Zielsicher durchquert Simba den Raum, springt auf die Liege, legt sich hin und wartet. Kein Wort ist nötig, kein Kommando. Der Rhodesian Ridgeback weiß genau, was er will: von Natascha Kuchenmeister behandelt werden. Weil das, was die Hunde-Physiotherapeutin mit ihm macht, seinem achtjährigen Körper gut tut.

Der Hund ist der beste Freund des Menschen, so sagt man. Ein treuer Gefährte, ein Familienmitglied. Einer, der mit den Kindern groß wird. Aber auch einer, der älter wird, der irgendwann gebrechlicher wird, der vielleicht eine Operation braucht, am Knie, an der Hüfte. Und der dann leidet wie wir Menschen auch. „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir dann zur Physiotherapie gehen“, sagt Sofia Kempin. „Warum also nicht auch Hunde?“

Seit vielen Jahren hat die Steuerberaterin schon Hunde, Simba ist ihr dritter Ridgeback. Mit allen ist sie bei Natascha Kuchenmeister in Behandlung gewesen. Der erste Hund hatte ein stark angeschwollenes Bein, wurde in der Tierklinik behandelt. Dort hat man ihr die Hunde-Physiotherapeutin empfohlen, die damals noch ihre Praxis in Kitzingen hatte. Die Lymphdrainage dort hat geholfen, das Tier musste nicht operiert werden. Amy, den zweiten Hund von Sofia Kempin, hat Kuchenmeister wegen Arthrose behandelt. Und Simba? Der Ridgeback leidet unter Rückenproblemen. Jede Woche kommt sein Frauchen deshalb mit ihm in die Praxis, die sich inzwischen in Würzburg befindet. Kaum liegt er auf der Liege, fasst Natascha Kuchenmeister mit festem Griff in die Muskeln an der Wirbelsäule. So werden sie wieder durchblutet, was der Hund sichtlich genießt. „Wenn wir mal drei Wochen nicht kommen, wird Simba richtig steif“, erzählt Sofia Kempin. Die Folge: Das Tier braucht mehr Medikamente.

Der Hund liegt völlig entspannt da, während Natascha Kuchenmeister ihn durchknetet. Man sieht ihm an, dass er die Griffe genießt. Wobei das natürlich nicht bei jeder Behandlung, nach jeder Krankheit oder OP und bei jedem Hund so ist. Manche Behandlung gefällt den Tieren nicht ganz so gut, manches kostet sie erst mal Überwindung, oft müssen sie Kraft einsetzen. Doch wenn sie das nicht tun, bauen die Muskeln ab, wie beim Menschen eben auch.

Das kennt Natascha Kuchenmeister vom Beginn ihrer beruflichen Karriere. Als Kind wollte sie Tierärztin werden, aber das hat nicht geklappt. Also hat sie eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten absolviert, war bei einem Allgemeinarzt tätig. Hunde hatte sie zuhause von Klein auf, hat viel Zeit mit ihnen verbracht und ist auch heute noch im Großlangheimer Hundeverein aktiv. Medizinisch mit Hunden zu arbeiten, das blieb ihr Traum – und irgendwann hatte sie den Mut, ihn zu verwirklichen. Sie bildete sich über zwei Jahre neben ihrem Job fort, eröffnete 2011 ihre Praxis.

Ihre vierbeinigen Patienten kommen mit unterschiedlichsten Diagnosen zu ihr, viele werden von Tierärzten geschickt, auch wenn sich Kuchenmeister wünschen würde, dass noch mehr Ärzte auf die Möglichkeit einer Physiotherapie für Tiere hinweisen würden. Sie würde gerne gemeinsam mit den Ärzten schneller ans Ziel gelangen. Denn nicht nur viele geriatrische Patienten kommen in die Praxis, sondern auch viele, die operiert worden sind.

Kann Kuchenmeister direkt nach der OP mit ihnen arbeiten, werden sie schneller wieder fit. Oft aber vergehen erst einmal Wochen. Und in dieser Zeit üben die Hunde Schonhaltungen ein, Verspannungen sind die Folge. Häufig nutzen sie das operierte Bein nicht mehr, zumal es ihnen relativ leicht fällt, auf drei Beinen zu laufen. Ist diese Art der Fortbewegung erst einmal abgespeichert, bekommt man sie so leicht nicht mehr weg. Doch es gibt Tricks, wie man die Hunde überlisten kann: „Im Trab geht das mit den drei Beinen problemlos. Aber wenn man mit ihnen mit kurzer Leine ganz langsam läuft, müssen sie das Bein benutzen“, erklärt Kuchenmeister.

