Kitzingen
Ehrenamt

Keine Dusche wegen Corona: Zwei Studenten stellen nun "Notwohnern" ihr Bad zur Verfügung

Donnerstag ist im Notwohngebiet Duschtag. Dank zweier Studenten, die in die Egerländer Straße kommen. Dort haben nämlich knapp 80 Prozent der Wohnungen keine eigene Dusche.
 
Nach jedem Duschgast wird geputzt und desinfiziert. Dazu benutzt Philipp Glöggler (27) jeden Lappen nur einmal. Alle Putzutensilien werden nach dem Duschtag professionell gereinigt.Fotos: DIANA FUCHS Foto: Diana Fuchs
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Sie kommen zeitversetzt, etwa alle halbe Stunde einer. Es sind Frauen und Männer. Sie kommen mit Mund-Nasen-Schutz und Handtuch unterm Arm. Die einen huschen rasch hinein, wollen möglichst unsichtbar bleiben, die anderen halten schon vor der Tür der Begegnungsstätte „Wegweiser“ ein Pläuschchen mit den beiden Studenten, die den Donnerstag für sie zu einem Feiertag machen. Zum Duschtag.

123 Personen sind aktuell im Kitzinger Notwohngebiet gemeldet – 109 Erwachsene und 14 Kinder. Es gibt 80 Wohneinheiten, von denen 61 nicht über eine Dusche verfügen. Bis „vor Corona“ hatte der „Wegweiser“ zwei- bis dreimal pro Woche geöffnet. Ein kleines Team von acht Ehrenamtlichen machte das möglich. In der Begegnungsstätte gibt es eine Dusche. Dort konnten die Notwohner sich während der Öffnungszeiten des „Wegweisers“ reinigen.

Duschen unmöglich: Knapp 80 Prozent der Wohnungen haben keine Dusche

Mit Corona änderte sich die potenzielle Gefährdungssituation. „Alle von uns gehören entweder selbst einer Risikogruppe an oder haben jemand besonders Schutzbedürftigen in unmittelbarer Umgebung. Außerdem stammen wir alle aus verschiedenen Haushalten, was gemeinsame Dienste zusätzlich erschwert. Wir konnten den Wegweiser deshalb nicht mehr wie zuvor öffnen“, stellt Manuela Link voller Bedauern fest. Sie ist selbst seit Jahren als Ehrenamtliche aktiv, hat viele Bewohner ins Herz geschlossen.

Umso mehr freute sie sich, als ein Pärchen aus Würzburg sich anbot, den Duschdienst einmal pro Woche zu übernehmen. Philipp Glöggler (27) und seine Freundin Jessika Singh (25) hatten sich bei der Caritas in Würzburg gemeldet, weil sie sich gerne sozial engagieren wollten. Bernhard Christof, „Fachbereichsleiter Gefährdetenhilfe“ bei der Caritas, verwies sie auf das „Sorgenkind Kitzingen“. Also starteten Philipp und Jessika im Juni 2020 ihr ehrenamtliches Angebot, das „Donnertagsduschen“ im Notwohngebiet.

„Wir haben mittlerweile unsere Stammgäste. Pro Besucher rechnen wir eine halbe Stunde“, erklärt Philipp Glöggler, der in Würzburg Kulturpädagogik studiert und, während er seinen Master macht, im Kulturspeicher als Museumspädagoge arbeitet. „Nach jedem Duschgang lüften und desinfizieren wir das gesamte Bad. Das Desinfektionsmittel lassen wir dann zehn Minuten einwirken. Erst dann darf der Nächste rein.“ Damit er und seine Freundin geschützt sind – auch vor dem beißenden Desinfektionsmittel –, tragen sie zum Desinfizieren Ganzkörperanzüge und natürlich FFP2-Schutzmasken.

Hygiene gesichert wegen Corona: Jessika und Philipp putzen nach jedem Duschgang

Die beiden sehen ein bisschen aus wie Mondmänner, wenn sie sich mit Putzlappen und Sprühmittel ans Werk machen. „Die Lappen benutzen wir stets nur einmal“, sagt Kommunikationsdesign-Studentin Jessika. „Danach legen wir sie in einen Plastikbeutel. Dessen Inhalt bringen wir ins Kitzinger Seniorenhaus Mühlenpark, wo die Lappen professionell gewaschen und keimfrei gemacht werden.“

