Die zarte Person beugt sich übers Spülbecken in der Ecke. Immer wieder kratzt sie den Katzennapf aus, auch wenn der längst sauber ist. Frau M. will dem Trubel den Rücken kehren. Schwer atmend hat die 73-Jährige zuvor auf dem letzten verbliebenen Stuhl gesessen und zugeschaut, wie freundliche Männer und Frauen ihre Möbel abgebaut und ihr Hab und Gut hinausgetragen haben. Den Schrank, die Kommode, die Kartons mit Geschirr, Besteck und ein paar Essensvorräten. Ganz zum Schluss das Bett. Jetzt wird es langsam ruhig in dem Raum, in dem Frau M. 22 Jahre lang gelebt hat und den sie die letzten drei Jahre wegen ihrer Schwierigkeiten beim Laufen nicht mehr verlassen konnte. Gleich wird sie genau das tun.

So wie 14 andere Menschen auch. Mit ihnen beginnt die vom Stadtrat beschlossene Auflösung des umstrittenen Kitzinger „Ghettos“. Eine Mutter und ihr Sohn, ein Ehepaar, Einzelpersonen: Einige ziehen mit Hilfe von Freunden oder Familienmitgliedern in andere städtische Wohnungen außerhalb des Notwohngebietes. Aber es gibt auch Menschen, die niemanden haben. Sie sind auf Ehrenamtliche angewiesen.

Frau M. ist aufgeregt. Sie hält sich an der ausgedienten Spüle fest, dreht den Oberkörper in den Raum. Ihr Blick hüpft durch das leergeräumte Zimmer, über die hellen Flecken auf dem Boden bis hin zum Katzenbild aus Window-Colors, das am Fenster klebt. Es ist im Lauf der Zeit hart geworden, man kann es nicht mehr abziehen.

„Wollen Sie noch in Ruhe Abschied nehmen?“ Die sanfte Stimme von Manuela Link weckt Frau M. aus ihren Gedanken. Die Seniorin richtet sich auf, schaut die Umzugshelferin an und streckt ihr eine Hand entgegen: „Nein, es ist gut. Wir müssen noch den Olli holen.“ Der Olli, das ist der Kater, den Frau M. vor acht Jahren als todgeweihtes Waisenkind aufgenommen und aufgepäppelt hat. Am Umzugsmorgen hatte sie ihren Liebling ins Putzkämmerchen gesperrt, „sonst wäre er ja bei dem Treiben ganz verrückt geworden“.

Als Olli in der Transportbox sitzt, hakt Frau M. sich bei Manuela Link unter. Es kann losgehen. Unten im Hof verladen weitere ehrenamtliche Helfer bereits alle Habseligkeiten, die mit umziehen, auf einen Hänger; auch ein paar Bewohner packen tatkräftig mit an.

„Das Geschrei, die Drogen...“

Oben im zweiten Stock fragt Manuela Link Frau M., ob sie etwas vermissen werde. Die Seniorin schüttelt den Kopf: „Vermissen werde ich von hier gar nichts!“, ruft sie vehement. Ihre Stimme vibriert nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung beim Gehen. „Die vielen Verrückten hier, das Geschrei, die Drogen…!“ Dann wiederholt sie: „Vermissen werde ich von hier gar nichts!“

Vorsichtig tastet sich Frau M. an Manuela Links Arm hinaus auf den fleckigen Betonbalkon, der über die gesamte Länge des Wohnblocks bis zum Treppenhaus führt. Sie blinzelt der Sonne entgegen, dreht sich nicht mehr um. „Gut festhalten“, sagt Manuela Link und deutet auf das Geländer im Treppenhaus. „Wir machen immer wieder Pausen.“ Wenige Minuten später haben die beiden Frauen zwei Stockwerke gemeinsam gemeistert. Unten im Hof wartet schon Frau M.s Rollator. Die zarte Dame blickt dankbar auf die fleißige Helferschar. Dann wandert ihr Blick noch einmal umher.

