Über mangelnde Arbeit kann sich Sabine Frank nicht beschweren. Vor sieben Jahren gründete sie zusammen mit etlichen Gemeinden den „Sternenpark Rhön“. Das Ziel: Die Lichtverschmutzung drastisch verringern und die Beleuchtung optimieren, um Tiere und Pflanzen und auch den Menschen vor zu viel Licht zu schützen. Das nahe Fulda wurde zur Projektstadt. Mittlerweile fragen Kommunen aus ganz Deutschland bei Frank nach.

„Das Thema ploppt überall auf.“ Auch in Kitzingen. Mitglieder des Bund Naturschutz in Kitzingen haben sich kürzlich via Zoom-Konferenz beraten lassen.

Lichtverschmutzung nimmt dramatisch zu

Außer an Fußgängerüberwegen gibt es in Deutschland derzeit keine allgemeinen Beleuchtungspflichten für die Kommunen. Über Bebauungspläne und Baugenehmigungen könnten Gemeinden also steuernd einwirken. Tun sie aber viel zu selten. Sabine Frank wünscht sich deshalb ein Gesetz, in dem klar geregelt ist, wie und wie lange die Straßenzüge in den Städten und Gemeinden beleuchtet sein müssen.

Ihre Kritik: Bislang verlassen sich die Gemeinden noch viel zu sehr auf die Empfehlungen von Ingenieurbüros und Planern. Und das führt kaum zu den ökologisch wünschenswerten Ergebnissen. Noch immer müsse man gegen große Windmühlen kämpfen, berichtet Christian Söder. Der Fledermaubeauftragte im Landkreis Kitzingen kämpft seit Jahren gegen die Lichtverschmutzung und für entsprechende Vorgaben in den Gemeinden. Seine Erfahrung: Viele Menschen sind an dem Thema interessiert. An der Umsetzung hapert es aber gewaltig.

„Man muss nur mit offenen Augen durch die Gemeinden fahren“, sagt er. Während die Kirchengemeinde in Kleinlangheim auf eine Beleuchtung ihrer Gebäude verzichtet und in Rödelsee ein vorbildliches Neubaugebiet mit gut abgeschirmten, warmweißen und bedarfsgerechten LED-Leuchten entstanden ist, brennen in den meisten anderen Gemeinden die Straßenlampen viel zu hell und viel zu lang. Im Kitzinger Gewerbegebiet Goldberg – und nicht nur da – gibt es Firmen, deren Beleuchtung nachts vom neun Kilometer entfernten Schwanberg gut zu sehen ist. „Das ist haarsträubend“, kommentiert Söder.

Problematik ist vielen noch nicht bewusst: "Manche Tiere flattern sich bis zur Erschöpfung in den Tod"

„Wenn wir unsere Arten wirklich schützen wollen, müssen wir die Nacht in unsere Überlegungen einbeziehen“, fordert Sabine Frank. Nicht nur für die nachtaktiven Insekten sei die helle Bestrahlung eine Gefahr.

„Manche flattern sich bis zur Erschöpfung in den Tod, andere werden orientierungslos“, erklärt sie. Auch Fledermäuse, Singvögel, Biber oder Feldhamster leiden, weil ihre natürlichen Lebensräume zerschnitten werden. Letztendlich sei die übertriebene Bestrahlung auch für uns Menschen nicht ohne. „Unser Hormonsystem reagiert vor allem auf den blauen Anteil am Licht“, erklärt Sabine Frank. „Das kann zu Schlafstörungen führen.“

Während Fulda und etliche Gemeinden in der Rhön ihre Beleuchtung umstellen und teils sogar darauf verzichten, ist diese Problematik im Landkreis Kitzingen noch nicht präsent. Im Herbst 2019 hat Christian Söder im Rahmen eines Fledermausprojektes ein Lichtgutachten für den Goldberg erstellen lassen. Ein einziger Gewerbetreibender hat daraufhin gehandelt, sein Beleuchtungskonzept angepasst. Die anderen? „Nach einigen Versuchen haben wir unsere Bemühungen eingestellt“, erinnert sich Söder und fordert übergeordnete Lösungen, beispielsweise im Rahmen eines Bebauungsplans. Man sei bei diesem Thema viel zu sehr auf den guten Willen der Bewohner und Planer angewiesen. „Dabei könnten die Kommunen das regeln, ähnlich wie bei den unsäglichen Schottergärten“, erklärt er und fordert entsprechende politische Lösungen.
 
