Kitzingen Mit Blechdosen von Haustür zu Haustür – früher wurden auch Schüler oft zum Sammeln für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge losgeschickt. Heute steht im Landkreis Kitzingen vor allem einer mit seiner Sammeldose auf irgendwelchen Parkplätzen und bittet um eine Spende zum Erhalt deutscher Kriegsgräber im Ausland: Gerhard Bauer.

Frage: Seit 1954 ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. mit der Aufgabe betraut, die Gräber deutscher Kriegstoter zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Gibt es Ortsgruppen des Vereins, die Mitglieder anwerben? Oder wie kamen Sie dazu?

Gerhard Bauer: Die unterste Ebene ist der Bezirksverband in Würzburg, wo ich einen Posten im Vorstand habe. Ansonsten sind die kommunalen Organe die Schnittstelle zum Volksbund. Der Kontakt mit Mitgliedern und Förderern wird über die Zeitschrift „Frieden“ und verschiedene Infoschreiben gehalten. Ich selbst kam mit dem Volksbund in Kontakt, als ich während meiner Bundeswehrzeit zum Sammeln geschickt wurde.

Und seitdem engagieren Sie sich für den Verein? Weshalb ist Ihnen das ein so großes Anliegen?

Gerhard Bauer: Sammlungen begleite ich seit rund 50 Jahren. Mein Vater hatte vier Brüder, von denen zwei im Krieg gefallen sind. Bekannt war nur: an der Ostfront gefallen. Nähere Informationen hat mein Vater zu seinen Lebzeiten nie erhalten. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden immer bessere Informationen zugänglich und ich konnte den Verbleib meiner beiden Onkel klären. Dabei hat mir der Volksbund sehr geholfen.

Im Landkreis Kitzingen haben Sie die Sammlungen vor zig Jahren ins Leben gerufen – und ausgebaut?

Gerhard Bauer: Mit der Reservistenkameradschaft Kitzingen, bei der ich ebenfalls engagiert bin, habe ich einst an Haussammlungen teilgenommen – mit abnehmendem Erlös. Dann habe ich eines Tages in Würzburg eine so genannte Prominentensammlung erlebt. Das war ein Gedanke, der mir auch für Kitzingen gefiel und den ich zuerst auf dem Marktplatz und zuletzt vor dem E-Center umgesetzt habe. Landrätin, Regionalpolitiker und Behördenvertreter waren immer sofort bereit, sich eine Stunde mit der Sammelbüchse hinzustellen und um ein Scherflein zu bitten. Seit drei Jahren mache ich das zusätzlich auch in Wiesentheid. Ich selbst bin in Bundeswehruniform unterwegs, da Uniformträger ungleich mehr in die Sammelbüchse bekommen.

Der letzte Krieg ist zum Glück inzwischen lange her. Junge Menschen haben dazu einen anderen Bezug als ältere. Ist es deshalb schwieriger als früher, die Menschen zu einer Spende zu bewegen?

Gerhard Bauer: Wenn man vor Ort Aufklärungsarbeit betreibt und Informationen gibt, spenden durchaus auch jüngere Bürger. Es ist zum Beispiel weitgehend unbekannt, dass der Volksbund im Auftrag der Bundesrepublik arbeitet und dafür Geld aus dem Budget des Auswärtigen Amtes erhält. Dazu kommen Spendengelder, Erbschaften und Sammlungen.

Wofür wird das Geld verwendet?

Gerhard Bauer: Mit diesem Geld werden 832 Soldatenfriedhöfe mit Millionen Kriegstoten im Ausland gepflegt und erweitert. Auf der Suche nach Grablagen wurden 2019 rund 25 000 Bergungen und Umbettungen vorgenommen, bei denen oft Einzelschicksale geklärt werden können. Erkennungsmarken sind meist auch nach 80 Jahren noch lesbar. Vor allem in Osteuropa liegen unzählige Gefallene, die manchmal noch nicht einmal bestattet wurden. Problematisch ist heutzutage leider der Datenschutz, wenn es um die Ermittlung Angehöriger geht.

Es geht also nur um Gräber im Ausland?

Gerhard Bauer: Das Geld wird tatsächlich ausschließlich dort verwendet, da in Deutschland für Kriegsgräber und deren Erhalt die Kommunen auf ihrem jeweiligen Territorium zuständig sind. Bei größeren Instandsetzungen kann es mal Zuschüsse geben.

Lässt sich sagen, wie viele Kitzinger Soldaten im Krieg gefallen sind?

Gerhard Bauer: Nur schwer… In den meisten Gemeinden stehen jedoch Kriegerdenkmäler, auf denen Gefallene und Vermisste verzeichnet sind. Diese dienen alleine der örtlichen Erinnerungskultur. Nur in Kriegsgräberstätten, wie beispielsweise auf dem Kitzinger Neuen Friedhof, sind auch wirklich Opfer begraben – alle mit dauerhaftem Ruherecht. Soldatengräber gibt es außerhalb von Friedhöfen nur im Limpurger Forst, wo fünf Gefallene liegen, die in den letzten Kriegstagen mit 17 Jahren ums Leben kamen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge?

Gerhard Bauer: Der Volksbund ist auch bei der Jugend wieder gefragt. Er veranstaltet beispielsweise Jugendcamps, bei denen sich Gleichaltrige aus Europa treffen. Sie praktizieren Frieden, indem sie gemeinsam an Gräbern arbeiten. Ein solches Camp hat es auch in Kitzingen schon gegeben. Zudem interessieren sich junge Menschen zunehmend für den Verbleib von Angehörigen, die sie nie gekannt haben und nutzen das Online-Portal „Gräbersuche“, das der Volksbund geschaffen hat. Auch in den Landes- und Bundesversammlungen treten zunehmend junge Menschen in Erscheinung.

Wann findet die nächste Sammelaktion statt?

Gerhard Bauer: Geplant war diese eigentlich am 4. Dezember vor dem E-Center in Kitzingen. Die aktuelle Corona-Lage ist aber zu gefährlich. Ich denke daher an einen Sondersammeltermin im Frühjahr. Wer dennoch etwas beitragen möchte, findet im Internet unter www.volksbund.de jedoch eine Möglichkeit dazu. Direkte Zuwendungen sind auch an den Bezirksverband Unterfranken (IBAN: DE48 7905 0000 0042 0176 40) möglich.

Volksbund in Zahlen

78 000 Mitglieder

1,6 Millionen regelmäßige Spender

832 Friedhöfe im In-/Ausland

2,8 Millionen gepflegte Gräber

3,5 Millionen Vermisste

10100 Umbettungen (4100 in Rußland)

42122 Änderungs-/Ergänzungsmitteilungen

44800 Grabnachfragen

5559000 Grab-/Todes-/Vermisstenmeldungen

Schirmherr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (alle Angaben aus dem Jahr 2020)