Wo sie aufgewachsen ist, da gibt es keine Küste. Nicht einmal einen vorzeigbaren See. Dennoch träumt Kathleen Greubel davon, sich voll und ganz dem Freediving zu verschreiben. Seit Januar kommt sie diesem Traum in Honduras immer näher.

In Rimpar ist sie groß geworden, in Freiburg hat sie Bildungswissenschaft studiert. Auf ihren Reisen während der Semesterferien ist sie zunächst mit dem Gerätetauchen in Berührung gekommen. Spannend, aber nicht zu vergleichen mit dem Gefühl, das sie beim Freediving erfüllt. Ein Atemzug – und dann geht es an einem gespannten Seil 60 bis 70 Meter in die Tiefe. „Man fühlt sich dabei ganz leicht, frei und völlig entspannt“, versichert sie. Die Schwerkraft ist für ein paar Minuten aufgehoben. Und die Unterwasserwelt ist immer wieder aufs Neue faszinierend.

Am Riff entlang tauchen, die Stille und Schwerelosigkeit spüren, den Fischen und Korallen ganz nah sein: „Das ist Freiheit pur“, sagt sie . Eine Freiheit, die immer mehr Menschen erleben wollen. In den internationalen Tauchschulen werden immer häufiger Kurse im Freediving nachgefragt, berichtet Kathleen Greubel. „Dieser Sport ist stark im Kommen.“ Im Mittelmeer ist er fast überall möglich, im Atlantik kann es dagegen zu rau zugehen. Hohe Wellen und Strömungen vertragen sich nicht mit dem sanften Sport.

„Jeder kann Freediving lernen. Das Atmen lässt sich trainieren.“
Kathleen Greubel, Taucherin aus Rimpar

Kathleen Greubel ist in Honduras auf den Geschmack gekommen. Vor zwei Jahren fanden dort die Weltmeisterschaften auf der Insel Roatan statt. Die 30-Jährige war als „Safety-Diver“ mit dabei, war der „ganz besonderen Szene“ einen Monat lang ganz nah. „Von da an war es um mich geschehen“, gesteht sie.

Ihr bisheriges Hobby will die Fränkin künftig als Leistungssport betreiben. Mitte Mai soll ein Wettkampf auf Roatan stattfinden, dort möchte sie in zwei verschiedenen Disziplinen antreten. Beim „Free Immersion“ geht es darum, sich an einem vertikalen Seil in die Tiefe – und wieder zurück – zu ziehen. „No Fins“ ist das Tieftauchen ohne jegliche Hilfsmittel wie Seil oder Flossen. Der Wettkampf wird von AIDA, einem der führenden Freediving-Verbände weltweit, ausgerichtet. Die Leistungen werden in nationale und internationale Rankings eingetragen. Das Ranking dort ist ausschlaggebend für eine Nominierung für die Nationalmannschaft. Und da würde Kathleen Greubel früher oder später gerne hin.

Entsprechend froh und dankbar ist sie für die Monate, die sie jetzt in Honduras mit dem Training verbringen kann. Eigentlich sollte sie längst wieder in Mallorca sein, wo sie als Tauchlehrerin arbeitet. Wegen Corona müssen die Tauchschulen in Europa allerdings geschlossen bleiben. In Mittelamerika gibt es weniger Beschränkungen. Und die Bedingungen sind ideal. Kurz hinter dem Strand von Roatan fällt das Meer rund 200 Meter tief ab. Hier können Profis und Anfänger gleichermaßen üben. „Jeder kann Freediving lernen“, versichert Kathleen Greubel. Zwei bis drei Minuten unter Wasser sind auch für Ungeübte schnell zu schaffen. „Das Atmen lässt sich trainieren“, erklärt sie.

Unter Wasser reduziert sich der Puls automatisch, der Körper wechselt in einen Energiesparmodus. Der so genannte Tauchreflex kann bei allen Lebewesen, die über die Lunge atmen, beobachtet werden. Sobald das Gehirn die Information erhält, dass sich die Atemwege unter Wasser befinden, verlangsamt sich der Herzschlag, der Sauerstoffverbrauch wird reduziert.

Fünf Minuten und 18 Sekunden hat Kathleen Greubel schon ohne Sauerstoff unter Wasser verbracht. Der Weltrekord liegt bei elf Minuten und 35 Sekunden. Nach und nach tasten sich die Leistungssportler an ihre jeweilige Grenzen heran. Freediving als Leistungssport kann körperlich und mental sehr anstrengend sein. Es gibt Sportler, die bei Wettkämpfen die Grenze überschreiten. Bei der WM vor zwei Jahren hat Kathleen Greubel einige Teilnehmer erlebt, die auf dem Weg an die Wasseroberfläche einen Blackout erlitten, das Bewusstsein verloren. Panik ist in diesen Momenten das Schlechteste. „Das ist alles gut kontrollierbar“, versichert Kathleen Greubel und betont: „Das Wichtigste ist, dass man niemals alleine tauchen geht, sondern immer mit einem ausgebildeten Tauchpartner als Safety-Diver“. Die Safety-Diver geleiten den Taucher an die Wasseroberfläche, wo er in der Regel selbst wieder zu atmen beginnt. Falls nicht, hilft es, Luft in die Nase zu blasen. „Aber normalerweise ist der Moment, wieder zurück ans Licht zu kommen, ein absoluter Genuss“, versichert die 30-Jährige.

Für sie ist Freediving vor allem ein mentaler Sport. 20 Prozent sind Fitness und Erfahrung, 80 Prozent entscheiden sich im Kopf. „Man muss ganz im Hier und Jetzt sein“, erklärt sie. Druck sei kontraproduktiv. Den will sich die junge Frau vor ihrem ersten großen Wettkampf deshalb auch nicht machen.

Anfang Juni soll es – nach den jetzigen Planungen – wieder zurück nach Europa gehen. Geld verdienen als Tauchlehrerin auf Mallorca. „Eigentlich ist das alles finanziell gar nicht zu stemmen“, sagt Kathleen Greubel via Skype und hält ihren Tauchanzug in die Kamera. Der hat schon ein paar Löcher. Und für richtig gute Flossen müsste sie mindestens 500 Euro hinlegen. „Ein potenzieller Sponsor darf sich gerne melden“, sagt sie lächelnd. Mit ein bisschen Unterstützung könnte sie aufatmen – um dann noch ein Stück befreiter abzutauchen.

Kontakt zu Kathleen Greubel: kathleengreubel@googlemail.com, weitere Bilder und Videos auf ihrem Instagram-Kanal.