Sie hieß mal „Puppe 99“. Warum ihr früherer Besitzer sie so genannt hat, kann man nur ahnen. Weshalb er das Zwergpony bei den Schweinen im Stall hielt, ohne frische Luft, ohne Tageslicht, weiß ebenfalls nur er. Sicher ist: „Puppe 99“ hatte Glück, dass eine Tierschützerin von ihrem Leid erfuhr und Familie von Crailsheim alarmierte. So landete das vernachlässigte Wesen im Fröhstockheimer Schlosshof.

„Die Hufe waren nach oben gewachsen. Das muss wahnsinnig weh getan haben“, erinnert sich Juliane von Crailsheim an die Folgen der falschen Ernährung und der fehlenden Bewegung. Die jüngste Tochter der Schlossherren Iris und Crafft von Crailsheim hat mitgeholfen, die kleine Stute langsam wieder aufzupäppeln, sie von fettem Schweinefutter und Bewegungslosigkeit umzugewöhnen auf das, was so ein Pony braucht: Stroh, Heu, Auslauf und andere Pferde.

Tierische Freundschaften

Ganz leicht war das anfangs nicht, dafür aber manchmal auch ganz schön lustig. Der Name „Puppe 99“ starb in Fröhstockheim schnell. Nach Iris von Crailsheims Begrüßungsworten „Na, was bist Du denn für ein Zwiebelchen?“ hatte das Pony seinen Namen weg. Und es machte ihm Ehre. Unter der äußeren „Schale“ kam Überraschendes zum Vorschein.

„Zwiebelchen hat lange unter Schweinen gelebt. Also dachte sie wohl, sie sei selbst auch ein Schwein“, versucht Juliane „Jani“ von Crailsheim, Zwiebelchens ganz spezielle Verhaltensweisen zu erklären. Zum Beispiel beim Fressen. Sobald das hübsche kleine Tier mit der hellen Mähne und dem rotbraunen Fell eine Leckerei erblickt, schmatzt und quiekt es hemmungslos. Der Gedanke an ein Ferkel drängt sich ganz automatisch auf. „Wie ein Schwein mit dem Rüssel in seinem Trog wühlt, ist Zwiebelchen anfangs mit seinem Maul wild im Futter gekreist.“ Außerdem trippelte sie wie ein Schwein mit rundem Rücken und kleinen, schnellen Tritten. „Und sie erschrak vor jedem Pferd.“

Zum Glück lebte auf dem Hof der Familie von Crailsheim ein anderes Pony, Carolienchen, das dem Neuzugang Nachhilfe in Sachen artgerechtes Benehmen gab. Das Schmatzen freilich behielt Zwiebelchen eisern bei – bis heute. „Dafür hat sie – dank Carolienchen – aber gelernt, dass sie galoppieren kann.“

Neben solch hilfreichen Tierfreundschaften entstehen auch immer wieder kuriose, erzählt Jani. „Hatschi“ zum Beispiel, eine bildschöne dunkle Stute, ist nur selten allein anzutreffen. „Diese Taube ist immer um sie“, deutet Jani auf einen gurrenden Vogel, der auf dem Stalldach sitzt und „Hatschi“ nicht aus den Augen lässt.

Nicht ganz so intensiv, aber dennoch innig ist die Freundschaft zwischen Katze Tiger und Zwiebelchen. Tiger streicht Zwiebelchen zum Beispiel tröstend um die Beine, wenn das Pony wegen seiner Vorgeschichte manchmal nicht ins zu satte Gras darf.

Der Crailsheimer Hof ist wahrlich kein gewöhnlicher. Hier finden Pferde, die gequält wurden oder deren Besitzer sie loswerden wollten, ein Zuhause, ebenso wie herren- und namenlose Hunde von überall her. „Meine Mutter hat eine außergewöhnliche Ausstrahlung auf Tiere und weiß, was sie empfinden. Sie ist das absolute Leittier für alle“, berichtet Jani. „Das ist gut für die Tiere, denn bei ihr können sie einfach sie selbst sein.“ Und das ist das Entscheidende, sagt Jani.

