Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Eine Erfindung, die Millionen Tonnen CO2 einspart, den Kleinbauern in Südostasien, Südamerika und Afrika zusätzliches Geld in die Kassen spült und gleichzeitig Arbeitsplätze in Franken sichert? Spätestens in zwei Jahren soll dieses ehrgeizige Projekt erste Früchte tragen. Seinen Anfang hat es in Wiesentheid genommen.

Dr. Stefan Möhringer ist Vizepräsident der IHK Würzburg-Schweinfurt und Geschäftsführer der gleichnamigen Firma in Wiesentheid, die sich in der vierten Generation auf die Herstellung von Maschinen und Anlagen für die holzverarbeitende Industrie spezialisiert hat und mittlerweile weltweit tätig ist. Zusammen mit fünf Partnerfirmen forscht er seit sechs Jahren an der Lösung eines Problems, das die Umwelt belastet und den Artenreichtum bedroht. Die Lösung ist gefunden. Jetzt geht es um die Umsetzung.

Wertvolles Land wird verbraucht

Palmöl ist in vielen Waren unseres täglichen Gebrauchs enthalten. In Margarine, Schokolade, Chips, Saucen, Pommes-Frites und Fertiggerichten. In Shampoos genauso wie in Kerzen. Etwa acht Millionen Tonnen Palmöl kauft Europa nach Recherchen des ARD-Magazins „Panoroma“ im Jahr, mehr als die Hälfte davon für Kraftstoffe, vor allem als Beimischung für den Diesel zum Antrieb von Fahrzeugen. Ein Problem dabei: Nach 30 Jahren sind die Palmen, die vier Mal im Jahr geerntet werden, nicht mehr lukrativ und müssen neu angepflanzt werden. Teilweise werden neue Felder angelegt, neues wertvolles Land verbraucht, Naturwälder vernichtet. Alleine in Malaysia, Thailand und Indonesien werden 120 Millionen Kubikmeter Stämme von Ölpalmen Jahr für Jahr vernichtet. Das ist die Hälfte dessen, was in Europa pro Jahr an Buchen, Fichten und anderen Holzsorten eingeschlagen wird.

Schaden für die Umwelt

Die meisten gefällten Ölpalmen wurden früher verbrannt. „Das ist heute verboten“, erklärt Stefan Möhringer. Deshalb werden sie gehäckselt und in der Plantage verteilt. Der Schaden für die Umwelt ist auch bei diesem Verfahren enorm. Viele Millionen Tonnen CO2 werden Jahr für Jahr bei der Verrottung freigesetzt, die Reste der Palmen dringen in den Boden ein, schimmeln und schädigen die neuen Pflanzen. Der Grund: bisher gibt es keine sinnvolle stoffliche Verwendung für Stämme der Ölpalmen. „Muss alles nicht sein“, sagt Möhringer und lächelt. Das Holz der Palmen lässt sich nämlich – entgegen bisheriger Vermutungen – wiederverwenden. Sehr gut sogar.

Kein Holz, sondern Gras

Zusammen mit der Universität in Hamburg und Wissenschaftlern in Asien haben Möhringer und seine Kooperationspartner ein System entwickelt, wie das Holz der Palmen einem Wirtschaftskreislauf zugeführt werden kann. Kein einfaches Unterfangen. Streng genommen handelt es sich bei dem Stamm der Palme gar nicht um Holz, sondern um Gras. „Die Eigenschaften sind völlig anders als bei unseren heimischen Hölzern“, sagt Möhringer. Es gibt keine Äste, keine Jahresringe, dafür so genannte Leitbündel. Und das „Holz“ der Ölpalmen ist deutlich leichter als der Rohstoff, der in europäischen oder amerikanischen Wäldern wächst. Deshalb greifen die herkömmlichen Verarbeitungstechniken bei den Ölpalmen nicht. Neue Säge- und Presstechniken mussten entwickelt, extra Maschinen entworfen und gebaut werden. In Kühlcontainern sind Stämme nach Deutschland transportiert worden, um praktische Erfahrungen zu sammeln. „Wir wollten vor Ort unter reellen Bedingungen testen“, erklärt Möhringer.

Der Aufwand hat sich gelohnt, ein Verfahren ist gefunden worden. Vereinfacht ausgedrückt, werden mehrere Schichten übereinander geklebt und ergeben leichte und trotzdem stabile Platten, mit denen sich gut arbeiten lässt. Als Tisch- und Türplatten lässt sich das Ölpalm-Holz verwenden, als Deckenbalken und für komplette Wandsysteme. Im Schiffsbau oder in der wachsenden Wohnmobilbranche kann sich Möhringer eine Anwendung besonders gut vorstellen, letztendlich überall im überdachten Raum. Lärmabsorbierend ist das Material und aufgrund seiner Beschaffenheit noch dazu feuerfest. „Nur feucht darf das Material nicht werden.“

China als großer Absatzmarkt

Längst steht das Geschäftsmodell, in Indonesien und Malaysia hat das Konsortium Partner gefunden, die eine komplette Verarbeitung errichten wollen. Investitionsvolumen: rund 20 Millionen Euro – pro Fabrik. Stefan Möhringer ist von dem Konzept überzeugt. China betrachtet er als nahen und großen Absatzmarkt der Zukunft. Aber auch die Einheimischen in Indonesien oder Malaysia könnten von dem neuen Produkt profitieren. Bislang importieren diese Länder Holz für ihre Bauprojekte aus Europa. Das könnte bald der Vergangenheit angehören. In zwei Jahren rechnet der Wiesentheider Geschäftsmann mit den ersten Ölpalmholzprodukten, die in Südostasien vom Band laufen.

Der größte Profiteur dieses Projektes wäre aber zweifellos die Umwelt. Der Warenverkehr zwischen den Kontinenten wäre reduziert und die kleinen Bauern vor Ort hätten durch den Verkauf ihrer alten Ölpalmstämme eine zusätzliche Einnahmequelle, die weitere Rodungen überflüssig machen – vorhandene Plantagen können nachhaltig aufgeforstet werden. Rund eine Tonne CO2 lasse sich auf einen Kubikmeter einsparen. Das haben zumindest die Berechnungen der Firmen ergeben. Bei 120 Millionen Kubikmeter, die jährlich in Indonesien, Malaysia und Thailand eingeschlagen werden, würde sich eine beachtliche Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes ergeben. Rund acht Prozent weniger in Malaysia, etwa 7,7 Prozent weniger in Indonesien.

Das Modell ließe sich mittelfristig auf andere Produktionsstätten in Afrika oder Südamerika übertragen, ist Stefan Möhringer überzeugt. Das klingt nicht nur schön, es ist auch wahr.