Das Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz hat 2019 einen Leitfaden zur Eindämmung der Lichtverschmutzung mit Handlungsempfehlungen für die Kommunen herausgegeben. Der Sternenpark im Biosphärenreservat Rhön hat an dessen Erstellung mitgearbeitet. Empfohlen wird beispielsweise, das Licht nur dann einzusetzen, wenn es benötigt wird. „Das Problem ist nur, dass fast niemand diesen Leitfaden kennt“, bedauert Frank. Außer an Fußgängerüberwegen bestehe beispielsweise keine Pflicht für eine Beleuchtung in den Gemeinden. „Man darf abschalten“, betont sie.

Es sei nicht belegt, dass hell beleuchtete Orte sicherer sind

Und die Sicherheit? „Ein Totschlagargument“, meint Christian Söder. Alte Muster und Ängste würden damit bedient. Es lasse sich schlichtweg nicht belegen, dass es dort sicherer ist, wo die Straßen und Gassen die ganze Nacht hell beleuchtet sind. „Soziale Probleme lassen sich nicht mit Licht lösen.“ Zudem würden Frauen im Licht schneller als mögliche Opfer erkannt. Und jetzt? Wird die Lichtverschmutzung gestoppt?

Christian Söder ist ob der Erfahrungen der letzten Monate skeptisch. „Das Thema wird noch nicht ernst genug genommen“, bedauert er. Kaum jemand interessiere sich dafür, dass Lebensgrundlagen bedroht werden. Es fehle am Willen, die bestehenden Empfehlungen umzusetzen. Manfred Engelhardt will das Thema mit seinen Mitstreitern vom Bund Naturschutz im Auge behalten und Gemeinde- sowie Kreisräte bei neuen Bauprojekten auf die technischen Möglichkeiten hinweisen, die es gibt. Letztendlich hätten wir alle eine moralische Verpflichtung zum Umdenken und Handeln.

Folgen der Lichtverschmutzung für Menschen und Tiere verheerend

Satellitenbilder belegen eine jährliche Zunahme der globalen Helligkeit um 2 bis 3 Prozent, allein in Europa sind es 5 bis 6 Prozent. Vor allem die UV- und kurzwelligen Anteile im Lichtspektrum, also die kaltweißen bis blauen Farben, sind ungünstig – solche Lichtquellen haben den Effekt eines Staubsaugers. Das hat zur Folge, dass Insekten in ihrem angestammten Lebensraum und damit als Nahrung für andere nachtaktive Tiere wie Fledermäuse oder als Bestäuber für Pflanzen fehlen. Jeden Sommer sterben in Deutschland schätzungsweise 100 Milliarden Insekten an Straßenlampen an Erschöpfung oder durch Verbrennen.

Folgen für Menschen: Zu wenig natürliches Tageslicht und zu viel künstliches Licht mit kurzen Wellenlängen (kaltweißes Licht) in den Abendstunden können den Biorhythmus durcheinander bringen. Mögliche Folgen: Schlafstörungen und chronische Krankheiten wie Bluthochdruck oder Herz-Kreislauferkrankungen.

Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz stellt folgende fünf Grundsätze für künstliche Beleuchtung auf:

  1. Licht zweckgebunden einsetzen, also nur, wenn tatsächlich notwendig.
  2. Lichtintensität sinnvoll begrenzen.
  3. Licht nur auf die Nutzfläche lenken.
  4. Licht nicht dauerhaft einschalten, sondern nur, wenn es benötigt wird.
  5. Lichtfarbe mit geringstmöglichem Blauanteil verwenden.