Umgebung und erzählen ihre Geschichten.“

Tag der offenen Gartentür: Unter www.kitzingen.de werden verschiedene Gärten im Landkreis vorgestellt, das Anwesen der Familie Siegmund kann am Sonntag, 27. Juni, von 12 bis 16 Uhr zu jeder vollen Stunde und nur nach Anmeldung per Mail an thomas.j.siegmund@web.de besucht werden. Quelle: Wilhelm Gundert