Endlich konnten sie zusammenkommen. Die 102 künftigen Abiturienten im Egbert-Gymnasium feierten am Freitag gemeinsam einen Gottesdienst. Mit Abstand – aber immerhin. „Dieses Miteinander fehlt uns sehr“, sagt Naomi Kroth. Es ist nicht die einzige Lücke im Leben der 18-Jährigen.

Von Hoffnung war die Rede im Gottesdienst, von Trauer und Tränen. Die Schüler hatten Anfang des Jahres im Deutsch–Unterricht Kurzgeschichten zum Thema „Heute und Ich“ geschrieben. Ausschnitte wurden im Gottesdienst vorgelesen, anschließend vertieften sieben angehende Abiturienten ihre Nöte und Sorgen im Gespräch mit dieser Redaktion.

„Frühere Jahrgänge waren viel ausgelassener und fröhlicher.“
Amelie Wildauer, Abiturientin

Keine Abschlussfahrten, keine Museumsbesuche, keine großen Sportveranstaltungen: Die Möglichkeiten, als Gruppe zusammenzuwachsen, waren für diesen Abschlussjahrgang nicht gegeben. „Uns fehlt so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl“, bedauert Jule Zaworka. Jeder sei mehr oder weniger auf sich gestellt. Zwar stünden in den Pausen kleine Grüppchen – Corona-konform – zusammen. „Aber intuitiv geht man sich eher aus dem Weg“, schildert ihre Schwester Anne den Alltag.

Normalerweise würde die Stimmung so kurz vor dem Schulabschluss zwischen Anspannung und Vorfreude schwanken. Zwischen Aufbruchstimmung und Nervosität. „Frühere Jahrgänge waren zum jetzigen Zeitpunkt viel ausgelassener und fröhlicher“, meint Amelie Wildauer. Man hat sich auf private Feiern, das EGM-Konzert und nicht zuletzt auf den Abiball gefreut. Fällt heuer alles flach. „Alles dreht sich nur noch um die Noten“, bedauert Martina Ullrich und konstatiert eine allgemeine Verbissenheit, die sich auf die Schüler überträgt.

Selbst in Fächern wie Kunst, Musik oder Sport falle es schwer, für einen Moment durchzuschnaufen. Auch da gehe es darum, zu funktionieren. „Mal abgesehen davon, dass eineinhalb Stunden Sport mit Maske beinahe unerträglich sind.“

Eine stetige Ungewissheit hat diesen Abi-Jahrgang begleitet. Immer wieder gab es neue Regelungen, kurzfristig anberaumte Änderungen im Schulleben. Klausuren wurden verschoben, das Gelernte konnte nicht angewendet werden. „Das war ganz schön kräftezehrend“, erinnert sich Naomi Kroth. Das Abschalten sei schwer gefallen. „Man kommt nicht wirklich in einen Entspannungsmodus.“ Ohnmächtig habe man sich mitunter gefühlt, attestiert Martina Ullrich. „Wir konnten uns ja nicht wehren gegen die Situation.“ Die habe man immer wieder von Neuem akzeptieren müssen. Manche Schüler konnten damit besser umgehen als andere. Dass die letzten Monate bei manchem an die Psyche gingen, sei nicht zu übersehen. „Einzelne Mitschüler haben sich verändert“, sagt Anne Zaworka. Jetzt, so kurz vor dem Abi, komme noch der Stress dazu. „Da wird das noch deutlicher.“

Außer Schule und Lernen gebe es in Corona-Zeiten nicht viel Möglichkeiten. „Uns allen fehlt der Ausgleich“, konstatiert Jula Zaworka. Dabei habe man, im Alter von 18 beziehungsweise 19 Jahren, so viele Optionen. „Wir nicht“, bedauert Naomi Kroth. „Uns geht ein Stück unserer Lebenszeit verloren.“

Vor ein paar Monaten hat sich so etwas wie eine trübselige Schicht über diesen Abi-Jahrgang gelegt, die sich erst wieder ein wenig gehoben hat, als der Präsenzunterricht ab Mitte Februar wieder möglich war. Den vorhergehenden Wechselunterricht empfand Tabea Kroth als schrecklich. Für alle Beteiligten sei das Hin und Her mehr verwirrend als hilfreich gewesen. Den Lehrern wollen die sieben gar keinen Vorwurf machen. „Für die war es ja auch eine enorme Doppelbelastung“, sagt Naomi Kroth. Schulleiter Markus Binzenhöfer habe sogar Video-Meetings angeboten, in denen es nicht um Stoffvermittlung ging, sondern darum, sich auszutauschen, seine Sorgen loszuwerden.

„Uns geht ein Stück unserer Lebenszeit verloren.“
Naomi Kroth, Abiturientin

Dennoch blieb bei vielen ein schales Gefühl. Wie ein Geisterhaus sei ihr die Schule manchmal vorgekommen, sagt Tabea Kroth. „Richtig gruselig.“ Dabei haben sie alle das Egbert-Gymnasium in den Jahren zuvor als sehr lebendigen Ort erlebt.

Vielleicht ist es gerade diese Diskrepanz, die es den Schüler der Q12 so schwer macht. Schulleiter Binzenhöfer kann die Sorgen nachvollziehen, macht sich aber um die Siebt- und Achtklässler mehr Sorgen. In der Pubertät sei der Präsenzunterricht vielleicht noch ein wenig wichtiger, der direkte Austausch mit den Lehrern und anderen Schülern. Der Abi-Jahrgang sei letztendlich mit dem Stoff gut durchgekommen und werde die Prüfungen schon bewältigen, macht er Mut. „Es darf aber nicht noch einmal was passieren“, meint Naomi Kroth und fragt sich, was passiert, wenn ein Mitschüler kurz vor den Prüfungen positiv auf Corona getestet wird. „Die Ungewissheit ist unser stetiger Begleiter.“