Im Sommer 1998 kam „Harry Potter und der Stein der Weisen“ in Deutschland auf den Markt. Dass das Buch auch 23 Jahre später nichts von seinem Zauber verloren hat, wurde vor wenigen Tagen beim Vorlesewettbewerb in Kitzingen wieder deutlich. Gleich zwei Kinder hatten sich den Bestseller von Joanne K. Rowling ausgesucht. Eines davon schaffte es mit seinem fesselnden Vorlesestil, die Jury so zu beeindrucken, dass es am Ende zum Gewinner gekürt wurde: Finn Grygier aus Dettelbach vertritt den Landkreis Kitzingen nun auf der nächsten Ebene des Vorlesewettbewerbs, beim Bezirksentscheid.

Beim Vorlesewettbewerb auf Kreisebene war Finn Grygier als Schulbester des Egbert-Gmynasiums Münsterschwarzach ins Rennen gegangen. Wie die anderen sechs Vorleser besucht er eine 6. Klasse. Normalerweise findet der Vorlesewettbewerb auf Kreisebene live statt – natürlich nicht in diesem besonderen „Corona-Jahr“. Nur die Jury versammelte sich mit Abstand in einem großen Saal der Stadtbücherei, wo Leiterin Sheena Ulsamer und ihr Team eine Live-Schalte per Zoom vorbereitet hatten. Die Kinder saßen gespannt Zuhause und konnten verfolgen, wie die Jury sich ihre Beiträge ansah. Um technische Probleme zu vermeiden, hatten sie ihren „großen Auftritt“ zu dem Zeitpunkt schon hinter sich: Jedes Kind hatte ein Video eingesandt, in dem es sich kurz vorstellte und dann drei Minuten aus seinem Lieblingsbuch vorlas.

Die Jury erlebte eine kurzweilige Stunde. Von launigen Pferdegeschichten über packende Abenteuer mit Percy Jackson bis hin zu echten Klassikern wie den „Fünf Freunden“ von Enid Blyton und dem „Austauschkind“ von Christine Nöstlinger war allerhand geboten. Ellen Rässler, die ehemalige Leiterin der Bücherei, Mitarbeiterin Renate Buczek, Bürgermeisterin Astrid Glos, Sabine Sauerbrey vom gleichnamigen Kitzinger Buchladen und Redakteurin Nina Grötsch von der Zeitung Die Kitzinger waren sich auf jeden Fall einig, dass sie der ein oder anderen Geschichte gerne noch eine Weile länger gelauscht hätten.

Neben der Lesetechnik kam es vor allem auf eine gute Interpretation an. War der Vortrag lebendig und atmosphärisch? Hatte der Schüler ein angemessenes Tempo, hat er seine Stimme facettenreich eingesetzt? Auch die Textstellenauswahl floss in die Bewertung mit ein. In „normalen“ Jahren gibt es immer noch einen Fremdtext, der die Kinder noch einmal vor neue Herausforderungen stellt; heuer wurde darauf verzichtet.

Obwohl alle eine tolle Leistung abgeliefert hatten, war die Jury sich am Ende einig und kürte Finn zum Sieger. Der war voller Freude und schickte ein lautes und langes „Daaaanke“ durch die Leitung. Sheena Ulsamer präsentierte ihm schon einmal sein Siegerbuch, wies aber darauf hin, dass auch die anderen Vorleser nicht leer ausgehen. Bei einem virtuellen Rundgang durch die Bücherei hatte die Leiterin der Bücherei den Kindern – während sich die Jury beraten hatte – auch schon jede Sorge genommen, ihr Lesestoff könnte jemals ausgehen. „Ich bin jetzt natürlich schon etwas aufgeregt vor der nächsten Runde, aber das wird den anderen Vorlesern bestimmt auch so gehen“, gestand der elfjährige Finn, der es liebt beim Lesen in andere Welten abzutauchen. „Bei guten Büchern fühlt es sich so an, als wäre man selbst die Person, die das alles erlebt.“ Am liebsten liest er abends vor dem Einschlafen, im Sommer auch mal gerne draußen in der Sonne. Dass sich junge Menschen so wie Finn für Bücher begeistern können, ist ein Ziel des jährlichen Vorlesewettbewerbs. Die Begeisterung müsse in jungen Jahren geweckt werden. Ein bisschen schade fand es die Jury, dass sich bei weitem nicht alle Schulen im Landkreis an den Wettbewerben beteiligen. Heuer meldeten ihre Schulsieger neben dem EGM noch das FLSH Gaibach (Nina Hammerslag), das AKG Kitzingen (Paul Hanft), die Mädchenrealschule Volkach (Raphaela Stebani), das Steigerwald-Landschulheim Wiesentheid (Oliver Uhl), die Mittelschule Volkach (Emilia Pfister) und die Mittelschule Iphofen (Anna-Lena Belik). Im nächsten Jahr – hoffentlich dann ohne Corona – sind es vielleicht wieder ein paar mehr.