Kitzingen/Sickershausen Seine Ideen und Gedanken sind greifbar geworden. Vor wenigen Tagen durfte Pfarrer Simon Gahr endlich das Paket in Empfang nehmen, auf dessen Inhalt er sich schon sehnsüchtig gefreut hat. Der Geistliche, der die evangelischen Kirchengemeinden Kitzingen-Siedlung und Sickershausen betreut, hat für die Passionszeit 2021 Gebete geschrieben und diese nun in einem Gebetsbuch veröffentlicht. Gut zweieinhalb Wochen sind es noch bis zum Aschermittwoch. Bis dahin sollen sich alle Interessierten damit eindecken können.

Die aktuelle Situation stellt auch Sie als Pfarrer vor wöchentlich neue Herausforderungen. Ist es schwieriger als sonst, Menschen und Kirche zu vereinen?

Simon Gahr: Die „Corona-Zeit“ ist eine Zeit der kreativen Lösungen. Hier helfen die Netzwerke, die wir Pfarrer schon vorher hatten – bei mir zum Beispiel einige Facebookgruppen. Man kann nachschauen, was andere Gemeinden machen und eigene Wege finden. Umgekehrt ist es auch spannend, wie eigene Ideen in neuem Gewand woanders auftauchen.

Haben Sie ein paar Beispiele?

Simon Gahr: Unser Kollege in Obernbreit hat relativ bald Telefonandachten angeboten. Ich habe das dann auf Dekanatsebene in der Form von „Angedacht“ technisch realisiert. In der Adventszeit gab es so pro Tag eine Andacht von einem Haupt- oder Ehrenamtlichen. Auch für die Passionszeit ist das wieder geplant. Das Ganze lebt sehr von den kreativen Beiträgen verschiedenster Persönlichkeiten.

Zum Beispiel?

Simon Gahr: In Sickershausen haben wir einen Wundertütengottesdienst für die Kleinsten realisiert. Das war eine Idee einer Gemeinde in Niedersachsen. Ina Borawski und ich haben eigene Ideen und Stationen entwickelt und so einen Gottesdienst geschaffen, der sich durch den ganzen Ort zog. Manchmal haben wir auch aus der Not eine Tugend gemacht: Am Reformationstag fand ein Stationen-Gottesdienst statt, bei dem wir Menschen auf der Straße erreicht haben, die sonst gar nicht an den Tag gedacht hätten.

Hat man mit solchen Aktionen vielleicht auch Menschen erreicht, die sonst nicht die typischen Kirchgänger sind?

Simon Gahr: Tatsächlich waren die Gottesdienste auf dem Sportplatz regelmäßig so gut besucht, dass wir im Kirchengebäude vermutlich weniger gewesen wären. Auch die „Sofagottesdienste“, die ich seit dem Verbot der Gottesdienste jeden Sonn- und Feiertag ins Internet stelle, werden gut geklickt.

Worum geht es dabei?

Simon Gahr: Es handelt sich dabei um Gottesdienste zum Ansehen, Mitsingen und Mitlesen, die zusätzlich in Printform in der Kirche ausliegen. An Heiligabend haben wir sogar noch DVDs und CDs ausgegeben. Diese Gottesdienstminiaturen sind sehr spannend. Ich bekam sogar Rückmeldungen aus Thüringen und anderen Bundesländern, obwohl doch alles sehr unprofessionell und spartanisch war. Alles in allem kann ich tatsächlich sagen, dass diese Form eine deutlich höhere Reichweite hat als normale Gottesdienste.

Und der Aufwand ist vergleichbar?

Simon Gahr: Nein. Der Aufwand für diese besonderen Aktionen ist deutlich höher. Haben wir an einem normalen Sonntag vier Personen, die sich um alles kümmern – Mesnerin, Organistin, Lektorin und die Gottesdienstleitung –, brauchen wir für einen Gottesdienst draußen eine Vielzahl an Helfern zusätzlich: Platzeinweiser, Anlagenbediener, Eingangskontrolle, Posaunenchor und ähnliches. Und leider gab es auch bei uns immer mal wieder unschöne Situationen mit Uneinsichtigen.