Hier, in einem der vier langen Blocks im Kitzinger Notwohngebiet an der Ecke Egerländer Straße/ Tannenbergstraße, hat Frau M. 22 Jahre verbracht. Aufgewachsen war sie in Iphofen. In jungen Jahren lernte sie einen in Kitzingen stationierten Amerikaner kennen. „30 Jahre habe ich dann im Amerika verbracht.“ Doch dann hatte der Gatte eine Neue. Ihr Sohn starb bei einem Unfall. „Ich hätte vielleicht nicht zurück nach Deutschland kommen sollen“, sagt Frau M. heute. Die meisten Menschen „von früher“ fand sie nach ihrer Rückkehr nicht mehr vor. So richtig fasste sie nicht mehr Fuß in ihrer alten Heimat.

„Hau ruck!“ Harald Beck und Dietmar Wahner, beides Sozialpaten, wuchten gemeinsam mit ihrem ehrenamtlichen Kollegen Manfred Steinig einen Holzschrank auf den Hänger. Der Schrank gehört Frau A., die im Nachbarblock wohnt und heute ebenfalls umzieht. In ihrer Wohnung sieht es wüst aus. Sich von Dingen zu trennen, fällt Frau A. schwer. Aber heute helfen ihr Edith Burger und Gaby Tripp – beide sind, wie Manuela Link, seit vielen Jahren als Ehrenamtliche im Notwohngebiet unterwegs. Sie packen nicht nur in der Begegnungsstätte Wegweiser mit an, sondern auch sonst überall, wo Not am Mann ist. Nun sortieren sie aus, packen Kisten und beruhigen Frau A.: „Heute Abend sind Sie schon in ihrer neuen Wohnung am Galgenwasen!“

Galgenwasen – in den Ohren von „Notwohnern“ klingt der morbide Charme der Adresse paradiesisch. Egal, ob man einen Job sucht oder sich bei einem Amt vorstellt: Alles ist besser, als Egerländer Straße 22, 24, 26 oder Tannenbergstraße 37 angeben zu müssen. Die vier Notwohnblocks sind Brandzeichen.

Als endlich all das Hab und Gut von Frau M. und Frau A. verladen ist, macht sich der Helfertrupp in seinen Privatautos und -Transportern auf den Weg zur neuen, etwa anderthalb Kilometer entfernten Adresse. Frau M. fährt im Auto von Manuela Link mit. Sie öffnet die Scheibe der Beifahrertür, will keinen Augenblick – und keinen Ausblick – der Fahrt verpassen. Der Wind weht in ihren weißen Haaren. Sie schaut und schaut und klatscht dann spontan in die Hände. Manuela Link lässt sich von ihrer guten Laune anstecken und hupt. „Jetzt geht ein neuer Lebensabschnitt los!“

„Hier wohnen wir jetzt, Olli!“

Wenig später halten alle vor den sanierten Sozialwohnungen der Stadt Kitzingen am Galgenwasen an. Frau M. muss nur wenige Stufen bewältigen, dann sieht sie zum ersten Mal ihr weiß gestrichenes Schlafzimmer mit dem warmen Holzboden, ihr Wohnzimmer, ihr kleines Bad und ihre Küche – ihre Wohnung zuvor war ein einziger Raum gewesen.

Von der Küche ist noch nicht viel aufgebaut – Frank Heppner, der dem ehrenamtlichen Helferteam seit Monaten angehört, hat zwar schon Hand angelegt, „aber ich bin leider kein Zauberer“, sagt er, als er Frau M.s große Augen sieht. Er zeigt ihr, wo der Kühlschrank und die Arbeitsplatte hinkommen. Langsam entspannt sich Frau M., sie sagt zu ihrem Kater, der neben ihr in der Transportbox sitzt und noch gar nicht raus will: „Hier wohnen wir jetzt, Olli!“

Frau M. ist 90 anderen Menschen weit voraus. 90 Männer und Frauen leben aktuell noch im Notwohngebiet, alle mit individuellen Problemen, Schwächen, Stärken. Für sie alle ein passendes Zuhause zu finden, bleibt eine Mammutaufgabe.

Für Frau M. fühlt sich die neue Bleibe dagegen von Tag zu Tag heimischer an. Die wenigen Stufen vor ihrer Wohnung sind – anders als die langen Treppen im Notwohngebiet – kein unüberwindbares Hindernis. Ein Ehrenamtlicher, Frank Heppner, hat ihr sogar einen Rollstuhl versprochen. Frau M. kann nun teilhaben – am ganz normalen Leben in der Kitzinger Siedlung.

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