„Schandfleck“ war noch eine der netteren Bezeichnungen. Jahrelang war das Kitzinger Notwohngebiet in der Kritik – als unseliges Konglomerat aus Menschen, die aus völlig unterschiedlichsten Gründen am Rand der Gesellschaft lebten. Nun ändert sich endlich etwas, für alle sichtbar: Unter dem neuen Kitzinger Oberbürgermeister Stefan Güntner sind die ersten 15 Menschen in bezahlbare Wohnungen am Galgenwasen und in der Egerländer Straße gezogen.

Wer zu diesen „Glücklichen“ gehört? Darüber hatten sich Vertreter von Stadt und Bau GmbH im Vorfeld mit dem Hausmeister und den Sozialpädagoginnen des Notwohngebietes abgestimmt; vor allem Letztere kennen die Bewohner gut. „Es ging darum, wer in der Lage ist, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. Und natürlich war auch ein Kriterium, dass die finanzielle Situation gesichert ist, durch Erwerbstätigkeit oder Leistungsbezug, und dass die Miete bisher regelmäßig bezahlt wurde“, erklärt Sozialberaterin Christina Flurschütz, die seit drei Jahren direkt vor Ort über den Caritasverband Sozialberatung anbietet; ihre Kollegin Melanie Kühn unterstützt sie dabei seit einem Jahr.

„Personen, die in Frage kamen, wurden von der Stadt Kitzingen angeschrieben. Nicht alle haben die Chance angenommen“, berichtet Flurschütz. „Für Menschen, die schon sehr lange hier leben, ist das Notwohngebiet Heimat geworden, hier kennt man sich, und das bedeutet auch ein Stück Sicherheit.“

Für die langfristig geplante Auflösung des Notwohngebietes seien die ersten Umzüge dennoch ein „Meilenstein“ – so wie für die 15 Menschen, die nun einen Neubeginn wagen. Verlustängste und Ängste vor Neuem und Unbekanntem mussten und müssen überwunden werden.

Deshalb sei Nachsorge jetzt wichtig: Melanie Kühn und Christina Flurschütz wollen, wie auch Manuela Link, Edith Burger, Gaby Tripp, mehrere Sozialpaten und andere Ehrenamtliche, immer wieder zu den Umgezogenen gehen und schauen, wie es ihnen geht.

Wohin mit echten Obdachlosen?

Die Miete in den neuen Sozialwohnungen sollte keine Probleme bereiten. Sie werde höher liegen als im Notwohngebiet, aber dennoch im Rahmen der Angemessenheitsgrenze, sagt Flurschütz. Zusammen mit ihrer Kollegin Melanie Kühn hat sie die Umzüge koordiniert und sich gefreut, „dass wir hier auf unser mittlerweile gut gewachsenes Netzwerk zurückgreifen konnten“: Pfarreien, Caritas und vor allem die Ehrenamtlichen ziehen an einem Strang. „Eins muss man klar sagen: Ohne die ehrenamtliche Unterstützung wäre es manchen Bewohnern überhaupt nicht möglich gewesen umzuziehen“, würdigt Flurschütz den „intensiven Einsatz“ des Helfer-Teams, zu dem zum Glück auch einige starke Männer gehörten, die als Möbelpacker fungierten.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Kitzinger Stadtrat hatte im Frühjahr die Auflösung des „Ghettos“ in die Wege geleitet: Es wurde beschlossen, dass im Nordosten des Notwohngebiets, hinter dem Gelände des Siedler-Sportvereins, eine neue Unterkunft für „echte“ Obdachlose entstehen soll, mit maximal 40 Betten. Die vier bestehenden Wohnblocks, in denen sozial schwache Menschen oft Jahre und Jahrzehnte leben, sollen entmietet und abgerissen werden, so dass Platz für neue Wohnungen, etwa für Familien, entsteht. Die langjährigen Bewohner sollen umgesiedelt werden in bezahlbare städtische Wohnungen überall in Kitzingen.

OB Stefan Güntner würde die Obdachlosenunterkunft nun aber am liebsten an anderer Stelle neu bauen. Denn: „Es hat sich herausgestellt, dass die Positionierung des Obdachlosenheims hinter dem SSV-Gelände nicht nur planungsrechtlich schwierig ist – man müsste wohl den Flächennutzungsplan ändern –, sondern vor allem auch in der Praxis: Der Sportplatz heißt nicht umsonst 'Schwarze Erde'; es wäre keine so gute Idee, da zu graben.“ Laut OB gibt es zwei Alternativ-Standorte auf dem Grundstück. Diese müssen zunächst mit den Mitgliedern des Stadtrates abgestimmt werden.

Über kurz oder lang sollen alle vier Blocks – Egerländer Straße 22, 24 und 26 sowie Tannenbergstraße 37 – leergeräumt und abgerissen werden. Geht es nach dem OB, soll die Entwicklung im bisherigen Notwohngebiet über einen städtebaulichen Wettbewerb angeschoben werden.

Und in welcher Zeitspanne soll das alles passieren? „In den nächsten vier, fünf Jahren“, so Güntner. Er betont, dass er den Eindruck habe, der Stadtrat stehe auf jeden Fall hinter der Arbeit, die die Sozialberatung im bisherigen Notwohngebiet leistet. „Wir wollen diese Arbeit auf jeden Fall weiterführen“, sagt er in Richtung Christina Flurschütz und Melanie Kühn, deren Verträge im September 2022 auslaufen.

Zu tun gibt es mit Sicherheit genug, auch nach diesem Datum. Zirka 90 Menschen leben derzeit noch im Notwohngebiet. Ihnen sind 15 frühere Mitbewohner einen großen Schritt voraus, denn sie sind bereits in andere Wohnungen umgezogen. Frau M. ist eine von ihnen. Wie sie den Umzug erlebt hat:

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