200 Menschen stehen auf der Warteliste der Gemeinschaftspraxis von Dr. Michael Bedö in Mainbernheim. Keine Ausnahme: Überall in Deutschland warten Patienten auf ihren Grippe-Impfstoff. Ob er eintrifft, ist mehr als fraglich. „Der Bedarf ist deutlich höher als sonst“, sagt Dr. Michael Bedö. Mitte September kam die Lieferung, drei Wochen später waren schon alle Bestellungen aufgebraucht. 600 Impfdosen haben er und sein Team bereits gespritzt. „In den letzten Jahren mussten wir werben, damit sich die Patienten gegen die Grippe impfen lassen“, erinnert er. „Jetzt werden uns die Türen eingerannt.“

14 Millionen Dosen sind deutschlandweit im letzten Jahr verimpft worden. Das Bundesgesundheitsministerium hat in diesem Corona-Jahr zusätzlichen Grippeimpfstoff besorgt. Über 26 Millionen Dosen sind verfügbar. Auch das wird nicht reichen. „Wir haben wesentlich mehr Anfragen als sonst“, sagt Bernward Unger, Apothekensprecher im Landkreis Kitzingen. Er kritisiert Mängel im System.

„Das ist Planwirtschaft, wie damals in der DDR.“
Dr. Michael Bedö, Hausarzt

Im Frühjahr rufen die Apotheker bei „ihren“ Ärzten die Menge an Impfstoff ab, die für den kommenden Herbst bestellt werden soll. Dabei gehen weder Ärzte noch Apotheker ein Risiko ein. „Ich hafte für jede Dose, die nicht verimpft wird“, sagt Unger. Genauso geht es auch den Ärzten. Wer zu viel bestellt, bleibt auf den Kosten sitzen. „Das ist Planwirtschaft, wie damals in der DDR“, ärgert sich Dr. Bedö.

Die Herstellung eines Grippe-Impfstoffs ist ein kompliziertes Verfahren. Weltweit beobachten Virologen die Entwicklung der Viren, die sich ständig verändern. Sobald die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Empfehlung ausspricht, gegen welche vier Virenstämme der saisonale Impfstoff wirken sollte, legen die Produzenten los. Etwa ein halbes Jahr brauchen sie für das komplizierte Verfahren, für das so genannte Saatviren nötig sind, die zumeist mit Hilfe von Hühnereiern vermehrt werden. Kein Wunder, dass kurzfristige Nachbestellungen nicht möglich sind.

Der Mainbernheimer Hausarzt und Vorsitzende des Vereins Gesundheitsnetz Kitzinger Land e.V. hofft auf ein neues Verfahren – auf Basis von Zellkulturen.

Dann könnte die Produktion schneller und zielgerichteter vonstatten gehen. Weil weder Ärzte noch Apotheker in die Zukunft blicken können, greifen die meisten bei ihren Bestellungen so lange einfach auf die Zahlen des Vorjahres zurück. Schon aus Kostengründen.

Etwa einen Euro Gewinn macht eine Apotheke pro verkaufter Impfdose. „Das ist aber nur der Rohgewinn“, betont Unger.

„Ich bin nicht mehr bereit, ein großes Risiko einzugehen.“
Bernward Unger, Apotheker

Damit ist noch kein Personal bezahlt, kein Kühlschrank, keine Lagerung und Logistik, kein Bestellwesen – und Steuern will der Staat auch noch. Ein Rückgaberecht für die nicht gebrauchten Impfdosen gibt es nicht. Bleiben von 1000 bestellten Dosen 100 übrig, ist der Gewinn dahin. Bernward Unger ist das schon passiert. „Ich bin nicht mehr bereit, ein großes Risiko einzugehen“, sagt er und ärgert sich über die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass es keine Engpässe geben werde. Nachdem Politiker, Kassen- und Verbandsvertreter massiv für eine Grippe-Impfung in diesem Jahr geworben haben, sei der Mangel absehbar gewesen. „An und für sich war es ja richtig, die Werbetrommel zu rühren“, sagt Unger. „Aber dann müssten auch die nötigen Mengen zur Verfügung gestellt werden.“

Seine Anfragen bei Herstellern und Großhandel liefen in den letzten Tagen jedenfalls ins Leere. Derzeit gibt es nur noch ein paar Restmengen. Die Bundesreserven, die Jens Spahn im November auf den Markt bringen will, würden ebenfalls nicht reichen, prophezeit Dr. Michael Bedö und spricht von Halbwahrheiten der Politik. Was ihn zusätzlich ärgert: Die bisherige Impfstrategie in Deutschland hatte besondere Gruppen im Blick: chronisch Kranke, Schwangere, über 60-Jährige sowie gefährdete Berufsgruppen. Dabei sei klar, dass gerade Schulkinder als Überträger der Grippeviren gelten. In den USA werde längst eine entsprechende Impf-Empfehlung für Kinder ausgesprochen. In Deutschland nicht.

Krankenschwestern und Pfleger gelten als besonders gefährdete Berufsgruppe. In der Klinik Kitzinger Land wird eine Grippe-Impfung seit vielen Jahren angeboten. Acht Impftermine hat es in diesem Jahr gegeben. „Die Impfquote war deutlich höher als sonst“, berichtet Dr. Uwe Pfeiffle. Mehr Dosen als üblich habe die Klinik bestellt. Jetzt ist alles weg. Ob die Klinik noch einmal mit neuen Impfdosen versorgt wird, kann der stellvertretende Vorstand nicht sagen. „Wir haben auf jeden Fall nachbestellt.“

Während in Deutschland eine Diskussion über zu wenig Impfstoff entbrannt ist, blickt Dr. Bedö hoffnungsvoll nach Australien. Dort, auf der Südhalbkugel, ist das Frühjahr längst gekommen. „Und die Grippewelle ist bislang komplett ausgefallen.“ Die strikten Corona-Regeln – Abstand halten, Hygiene beachten, Maske tragen – haben „Down Under“ offensichtlich Wirkung gezeigt, zumindest was die Verbreitung der Grippe-Viren angeht.