Angefangen haben sie mit Anorak, Mütze und Schal. Damals, im März, blies der Wind kalt übers Garagendach. Mittlerweile lässt Familie Langmann allabendlich auch mal im T-Shirt die Posaunen und Trompeten erklingen. Ihr Anti-Einsamkeits-Blasen während der Corona-Ausgangsbeschränkung hat sich zu einem Publikumsliebling entwickelt. Und nicht nur in Castell wird täglich musiziert. Fast überall, wo es Musiker oder Posaunenchöre gibt, erklingen in den Orten des Landkreises Mini-Konzerte. Warum? Andrea Langmann, gelernte Krankenschwester und Kinderchor-Leiterin aus Castell, und ihre Posaunenchor-Kollegin Sabine Kaul erklären es.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, jeden Abend ein kleines Konzert zu geben – zum Beispiel vom Garagendach aus wie Familie Langmann?

Andrea Langmann: Das Garagendach ist ein guter Ort, weil es etwas erhöht ist und man von dort aus den nötigen Abstand zu den Mitmenschen gut einhält. Wir wollen mit unseren Liedern den Nachbarn zeigen, dass sie nicht ganz allein sind. Es gibt einen Dienstauftrag der Posaunenchöre: „Gott loben, das ist unser Amt“. Diesen Auftrag wollen wir in die Tat umsetzen und christliche Literatur durch die Musik verkünden. Wir wollen damit sagen: Leute, vergesst nicht, Gott ist da. Diese Zusage, die Hoffnung gibt und Trost spendet, geben wir mit unserer Musik, mit den Chorälen, jeden Tag an unsere Zuhörer weiter.

Sabine Kaul: Uns hat Dekan Günther Klöss-Schuster am Anfang der Krise und der Ausgangsbeschränkung angesprochen, ob wir als Familie nicht für alle spielen wollten. Wir haben es einfach gewagt und ausprobiert. Gleich bei den ersten Malen haben wir gemerkt, dass unsere Musik gut ankommt. Die Nachbarn haben überrascht, aber sehr erfreut reagiert. Es war einfach ein kleiner Lichtblick in der irgendwie doch beängstigenden und beunruhigenden Zeit.

Sind die Menschen zu Beginn gleich aus ihren Häusern gestürmt oder wie waren die Reaktionen der Casteller?

Langmann: Unser Ziel war es nicht, dass möglichst viele Menschen sich versammeln, sondern, dass die Menschen in unserer Nachbarschaft von ihrer Terrasse, ihrem Balkon oder auch nur vom Fester aus die Musik hören. Sehr schnell kamen dann doch Menschen, die uns auf ihrem Spaziergang hörten, in unsere Nähe, um zu sehen, was da eigentlich los ist. Aber alle waren und sind sehr vernünftig und halten wirklich ausreichend Abstand zueinander. Andere öffnen ihre Fenster, wieder andere sieht man gar nicht. Wir bekommen aber immer wieder Reaktionen, eine Frau hat uns sogar eine richtig liebe Karte geschrieben. Und unser Nachbar Udo Schmidt hat rasch angefangen, unsere Auftritte zu filmen, obwohl das gar nicht geplant war. Udo und seine Frau Petra sitzen auf ihrem Balkon gegenüber und stellen eines der Stücke, die wir spielen, in verschiedene WhatsApp-Gruppen.

Im Oberdorf bläst Familie Langmann, im Unterdorf Familie Kaul. Wie sieht es dort aus?

Kaul: Wir legen meist ein paar Minütchen nach 18 Uhr los. Da warten dann alle Nachbarn schon in ihren Gärten und auf der Straße. Bei gutem Wetter hört man aber nicht nur uns und Familie Langmann, sondern auch den zwölfjährigen Leonard Weber und seinen Fast-Nachbarn Johannes Gernert in der neuen Siedlung, Sigi Langmann im Seegarten und manchmal auch Nicole Wintrich an der Kirche. Wir als Familie haben natürlich den Vorteil, dass wir zu viert sind und vierstimmig spielen können. Insgesamt finde ich es super, dass weithin Musik zu hören ist.

Welche Stücke sucht Ihr aus? Müsst Ihr extra dafür üben?

Langmann: Wir wählen fast ausschließlich christliche Literatur aus, auch Bearbeitungen von modernen Komponisten, die etwas flotter und swingender sind. Schließlich soll unser Spiel alle Altersgruppen erreichen. Natürlich soll sich unsere Musik gut anhören, doch sie muss nicht perfekt sein. Wir als Bläser müssen uns vorher schon einspielen, also ein „Warm-up“ machen, denn ein „Kaltstart“ am Instrument ist schwer und wirkt sich negativ auf den Ton aus. Das machen, denke ich, alle Bläser.

Was bringt das abendliche Musizieren euch und den Zuhörern?

Langmann: Viele Menschen geben uns positives Feedback. Es hat sich so eine Art Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Es entstehen Verbindungen, die du vorher nicht hattest; zum Beispiel hören Menschen zu, zu denen man vorher keinen Kontakt hatte, die einem jetzt aber immer zuwinken. Man merkt einfach: Man ist nicht allein. Die Menschen gehen trotz der Distanz, die man halten muss, wieder aufeinander zu. Das finde ich klasse.

Wie geht es weiter?

Kaul: Es macht einfach Freude, anderen eine kleine Freude zu machen. Deswegen spielen wir weiter. Für mich als Mama ist es toll zu sehen, wie sich die Kinder mit einbringen, nie maulen oder keine Lust haben. Im Gegenteil: Sie üben selbstständig die vorgeschlagenen Stücke – für jeden Tag zwei Choräle. Wir nehmen unser Spielen auch jeden Tag auf und verteilen es über Whatsapp an Eltern und Menschen, die uns darauf angesprochen haben. So kommt die Musik teilweise weit über die Ortsgrenzen hinaus.

Langmann: Je nachdem, wie lange die Ausgangsbeschränkung weitergeht, werden wir noch eine ganze Weile spielen. Das Blasen ist ja quasi Sport für die Lippen: Wenn Du nicht trainierst, gehen die Muskeln verloren. Durch unsere abendlichen Auftritte halten wir uns fit. Und wir entdecken auch immer wieder Stücke, die wir schon lange nicht mehr gespielt haben. Trotz all dieser positiven Aspekte, muss ich aber auch sagen: Uns fehlt die Gemeinschaft im Posaunenchor sehr und wir freuen uns darauf, irgendwann wieder alle zusammen musizieren zu können. INFO:

Andrea Langmann: Die Casteller Kinderchor-Leiterin musiziert allabendlich ab 18 Uhr zusammen mit ihrem Mann Johannes, dem Leiter des Posaunenchores Castell, und ihren Kindern Johannes jun., der in Weimar Musik studiert, und Notfallsanitäterin Hanna von einem Garagendach im Oberdorf.

Sabine Kaul: Auch im Casteller Herrengarten wird zu viert musiziert: Mama Sabine und Papa Helmut spielen mit ihren Kindern Philipp und Katharina. Wenn Familie Kaul gegen 18 Uhr den ersten Choral anstimmt, freuen sich die Nachbarn im Unterdorf.