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Jessika hat den Duschdienst auch schon einmal allein verrichtet, als ihr Freund keine Zeit hatte. „Ich hatte auch alleine keine Angst“, betont die 25-Jährige. „Natürlich ist das hier ein Kosmos für sich, aber das ist ja klar.“ Generell seien die Notwohner freundlich und dankbar. „Oft komme ich mit ihnen sogar besser klar als mit vielen anderen Menschen“, stellt Jessika fest. „In der Egerländer geht es halt nicht darum, dass die teure Karre einen Kratzer hat, o-Gott-o-Gott, sondern darum, dass wieder mal kein Geld für Strom da ist und die Küche kalt bleibt. Hier lernt man, was wirklich grundsätzliche Probleme sind – und was dagegen ziemlich unwichtig ist.“ Armut zeichne die Leute ebenso wie der „Stempel Egerländer Straße“, der wie Pech an ihnen hafte. „Man sieht ihnen die Sorgen richtig an.“

Dass es jeder aus eigener Kraft aus dem „Sumpf“ schaffen könne, sei ein Märchen, ist Jessika sicher. „Die meisten Leute hier brauchen Hilfe: die Familien, die Süchtigen, die Vergessenen und vielleicht sogar die Straftäter.“

Sozialer Treffpunkt fehlt: Sozialpaten gesucht

Man müsse Respekt vor jedem Menschen haben, gerade wenn man selbst ein privilegiertes Leben führen dürfe, ergänzt Jessikas Freund Philipp. Er formuliert seine Motivation zu helfen so: „Ich schenke meine Zeit Leuten, die im Leben nicht so viel Glück hatten wie ich.“

Eins merke er bei seinen Besuchen in Kitzingen immer: „Seit der 'Wegweiser' nicht mehr wie sonst geöffnet hat, fehlt den Menschen ein sozialer Treffpunkt beziehungsweise die Möglichkeit, mal mit anderen Menschen zu sprechen, einen Kaffee zu trinken, Sorgen zu teilen.“

Wenn der Student einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der: „Dass unser Dienst in Kitzingen unnötig wird – weil endlich alle Bewohner eine menschenwürdige Unterkunft haben, in der Körperpflege möglich ist. Denn wie soll jemand einen Job kriegen, wenn er sich daheim nicht duschen kann?“

Essen und Kleidung sind gefragt – und Sozialpaten

Wegweiser: In der Begegnungsstätte „Wegweiser" in der Egerländer Straße konnten die Kitzinger „Notwohner" in der Siedlung Wäsche waschen, duschen, soziale Kontakte pflegen und in einem offenen Schrank stöbern, in dem Kleidung, Spielsachen, Handtücher und Bettwäsche zum Mitnehmen lagen – bis Corona kam. Wegen der Hygiene-Bedingungen können die acht Ehrenamtlichen um Andrea Schmidt und Manuela Link den Betrieb im „Wegweiser" nur teilweise aufrecht erhalten. Weiterhin aktiv ist die Gruppe, die zweimal pro Monat warmes Sonntagsessen für die Bewohner kocht.

Das nächste Essen „to go“ geben Gabi Tripp, Manuela Link, Nicole Girreser und Margit Dotterweich am 14. März aus. „Wir arbeiten gut mit den beiden Sozialpädagoginnen vor Ort, Melanie Kühn und Christina Flurschütz, zusammen und sind auch in der Coronazeit so gut es geht für die Bewohner da“, sagt Manuela Link. „Wir öffnen zum Beispiel den Kleiderschrank bei Bedarf immer wieder.“

Spenden: „Wir freuen uns über jede Unterstützung“, sagen Andrea Schmidt und Manuela Link. Dank Spenden kann ihr Team zum Beispiel mit einem kleinen Zuschuss helfen, wenn bedürftige Bewohner eine neue Brille oder einen neuen Ausweis brauchen. „Außerdem bekommt jeder, der es schafft, aus dem Notwohngebiet wieder auszuziehen, als Starthilfe etwa eine Waschmaschine, ein Bett oder einen Herd“, sagt Manuela Link. An Weihnachten ermöglichten Spender es, dass das Wegweiser-Team nicht nur die Kinder, sondern alle Bewohner beschenken konnte.

Hilfe: Wer sich als ehrenamtlicher Helfer engagieren möchte, ist herzlich willkommen. Infos unter 0176/65489089 (Manuela Link). Auch Sozialpaten sind sehr gesucht (drei davon gibt es aktuell für Notwohner): Solche Menschen nehmen einen Bewohner oder eine Familie besonders unter ihre Fittiche. Infos: Caritasverband für den Landkreis Kitzingen e.V., Schrannenstr. 10, Kitzingen, Tel. 09321/ 220310 (Katrin Anger).

 

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