Zwei Männer heben jubelnd Fahnen in die Höhe. „Wein raus“, ist über ihren Köpfen zu lesen, geschrieben in winzigen geschwungenen Buchstaben. Genaues Hinsehen lohnt sich beim Besuch des neu gestalteten Scheibenmuseums im Schützenhaus Mainbernheim. Die Scheiben verraten viel über die Geschichte und Traditionen in Stadt und Land.

Wer Conny Hügelschäffer in den Keller des Mainbernheimer Schützenhauses folgt, sollte Zeit mitbringen. Aber nicht, weil der Schützenmeister so viel reden würde. Er weiß Interessantes zu berichten, das schon, aber viel mehr noch können die mehr als 200 außergewöhnlichen Zeitdokumente in den neu gestalteten Ausstellungsräumen erzählen. Von der ältesten Scheibe aus dem Jahr 1783 bis zur neuesten von 2018 führen sie den Besucher durch Historisches, Mystisches, Persönliches, vermitteln Brauchtum und Vorlieben, verraten so manches über denjenigen, der die Scheiben gespendet hat.

Die Schützengesellschaft Mainbernheim wurde 1382 gegründet und gehört damit zu den ältesten im wiedervereinigten Deutschland. Die außergewöhnlichen Scheibensammlung fußt auf einer Tradition, der die Mainbernheimer schon seit 250 Jahren nachgehen. In früheren Jahren gab es keine Schützenhäuser, Vereinsheime und Schießstände im heutigen Sinn. Die Schützen pflegten ihr Brauchtum nur in den Sommermonaten am Schützengraben außerhalb der Stadtmauer. Für das Jahres- oder Kirchweihschießen war alljährlich ein anderer Schütze verantwortlich, der so genannte Schossmeister – und das ist auch heute noch so. Zu seinen Verpflichtungen gehört nicht nur, die Schützenschwestern und -brüder am Schützenmittwoch im August zum Schossmeisteressen einzuladen, sondern er muss auch eine Scheibe stiften. Wer beim Schießen auf diese Scheibe am besten trifft, ist neuer Schützenkönig und darf die Scheibe ein Jahr bei sich zuhause aufbewahren. Danach wird sie zur Sammlung hinzugefügt. Auf den Schützenkönig kommen in Mainbernheim, im Gegensatz zu vielen anderen Gesellschaften, keine Kosten zu.

Wer Schossmeister wird, darüber müssen sich die Mainbernheimer keinen Kopf zerbrechen. Das Amt wird in der Reihenfolge des Eintritts in die Schützengesellschaft vergeben. „Wir haben aktuell einen Vorlauf von 15 Jahren“, sagt Conny Hügelschäffer, der das Amt vor kurzem an Stefan Klausnitzer abgegeben hat. Bis 2035 stehen die Schossmeister fest. Das Amt können seit einigen Jahren auch Damen ausüben. Auch beim Nachwuchs können sich die Zahlen sehen lassen: 18 Jugendliche gibt es derzeit. Ab dem Alter von 25 Jahren müssen sie entscheiden, ob sie die Schossmeisterverpflichtung eingehen oder nicht. Wer dazu nicht bereit ist, wird förderndes Mitglied ohne Schießen und Schossmeisteressen oder verlässt die Gesellschaft.

Der Name des Schützenkönigs ist auf der Scheibe verewigt, genauso der des Schossmeisters. 1825 zum Beispiel hatte Christian Dürr dieses Amt inne. Seine Scheibe gibt Einblick in den Ablauf des Schießtages: Damals schossen ausschließlich Männer aus Ständen vor der Stadtmauer heraus auf die Scheiben. Traf einer ins Schwarze, zeigte eine hölzerne Türkenfigur das an: Ihr beweglicher Arm wurde auf den Treffer gerichtet. Ein Zeichen für alle, dass ein Zentrumsschuss gefallen war – und dafür, dass der Schütze einen Liter Wein ausgeben musste. Besagte Türkenfigur, die 1808 angeschafft wurde, ist noch heute im Museum zu sehen.

Zeitgeschichtliches aus Mainbernheim, das Geschehen im Land und in der Welt, aber auch Mystisches und Persönliches sind auf den Scheiben verewigt. Kleine Tafeln geben Auskunft darüber, was dargestellt ist und, wo bekannt, welcher Künstler die Scheiben geschaffen hat. Deren Gestaltung ist vielfältig, die meisten sind bemalt, manche geschnitzt, beklebt, mit Fotos oder Unterschriften versehen.

Noch vielfältiger sind die Motive. Da hängt ein beleibter Jäger mit seiner Beute neben einer Darstellung aus dem Burenkrieg, ein Porträt der Familie Schmidt mit Kommerzienrätin Anna Schmidt – der ersten Frau bei den Mainbernheimer Schützen – neben einer „Inflationsscheibe“ mit Geldscheinen. Die Erneuerung der Kanalisation in Mainbernheim taucht neben dem Jubiläum 40 Jahre Deutsche Mark auf.

Nicht nur die Bilder, auch die Beschriftung, oft winzig klein gehalten, gibt Einblick in die Geschichte: „Lieb Gockelein, magst ruhig sein, sonst brock ich dir die Suppe ein“, droht der deutsche Michel dem gallischen Hahn auf der Scheibe des Jahres 1874. Die Mondlandung, der Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin sind verewigt, 1982 gar eine Vielfalt von Themen, die damals die Menschen beschäftigten: von Demonstrationen gegen die Startbahn West über die Attentate auf Papst Johannes Paul II. und Ronald Reagan bis zur Hochzeit von Charles und Diana.

Manch einer hat Wichtiges aus dem eigenen Leben zum Motiv gemacht: Die Bearbeitung des Feldes mit dem Pflug, die Aussiedlung des Betriebes, das Anwesen des Friseurs mit Zunftzeichen und in die Scheibe eingeschlossenen Haarlocken in Schwarz-Rot-Gold.

Chronologisch geordnet, führen die Scheiben die Besucher durch die Jahre. Zur Sammlung gehören auch Scheiben, die zwischendurch von Mitgliedern gestiftet wurden. Einige Scheiben allerdings sind ausgeliehen, beispielsweise eine, die König Otto von Griechenland zeigt. Auch das Kultusministerium hatte bereits Scheiben aus Mainbernheim geliehen. Weil sie eben wichtige geschichtliche Dokumente sind.

Info: Wer das Scheibenmuseum der Schützengesellschaft Mainbernheim besuchen möchte, kann sich bei Stefan Klausnitzer, 1.Schützenmeister,

Mail: museum@sg-mainbernheim.de,

Telefon: 09323/8767210, melden.