Glauben Sie, dass das Internet der Kirche eine neue Chance bietet?

Simon Gahr: Für viele Menschen ist das Internet ein eigener Sozialraum geworden – ein Ort, an dem sich Leben abspielt. In der „Corona-Zeit“ hat sich das in meinen Augen nur ausgeweitet und intensiviert. Die Gemeinden, die ihre Präsenz im Internet vorher stiefmütterlich behandelt hatten, kamen plötzlich ins Grübeln. Kolleginnen und Kollegen haben fast durchweg eigene Andachten ins Internet gestellt oder zumindest Informationen verbreitet. Ich hoffe, dass da nicht wieder alles einschläft und der Sozialraum Internet als Ort der Verkündigung ernster genommen wird.

Als nächstes naht die Passionszeit. Auch hier haben Sie schon Ideen.

Simon Gahr: In den Gemeinden, in denen ich bisher tätig war, wurde die Passionszeit überall anders gestaltet. Eine Gemeinde hatte einen Fastenkurs, die andere Einkehrtage, ich selbst habe Meditationsabende angeboten und hier in Kitzingen-Siedlung und Sickershausen gab es die Tradition der Andachten, die von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden besonders gestaltet wurden. Als „Fastenzeit“ ist die Passionszeit weit über die Kirche hinaus präsent, um abzunehmen oder Sport zu machen, um zur Ruhe zu kommen oder sich bewusster zu ernähren. In diesem Jahr wollten wir zum täglichen Gebet einladen – vormittags und abends. Da das nun nicht gemeinsam stattfinden kann, habe ich für jeden Tag zwei Gebete vorformuliert und das Ganze als Gebetsbuch veröffentlicht.

Wie muss man sich den Inhalt des Buchs vorstellen?

Simon Gahr: An jedem Tag findet man zwei sehr kurze Gebete. Die Kürze ist Absicht, um eigene Gedanken in das Gebet einzutragen. Auf formelhafte Sprache habe ich verzichtet, soweit es geht. Am Abend beispielsweise kann man in Gedanken den Tag entlang gehen und eigene Erfahrungen und Begegnungen einbauen. Das Morgengebet soll in den Tag führen, manchmal sind richtige Entdeckungsaufgaben dabei. Jedes Gebet ist am Thema des Tages orientiert. Diese Themen entstammen den Lesungen des Sonntags, gehen also einer uralten Tradition entlang, bis hin zur Karwoche und Ostern.

Wie kommt man an das Buch?

Simon Gahr: Für die Kirchengemeinde Sickerhausen und Friedenskirche haben wir eine Großbestellung gestartet und verteilen die Bücher in den Kreisen, die sich im Moment nicht treffen können. Restexemplare können für zwei Euro erworben werden. In der Schöningh-Buchhandlung und bei Biancas Kreativcafe kann das Buch bestellt werden oder über jede andere Onlinebücherei – dann für den Verlagspreis. Als E-Book ist es ebenfalls erhältlich.

Was wünschen Sie sich als Pfarrer, das bald wieder möglich ist?

Simon Gahr: Ich vermisse die direkte Arbeit mit den Senioren. Diese sind seit fast einem Jahr isoliert. Wir haben zwar verschiedene Aktionen für sie gemacht, aber der menschliche Kontakt leidet. Dann vermisse ich die kreativen Methoden in der Konfirmandenarbeit. Mit zwei Metern Abstand, Mundschutz und Ausrichtung nach vorne ähnelt mir das viel zu sehr dem Unterricht in der Schule. Ich mag da den spielerischen Ansatz, den handwerklichen, den Austausch in Kleingruppen, die Ausflüge und so weiter.