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KITZINGEN

„Kinder sind auch systemrelevant“

Für die meisten Kinder bleiben Kitas und Schulen auch weiterhin geschlossen – Die Folgen sind bislang (noch) unsichtbar.
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Sehnsüchtige Blicke: An Fahrzeugen mangelt es in diesem Sandkasten nicht, dafür aber an Spielkameraden. Mit der sozialen Isolation haben gerade auch die jüngsten Landkreisbewohner zu kämpfen. Foto: Foto: Julia Volkamer
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Landkreis Kt Bis mindestens 10. Mai herrscht in den Betreuungseinrichtungen des Landkreises Betretungsverbot. Nur ein kleiner Teil darf und will das Angebot der Notgruppen annehmen. Für Eltern, die Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen müssen, bedeutet das weiterhin eine große Herausforderung. Und was bedeutet es für die Kinder? Wie sehr leiden sie unter der sozialen Isolation? Wer fehlt ihnen wohl am meisten: Oma und Opa, die Freunde, Lehrer und Erzieher? Und welche Spuren werden die „Corona-Ferien“ hinterlassen? Sonja Huber arbeitet als Sozialpädagogin im Kitzinger Familienstützpunkt des Landkreises, ist Mutter von drei Kindern im Krippen- und Vorschulalter – und sucht selbst nach Antworten.

Seit über sechs Wochen sind die Kinder nun schon in „Corona-Ferien“ – länger als die Sommerferien dauern. Wie haben sie diese Zeit erlebt?

Huber: Zu Beginn war es vielleicht ein Gefühl von Ferien, mancher hat es als geschenkte Zeit ohne Termindruck erlebt. Mit der Länge und den Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen wird es aber zunehmend schwieriger und anstrengender. Schließlich sind es ja keine Ferien!

Was genau wird anstrengender?

Huber: Am Anfang konnte man die mangelnde Zeit für die Arbeit noch mit Urlaubstagen überbrücken, und es war positiv, dass die Väter im HomeOffice näher dran waren am Familienalltag. Inzwischen macht die Unsicherheit darüber, wie lange es noch dauert, das Ganze aber immer schwieriger. Für Eltern und Kinder. Und der Begriff Ferien ist eher von Freiheit geprägt, was derzeit nur sehr bedingt zutrifft.

Können Kinder verstehen, warum das alles gerade passiert?

Huber: Es kommt darauf an, wie kindgerecht man die Situation erklären kann. Kinder verstehen schon sehr früh, dass Corona krank macht, dass wir deswegen aufeinander aufpassen müssen, das wir uns einschränken müssen, bis es eine Medizin dagegen gibt. Dabei darf man den Kindern aber auch keine Angst machen. Kinder müssen nicht unbedingt wissen, dass Menschen auch daran sterben. Wichtiger ist es, ihnen zu erklären, warum wir selbst so angespannt sind, wie wir damit umgehen. Kinder spüren diese Anspannung. Wie gut wir die Situation erklären können, hängt auch davon ab, wie krisenfest wir selbst sind.

Wie bleibt man denn möglichst krisenfest?

Huber: Mit ganz viel Selbstfürsorge. Jeder sollte sich fragen: Was brauche ich, damit es mir gut geht. Damit ich diesen Alltag meistern kann.

Schwierig ohne externe Betreuung. Zum Beispiel auch ohne Oma und Opa. Die sind für beide Seiten eigentlich unersetzlich...

Huber: Als Eltern kann man keinen Ersatz für Großeltern oder andere, vertraute Personen anbieten. Von dieser Illusion müssen wir uns befreien. Man kann die Kinder begleiten, ihre Sehnsucht verstehen, mit ihrer Trauer und Wut umgehen lernen. Eine so vertraute Person wie Oma oder Opa zu ersetzen ist aber nicht möglich.

Für Freunde gilt das Gleiche?

Huber: Die Freunde haben eine andere Funktion, sind aber genauso wenig ersetzbar, auch nicht durch Geschwister. Mit Gleichaltrigen üben Kinder Konflikte, es ist ein Lernfeld, wo sie auch mal ohne Erwachsene zusammen sind, sich ausprobieren können. Dass diese Kontakte im Moment wegfallen, ist allerhöchstens aushaltbar. Dann muss man schauen, was das Kind braucht und kann.

Zum Beispiel?

Huber: Kann es schon andere Kommunikationswege benutzen, etwa Skype? Oder vielleicht können sich die Kinder Bilder oder Briefe schicken, eine Schnitzeljagd gestalten, so dass sie zumindest das Gefühl haben, miteinander zu spielen. Aus pädagogischer Sicht ist es wichtig, dass die Kinder mal wieder echten Kontakt bekommen, sonst drohen Rückschritte in der Entwicklung. Eine Empfehlung aus pädagogischer Sicht reicht im Moment aber eben nicht aus. Wir haben es bei dieser Pandemie mit einem weitaus komplexeren Problem zu tun.

Dann sehen Sie eine Öffnung der Kontaktbeschränkungen und damit auch die bereits erfolgte Öffnung der Kitas eher kritisch?

