Zwei, drei Zwetschgen. Ein Apfel. Ein paar Trauben. Eine Quitte. Im Vorbeigehen, beim Spaziergang, wird gepflückt. Erst zum Naschen. Dann noch ein paar Früchte für den Heimweg, ein paar für den Abend, zwei Kisten für die nächsten Wochen daheim. Der Diebstahl von Obst hat Ausmaße angenommen, die für die Eigentümer oft nicht mehr tragbar sind. „Wir müssen gemeinsam mit den Verbänden ein Konzept entwickeln, was wir dagegen tun können“, sagt Marius Wittur vom „Mustea Quittenprojekt“ in Untereisenheim.

Trauben, Äpfel, Quitten: In den vergangenen Wochen sind immer wieder Früchte Gegenstand von Polizeimeldungen geworden. Weil sie gestohlen wurden – nicht nur ein, zwei Stück, sondern kilo- und sogar tonnenweise. Auch Marius Wittur, der einen Quittenhof betreibt und den Quitten-Lehrpfad in Astheim ins Leben gerufen hat, blieb nicht verschont: Vom 20. September bis zum 4. Oktober wurden 1500 Kilogramm Quitten gestohlen. Bei einem Kilopreis von 3,50 Euro ist das ein Schaden von mehr als 5200 Euro. Wittur kennt diese Zahlen, weil er alle zwei Tage eine Fruchtzählung gemacht hat, um die Entwicklung zu dokumentieren.

„Mit Anzeigen können wir das Problem nicht lösen.“
Marius Wittur, Mustea Quittenprojekt

Während ein anderer Eigentümer am Wochenende den Diebstahl von Quitten im Bereich des Astheimer Lehrpfades angezeigt hat, hat Wittur die Polizei nicht eingeschaltet. „Damit können wir das Problem nicht lösen“, glaubt er. Den klassischen Diebstahl habe es schon immer gegeben, sagt er und erinnert an die Gepflogenheit der Schranken zur Erntezeit in den Weinbergen. Schwierig sei es vielmehr geworden, den Diebstahl von Obst überhaupt als solchen zu definieren. Die Menschen seien sich oft nicht mehr bewusst, dass die Bäume und Hecken, die da stehen, jemandem gehören, der sie kultiviert und die Früchte erntet. Meist kämen die Leute nicht gezielt, um Obst zu stehlen. „Die gehen da spazieren und nehmen sich dann zwei Körbe voll Obst mit.“ Auch viele Winzer kennen das Phänomen, dass die direkt an den Wegen liegenden Stöcke abgeräumt sind.

Das Problem des zunehmenden Obstdiebstahls kennt auch Mechthild Engert, Gartenbau-Fachberaterin des Landkreises. Und auch ihr geht es dabei nicht um die Menschen, die sich im Vorbeigehen ein, zwei Früchte pflücken. Immer wieder werde das jedoch systematisch gemacht: „Die fahren hin und räumen das ganze Obst ab.“ Finanzielle Not spiele dabei keine Rolle: „Die kommen auch mit teuren Autos.“

Auch an den Gemeindeverbindungs-, Kreis- und Staatsstraßen im Landkreis, an denen viele Obstbäume stehen, wird Halt gemacht. Eigentümer der Bäume und damit des Obstes sind je nach Straße Gemeinde, Freistaat oder Landkreis. Selbst wenn man auf den ersten Blick nicht erkennt, wem die Bäume gehören: Dieses Obst wird ebenfalls vermarktet. Viele Gemeinden führen dazu einen Obststrich durch: Bei einer Versteigerung haben alle Interessenten die Möglichkeit, die Ernte zu kaufen. Der Landkreis schreibt in der Regel sein Obst an den Kreisstraßen aus. Die Nachfrage ist groß.