Auch das Unterwasserlaufband ist in solchen Fällen eine gute Therapie. Dobermann Paula zeigt, wie das funktioniert. Durch die seitliche Öffnung läuft sie ins Becken, das Natascha Kuchenmeister dann schließt. Langsam läuft das Wasser ein. Erst wenn genügend Wasser im Becken ist, schaltet sie das Band ein. Paula setzt sich sofort in Bewegung, setzt ein Bein vor das andere – eines schonen, das geht hier nicht. So lernen die eingeübten „Dreibeiner“ in relativ kurzer Zeit wieder normal zu laufen. Auch nach Operationen, wie am Kreuzband, kommt das Unterwasserlaufband zum Einsatz, denn dort werden gelenkschonend Muskeln aufgebaut.

Während Paula durch das Wasser stapft, bekommt sie immer wieder ein Leckerle zugesteckt als Belohnung. „Ohne Leckerchen läuft in der Hunde-Physiotherapie gar nichts“, weiß Natascha Kuchenmeister.

Muskelstärkung und Gleichgewichtstraining gleichermaßen ist mit dem Trampolin möglich. Jagdhundmischung Emely steht darauf, die Therapeutin stellt sich dahinter, bringt mit kleinen Bewegungen das Tuch in Schwung. Emely bleibt nichts anderes übrig: Um sicher zu stehen, muss sie auch die kleinsten Muskeln mitbewegen. Ähnlich wie auf dem großen Sitzball, der mächtig wackelt, als die Hündin sich darauf stellt. Hier muss der ganze Körper mitarbeiten, wer schummelt, kann sich nicht halten. Zugleich macht Emely sich ganz lang, um an die Belohnung zu kommen, die Kuchenmeister ihr auch hier immer wieder hinhält.

Bei der Behandlung wird schnell klar, dass Vertrauen gefragt ist. Die Tiere müssen sicher sein, dass ihnen in der Praxis nichts passiert. Keine Spritzen, kein fester Druck auf schmerzende Stellen. Vorsichtige Bewegungen am Rücken, anfangs eher ein Kraulen. Der Besitzer ist immer dabei, damit der Hund entspannt. Maulkorbhunde hat die Physiotherapeutin genauso in Behandlung wie kleine Hunde. „Der kleinste war gerade mal 1,2 Kilo schwer“, erzählt sie lachend, hält die Daumen und Zeigefinger zusammen und bewegt sie nur wenige Millimeter: „Da habe ich die Füßchen so bewegt.“

Verschiedene Massagetechniken, Blutegel, Elektro-Therapie, Akupunktur, Taping, Lymphdrainage, Wärmetherapie – die Behandlungsmethoden unterscheiden sich nicht von denen, die an Menschen angewandt werden. Kuchenmeister richtet sich nach der Diagnose und rät deshalb ihren Kunden, zunächst einen Tierarzt aufzusuchen. „Mit Hilfe eines tierärztlichen Befundes können wesentlich bessere und genauere Ziele erreicht werden.“ Genauso wichtig ist, dass die Besitzer gut mitmachen, nicht nervös sind oder ängstlich.

Wobei man den Tieren zuhause oft kaum anmerkt, dass es ihnen nicht gut geht. Hunde können Schmerzen über lange Zeit unterdrücken. Sie kompensieren sie, schummeln beim Laufen, was nur das geschulte Auge erkennt. „Der Hund sagt erst Bescheid, wenn es viel zu spät ist“, weiß Natascha Kuchenmeister aus Erfahrung.

Sie achtet während der Behandlung auf die kleinsten Signale der Tiere. Ist ihnen etwas unangenehm, schauen sie die Therapeutin an, stellen die Ohren oder sie lecken sich über das Maul. Dass Tiere brummen oder gar schnappen, ist in der Regel erst der nächste Schritt, und da hat die Therapeutin längst reagiert.

Simba liegt derweil immer noch auf der Liege und hat gar keine Lust, wieder aus der Praxis zu gehen. Gerne könnte die Frau doch noch länger an ihm herumkneten. Aber erst mal geht es zurück in die Kanzlei, wo der „Steuerhund“ ein festes Teammitglied ist. Und wo der nächste Besuch bei Natascha Kuchenmeister schon im Terminkalender steht.