Huber: Es ist immer ein Abwägen von Risiken. Aus pädagogischer Sicht spielen Kontakte, vor allem auch im Kindergarten, eine wichtige Rolle. Kinder treffen dort andere Kinder, werden bestmöglich dabei unterstützt, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Das sehe ich gerade an unserem Eltern-Kind-Treff, der zwei Mal die Woche online stattfindet. Ich war erst erstaunt, dass er so gut ankommt, aber eigentlich ist das nur logisch. Gerade auch die sehr kleinen Kinder, im Alter von null bis drei, brauchen diese Rituale, dass wir zusammen Lieder singen, dass sie andere Kinder sehen. Und ich habe das Gefühl, dass das auch den Müttern und Vätern weiterhilft.

Rituale und Struktur helfen auch in Krisenzeiten weiter?

Huber: Sie geben den Kindern und auch den Eltern Halt. Es tut gut zu wissen, dass man es schafft, zwei, drei Tagespunkte durchzuziehen. Zum Beispiel, sich nach dem Aufstehen erst einmal anzuziehen. Jede Familie muss herausfinden, was für sie wichtig ist. Das können die gemeinsamen Mahlzeiten sein, dass man zusammen rausgeht oder am Abend noch beieinandersitzt. Es muss für die ganze Familie passen. Denn wenn man einfach etwas vorgibt, erzeugt es nur noch mehr Stress und Druck.

Den haben Eltern, die im Home Office arbeiten, ohnehin schon. Kann diese Form mit kleinen Kindern überhaupt funktionieren?

Huber: Das ist der schwierigste Spagat. Dabei spielt die eigene Tagesform genauso eine Rolle wie die Tagesform der Kinder. Mehr denn je sind wir auf tolerante, familienfreundliche Arbeitgeber angewiesen. Oder auf das Wetter. Wir sind abhängig von den Schlafphasen der Kinder. Deswegen muss man sich klar machen, dass manche Dinge in dieser Situation nicht zu schaffen sind. Es kann nicht alles reibungslos funktionieren.

Weil Kinder auch nicht einfach funktionieren. Dann sind Hilfsmitteln wie der Fernseher doch erlaubt?

Huber: Man kann nicht jeden Tag pädagogisch wertvoll gestalten. Die Kinder werden uns auf eine unbefristete Zeit brauchen. Wenn wir da nicht auch mal fürsorglich mit uns selbst umgehen, wird es für alle immer schwieriger. Wir müssen nachsichtig sein und schauen, was gerade oberste Priorität hat – und die kann durchaus mehrmals am Tag wechseln.

So wie die Stimmungslage. Inzwischen empfinden die Kinder die freie Zeit als „Zwangsurlaub“, sie vermissen ihre Freunde, Langeweile kommt auf, es fließen Tränen – was nun?

Huber: In einer emotionalen Situation hilft eine emotionale Reaktion mehr als Ablenkung. Eltern müssen die Situation annehmen, die Emotionen ernst nehmen, sich ein paar Minuten länger Zeit nehmen, reden, trösten. Mit diesem Orkan an Emotionen müssen die Eltern auch erst einmal zurecht kommen. Kindern hilft es jedenfalls nicht weiter, wenn sie weinen und die Eltern sagen, dass alles doch gar nicht so schlimm ist. Denn es ist schlimm. Und wir dürfen ruhig auch sagen, dass wir es auch schlimm finden, dass wir angespannt sind deswegen.

Würde es da nicht helfen, mal einen Ortswechsel zu erfahren? Mal in den Tierpark oder auf den Spielplatz gehen zu können?

Huber: Ich persönlich würde mir das sehr wünschen, auch aus pädagogischer Sicht. Aber auch hier reicht diese eine Sichtweise nicht aus.

Ein Treffen mit den Nachbarskindern?

Huber: Für das Wohl der Kinder wäre die soziale Interaktion, das gemeinsame Lernen, das miteinander Tun extrem wichtig. Aber das alles setzt ein vertrauensvolles Miteinander voraus. Jeder muss sich mit aller Kraft mit den Einschränkungen auseinandersetzen und sie bestmöglich einhalten.

Wie sollte vor diesem Hintergrund die Öffnung der Kitas aussehen?

Huber: Auch hier sind pädagogische Gesichtspunkte nicht alleine entscheidend. Wir müssen uns auf die Experten verlassen, die diese Entscheidungen treffen, und hoffen, dass sie dabei auch den Rat von Pädagogen einholen und diesen berücksichtigen. Wichtig wäre auch, weiter zu erforschen, inwieweit Kinder gefährdet sind und inwieweit sie andere gefährden.

Wie groß ist denn aktuell die Gefahr, dass Kinder aus dieser bedrohlichen Situation psychische Folgeschäden erleiden?

Huber: Es gibt momentan keine Erkenntnisse darüber. Schon allein deswegen ist die Öffnung der Kitas wünschenswert. Einfach, um Kinder zu schützen, die schon so lange unbeobachtet sind, deren Eltern vielleicht selbst nicht belastbar oder durch die Situation überfordert sind. Deswegen braucht es schon sehr bald gut durchdachte Konzepte, wie eine Öffnung funktionieren kann. Es ist schwierig, die verschiedenen Aspekte abzuwägen. Aber Kinder sind schließlich auch systemrelevant.

Tipps für Familien

Die Mitarbeiterinnen der Familienstützpunkte des Landkreises erstellen aktuell Podcasts zu Familien- und Erziehungsthemen und bieten unter www.kitzingen.de auch Tipps und Hilfestellung sowie viele weiterführende Links für Familien speziell in der Corona-Zeit an.