Er ist bekannter als der Oberbürgermeister. Er kann noch schneller sprechen als die Landrätin. Und er kennt Kitzingen genauso gut wie der Postbote. Seit 1989 war Walter Vierrether der Leiter der Tourist-Info Kitzingen. Mit dem heutigen 1. April – das ist kein Scherz – übergibt der 64-Jährige sein Amt an seine langjährige Mitarbeiterin Julia Then, geborene Schlossnagel.

Diese bezeichnet ihn als gewitzt, hilfsbereit, schlagfertig, großzügig, zugänglich, offen und einfach frech-sympathisch – und spricht damit vielen anderen Bürgern aus der Seele. „Der Walter“, geboren am 17. Oktober 1951, gehört zu Kitzingen wie der Falterturm und der Marktplatz. „Da mach' mer scho' eweng was“, ist ein typischer Walter-Satz, der immer wieder für launige Stunden in der Großen Kreisstadt sorgt, wie beim Rocktemberfest, dem Kitzinger Weinherbst oder dem Nikolaus-Rock.

Klein, aber oho

Und auch, wenn man nach Süden, Norden, Westen oder Osten reist – der „große Kleine“ war schon da. Unter dem Motto „klein, aber oho“ hat der 1,65-Meter-Mann die Werbetrommel für die ebenfalls nicht allzu große, aber schmucke Weinhandelsstadt Kitzingen gerührt. Ob in Hamburg, München, Stuttgart, Essen, Bremen oder Weimar, ob auf Messen, Empfängen oder Weinproben – der energiegeladene Kitzinger hat die Promis ebenso in seinen Bann gezogen wie die Otto-Normal-Verbraucher. Als er einmal wegen seiner geringen Körpergröße aufgezogen wurde, antwortete er spontan: „Lieber klein und zackig als groß und dappig!“

Vielleicht ist das ja das Geheimnis seines Erfolges: „Der Walter“ macht keinen Unterschied zwischen groß und klein, arm und reich, berühmt und unbekannt. „Von ganz oben bis ganz unten sind alle gleich“, sagt er gerne. Und fügt ebenso gern an: „Wer hoch steigt, fällt tief!“ Dieses Motto hat sich dem Sohn von Sepp Vierrether, dem Hausmeister der berühmt-berüchtigten Hillbilly-Bar, tief eingebrannt. Als eingefleischter Clubberer weiß er außerdem, dass Freud' und Leid oft ganz nah beieinander liegen.

Zunächst lernte „der Walter“ Großhandelskaufmann, war für den Bocksbeutel-Weinvertrieb tätig und bis 1989 bei den Raiffeisen-Kraftfutter-Werken als Disponent angestellt. Doch in dem ehemaligen 68er, der die Garnisonsstadt Kitzingen als Musikszenen-Hochburg erlebt hat, schlummerte mehr.

In einem Kitzinger Gasthaus machte der damalige Fremdenverkehrsreferent Helmut Sessner im Frühjahr 1987 den Vorschlag, dass man doch als Gegenpol zum Volkacher Ratsherrn auch in Kitzingen eine Symbolfigur schaffen solle. Und so wurde Walter Vierrether, der bei der Kitzinger Karnevalsgesellschaft aktiv war und als Gästeführer erste Gehversuche gemacht hatte, zum „Kitzinger Hofrat“ gekürt und im Juli 1989 von der Stadt Kitzingen als Leiter des Tourismusamtes eingestellt.

Die besondere Herausforderung der Doppelaufgabe als Leiter der TI und Hofrat hat Walter Vierrether als „d'Artagnon Kitzingens“, wie er sich selbst gern nennt, mit unglaublich viel Herzblut gemeistert. Seine Schwerter waren stets die Bocksbeutel. Und seine lockere Zunge. Damit unterhielt er Urlauber genauso wie Politiker und Schauspieler. Seine „Gosch'n“ läuft wie geschmiert, wird aber nie verletzend. Unter die Gürtellinie gehen seine Sprüche nicht, der Respekt vor dem Gegenüber bleibt dem Walter immer wichtig.

Hat er erst einmal ein Mikrofon in der Hand, ist es ihm schwerlich wieder zu entreißen. So mancher Oberbürgermeister – unter Walter Vierrether haben mit Rudolf Schardt, Erwin Rumpel, Bernd Moser und Siegfried Müller gleich vier OBs gedient – musste bei Empfängen neben dem agilen Vierrether richtiggehend um das Wort kämpfen. Das galt auch für Politiker wie Horst Seehofer, Gerhard Schröder, Walter Steinmeier oder Roman Herzog. Sie haben – ebenso wie Sportler und Schauspieler von Paul Breitner bis Veronica Ferres – live erlebt, dass „www“ in Kitzingen nicht nur die Abkürzung für das world-wide-web ist, sondern auch für die Walter-Definition „witzig, wendig, wortgewandt“.

Hofrat in Teilzeit

Mit ihm als Botschafter und „Außenminister“ hat der Tourismus in Kitzingen sich erst richtig entwickelt. Ein weithin sichtbares Zeichen sind die vielen Hotelschiffe, die Jahr für Jahr in Kitzingen vor Anker gehen. Stolz darf „der Walter“ auch auf die hervorragend ausgebildeten Stadtführer blicken, auf den mehrfach ausgezeichneten Wohnmobilstellplatz am Etwashäuser Bleichwasen und auf den Erfolg der Kleinen Landesgartenschau, während er und sein großer Hofstaat, die Wein- und Gärtner-Hoheiten des Landkreises, quasi täglich für die alte Weinhandelsstadt geworben haben. „Die schönsten Zeiten hat er mit mir erlebt“, sagt sein langjähriger Weggefährte Franz Böhm. Vierrether bestreitet das nicht. Zum regelmäßigen Kaffeeklatsch der beiden gesellen sich gern auch Hartmut Stiller vom VdK und andere Kitzinger Originale.

Das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern. Walter Vierrether legt heute zwar sein Amt als TI-Chef nieder und freut sich, künftig mehr Zeit für seinen kleinen Enkel Max zu haben, aber Hofrat in Teilzeit will er bleiben. Seine beiden Hofrats-Kollegen Alexander Nuss und Jürgen Reitmeier werden zwar sicher ein bisschen mehr zu tun bekommen, aber Empfänge und Veranstaltungen will der Träger des Frankenwürfels weiterhin managen – nächstes Jahr zum Beispiel den „Tag der Franken“, der in Kitzingen stattfinden wird.

Außerdem stehen 2017 sein 30-jähriges Hofrats-Jubiläum und das 60. Kitzinger Weinfest an. Dass die Kitzinger „ihren“ Walter komplett entbehren müssen, ist also nicht zu befürchten. „Da mach' mer scho' eweng was...“