Tiere dürfen sie selbst sein

„Tiere, die viel Leid erfahren haben, lassen wir erst mal ein Jahr lang ziemlich in Ruhe. Sie können sich frei bewegen und tun und lassen, was sie wollen. Sie werden vor allem nicht benutzt. Sie müssen nichts“, schildert die 37-Jährige. Die Erfahrung habe gezeigt, dass sie in dieser Zeit, in der sie keinen Zwang, sondern sanfte Zuwendung erfahren, wieder zu sich selbst finden, ihr inneres Gleichgewicht zurückbekommen. „Sie lernen wieder, ganz einfach Pferd oder Hund zu sein.“

Dieses ganzheitliche Denken hat sich auch bei den von Crailsheims erst entwickelt. Janis Großvater hatte, wie damals üblich, Arbeitspferde in seinen Ställen. Janis Vater erinnert sich noch, wie die vier Kaltblut-Gespanne sich auf dem Hof zur Strohernte versammelten.

Iris und Crafft von Crailsheim, Janis Eltern, züchteten bayerische Warmblüter. Nachdem sie damit aufgehört hatten, wurde der Hof immer mehr zu einem Gnadenhof für Tiere, denen es anderswo schlecht ging.

In den Sommerferien verwandelte sich das Gut seit den 80er Jahren bis ins Jahr 2008 für mehrere Wochen stets in eine Art „Immenhof“: „Die Reiterferien bei uns waren eine besondere Zeit“, erzählt Jani. Kinder aus der näheren und weiteren Umgebung lebten so, wie Jani es das ganze Jahr über tat: Ganz nah bei den Pferden.

„Die Wechselwirkungen zwischen Pferd und Kind haben mich damals schon fasziniert“, blickt die Tierfreundin zurück. „In sich gekehrte Kinder sind aufgeblüht, vorlaute haben Respekt gelernt. Vor allem aber haben die Kinder durch die Pferde erfahren, nicht zu wollen oder zu müssen, sondern sie selbst zu sein.“ Es sei eine ungeheuer schöne, befreite Zeit gewesen.

Mit Pferden groß geworden

Als fünftes von fünf Kindern genoss Jani so manchen Nesthäkchen-Bonus. „Die meiste Zeit war ich draußen bei den Pferden und ein Teil der Herde.“ Lateinvokabeln habe sie zum Beispiel auf dem Rücken eines Kaltblüters liegend gelernt. Zum Ausreiten brauchte das Mädchen keinen Sattel.

Natürlich hätte Jani gerne beruflich mit Pferden gearbeitet. Aber als ihr Lieblingspferd starb, schlug sie einen anderen Weg ein. Film, Theater und Tanz waren schon immer „ihr Ding“. Die unmittelbare Verständigung, die sie bei den Pferden erlebt hat, entwickelte sie mit Menschen weiter: Sie wurde Regisseurin und Filmemacherin, interessiert sich besonders für Körpersprache und die Wirkung der Lebewesen aufeinander sowie auf der Bühne. Heute lebt und arbeitet sie vorwiegend in Brüssel. „Mich fasziniert diese Stadt, in der verschiedenste Sprachen und Kulturen nebeneinander leben und aufeinander zugehen.“

Ebenso liebt sie aber auch ihre Heimat. Gern nimmt Jani sich immer wieder eine Auszeit oder verbindet zum Beispiel einen Filmdreh mit einem Aufenthalt in Fröhstockheim. Letzteres ist gerade der Fall. Wenn es draußen sommerlich warm ist, steht die 37-Jährige schon morgens um fünf Uhr – gern barfuß – im Stall, um Zwiebelchen, Lemix, Hatschi und die anderen Pferde auf die Weiden zu begleiten. Nicht nur Jani ist dann ganz sie selbst.