Vor zwei Jahren ging es los: Die Flüchtlingswelle schwappte nach Deutschland. Zeitgleich startete eine beispiellose Hilfsaktion: Tausende Deutsche spendeten Hilfsgüter und vor allem Zeit. Sie engagierten sich als Deutsch-Lehrer, als Fahrdienst, organisierten Spielenachmittage für Flüchtlingskinder und übernahmen Patenschaften. Schon damals warnten manche Politiker und Sprecher von hauptamtlichen Hilfsorganisationen: Die Hilfswelle werde eines Tages abebben. Die Prophezeiung erfüllt sich jetzt. Die Gründe sind vielfältig.

Astrid Glos ist Referentin für Integration im Kitzinger Stadtrat. Und sie ist nah dran an den Flüchtlingen und ihren ehrenamtlichen Helfern. Etwa 150 Namen standen zu Hochzeiten auf ihrer Liste, etwa 100 haben sich regelmäßig aktiv eingebracht, als die Notunterkunft im Kitzinger Innopark mit bis zu 400 Flüchtlingen belegt war. 18 Deutschkurse pro Woche, Spielenachmittage, Fahrten zu Ärzten und zu Behörden: Die Helfer waren eingebunden und zufrieden.

„Es hat gemenschelt“, sagt Glos. „Jetzt ist eine Distanz entstanden.“ Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Notunterkunft ist geschlossen, der Einzug in die Gemeinschaftsunterkunft verlief schleppend, die Sommerferien brachten eine nötige Verschnaufpause für die Helfer. Manche haben danach ihr Engagement beendet. „Weil die Aufgaben sich verändert haben“, weiß Glos. Weil man nicht mehr so nah dran ist an den Flüchtlingen. Dabei gehe es den meisten ehrenamtlichen Helfern genau darum: Um eine enge Beziehung zu den Hilfesuchenden, um eine menschliche Bindung. Und um sichtbare Erfolge.

Burkhard Hose ist Pfarrer, katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Unterfranken und Mitglied des Flüchtlingsrates in Würzburg. Seine Erfahrung der letzten zwei Jahre: Ehrenamtliche brauchen keine Auszeichnungen von staatlicher Seite. „Sie wollen viel mehr Erfolgserlebnisse und das Gefühl, dass ihre Arbeit etwas bringt.“

Ein Gefühl, das zunehmend seltener wird. Je länger die Flüchtlinge im Land sind, desto komplexer werden die Fragestellungen. Statt den Flüchtlingen zu begegnen, begegnen Ehrenamtliche immer häufiger der Bürokratie. Ob Jobsuche, Wohnungssuche oder der Familiennachzug: Die Themen werden immer komplexer. „Viele Ehrenamtliche sind auch deshalb mit ihren Kräften am Ende.“

Katrin Anger vom Arbeitskreis Asyl in Kitzingen wundert das nicht. Gerade die Helfer der ersten Stunde hätten Enormes geleistet, sich nicht selten mit den Anvertrauten identifiziert. Erfolgserlebnisse wie eine Anmeldung am Kindergarten oder eine Anerkennung als Asylberechtigter hätten Flüchtlinge wie Ehrenamtliche gleichermaßen motiviert. „Bei Themen wie dem Familiennachzug oder der Wohnungssuche kommen viele Helfer an ihre Grenzen“, weiß Anger. Wer mit seinem anvertrauten Flüchtling 20 Wohnungen anschaut und immer wieder zu hören bekommt, dass die Wohnung nicht an Ausländer vermietet wird, der resigniert irgendwann.

„Die Aufbruchsstimmung hat sich gelegt“
Astrid Glos Referentin für Integration

Eine gewisse Resignation und Lethargie macht sich nicht nur bei manchen Helfern, sondern auch bei Flüchtlingen breit, wie Astrid Glos bei ihren Besuchen in der Gemeinschaftsunterkünften beobachtet. Das lange Warten auf Interviewtermine oder Bescheide hinterlässt seine Spuren. „Die Menschen bräuchten dringend eine Struktur für den ganzen Tag“, weiß Glos. „Aber das ist kaum leistbar.“

Die Notunterkunft im Innopark ist geräumt, dafür zieht nach und nach Leben in die Gemeinschaftsunterkunft ein paar hundert Meter weiter ein. Etwa 110 von 400 Flüchtlingen sind bereits eingezogen. Die Infrastruktur sei ideal, so Glos: Gemeinschaftsräume, Gemeinschaftsküche, Schulungsräume, Freiflächen zum Spielen. Auf dem Papier gebe es genügend Begegnungsmöglichkeiten. „Aber die Menschen sind vorsichtiger geworden“, hat Glos beobachtet. Gerade seit den Anschlägen von München, Würzburg und Ansbach schotten sie sich verstärkt ab. Einladungen zu Veranstaltungen oder Besuchen gebe es für die Flüchtlinge fast gar nicht mehr. „Die Aufbruchsstimmung hat sich gelegt“, bedauert Glos.

Dabei ist Hilfe nötiger denn je. In der Gemeinschaftsunterkunft im Innopark sind derzeit noch rund 50 ehrenamtliche Helfer aktiv. „Wir suchen händeringend Deutsch-Lehrer“, sagt Glos. Auch Alltagshelfer, die Flüchtlinge zum Arzt oder zu Ämtern begleiten, seien sehr willkommen. „Das ist eine zeitlich begrenzte Hilfe“, betont Glos. Ganz praktische Dinge wie ein Bollerwagen fürs Einkaufen oder Nähmaschinen, dank derer die gelernten Schneider im Haus gespendete Kleider umarbeiten könnten, werden ebenfalls benötigt.

Am wichtigsten sei aber der menschliche Kontakt und eine gewisse Wertschätzung für die Ehrenamtlichen. „Die politische Grundstimmung im Land ist für viele ermüdend“, bedauert Burkhard Hose. Gerade in Bayern müssten sich viele Helfer rechtfertigen für ihre Einstellung. „Ich habe den Verdacht, dass auf politischer Ebene ganz bewusst weniger über gelungene Integration gesprochen wird, als über die Themen Rückführung und Aufnahmestopp“, sagt Hose. Ein gewisser Frust sei da nur allzu verständlich.

Kontakt: Wer sich weiter oder neu engagieren will, der kann sich bei Astrid Glos, Tel. 0151/42606582 (Montag bis Freitag, zwischen 12 und 14 Uhr) melden.