Dass sie kein Obst pflücken dürfen, ist vielen Menschen klar, aber wenn die Früchte vom Baum gefallen sind, greifen sie dann doch zu. „Die haben das Gefühl, das Obst vergammelt“, sagt Marius Wittur. Doch meist werden die Früchte ganz gezielt so spät geerntet, um daraus beispielsweise Destillate herzustellen. Bei Quitten werden zudem die Kerne verwendet – für Globuli, zum Beispiel, oder für Naturkosmetik. Viele Leute nähmen das „angedatschte“ Obst einfach mit, und wenn der Bauer kommt, sind die Früchte weg. Doch der Fachmann stellt klar: „Die Quitte, die auf dem Boden liegt, hat den gleichen Wert wie die leuchtend gelbe am Baum.“

Gerade bei Streuobst sei die Hemmschwelle niedrig, sich einen Korb voll zu pflücken. „Man hat nicht das Gefühl, dass man etwas klaut“, weiß Wittur. Ein Phänomen, das auch die Kreis-Gartenfachberaterin Mechthild Engert kennt: „Die Leute glauben, dass die Bäume niemanden gehören“, sagt sie, und deshalb greifen sie zu. Und wer denke, dass die Früchte nicht viel wert seien, vergesse die viele Arbeit, die auf den Feldern, Streuobstwiesen und in den Weinbergen das Jahr über anfällt.

„Die Leute fahren hin und räumen das ganze Obst ab.“
Mechthild Engert, Gartenbau-Fachberaterin

Wie groß der finanzielle Schaden für den Obstbauern sein kann, erklärt Wittur am Beispiel seiner Früchte: Wenn in den drei Wochen, in denen die reifen Quitten an den Bäumen hängen, täglich vier oder fünf Leute ein bis zwei Körbe füllen, sind schon zwei Tonnen Obst weg. Für Obstbauern kann sich der Diebstahl deshalb schnell zu einem immensen Verlust summieren. Doch die Eigentümer oder Pächter brauchen die Einnahmen; sie sind Voraussetzung dafür, auch die Kultur der Streuobstwiesen zu erhalten.

Obstbauern und Winzer müssen das Problem gemeinsam angehen, fordert Marius Wittur und denkt dabei an einen Runden Tisch: Die Verbände müssen sich vernetzen, zusammen ein Konzept entwickeln. Dabei geht es ihm nicht nur darum, in den Medien auf die Problematik hinzuweisen. Er selbst hat verschiedene Versuche gemacht, die Diebstähle einzudämmen: Zusätzlich zu den Hinweisschildern, die auf ein Verbot des Pflückens hinweisen, hat er im vergangenen Jahr grüne Bänder gespannt. Die Leute nahmen die Bänder als klares Signal wahr: Hier darf ich nicht weiter. Die Hemmschwelle hat funktioniert, es wurde viel weniger gestohlen. In diesem Jahr hat er auf die Bänder verzichtet, nur die Schilder aufgestellt und musste wieder deutlich mehr Diebstähle hinnehmen.

Wer sich Äpfel pflückt, tut dies oft lapidar als „Mundraub“ ab. Doch dieses Delikt gibt es nicht mehr, es wurde 1975 abgeschafft und gilt nun als Diebstahl einer geringfügigen Sache. „Streng rechtlich gesehen darf man gar nichts probieren“, erklärt Joachim Schinzel, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Kitzingen. Wer sich eine Traube stibitzt, macht sich des Diebstahls schuldig. „Das ist wie im Geschäft: Es ist egal, ob man einen Kaugummi für fünf Cent oder ein Parfum für zehn Euro mitnimmt.“

Diebstahl ist ein so genanntes Antragsdelikt. Der Eigentümer, dem etwas gestohlen wurde, muss also einen Strafantrag stellen. Viele Obstbauern und Winzer tun das nicht, sie tolerieren es, wenn sich nur ab und an jemand einen Apfel oder ein paar Trauben nimmt. „Die Grenze ist für die Eigentümer erst überschritten, wenn die Leute mit Plastiktüten kommen und Weintrauben und Äpfel einpacken, um ihren Bedarf zu decken“, sagt Schinzel. Wird eine Anzeige erstattet, droht möglicherweise ein Bußgeld oder eine Geldstrafe.

Marius Wittur glaubt, dass man es den Menschen nicht verbieten kann, die Natur zu schmecken. Der leuchtend rote Apfel am Wegesrand verlocke, das könne man den Leuten nicht verdenken. Die Herausforderung sei nicht das Naschen einer einzelnen Frucht. „Aber die Leute müssen begreifen, dass die vollen Rucksäcke ein großer Schaden für die ganze Region sind.“