Lebens- und liebenswert – das sollen unsere fränkischen Dörfer sein. Und zwar auf lange Sicht. Die „Dorferneuerung“ dient genau diesem Ziel. Wie schön, wenn es gleich doppelt erreicht wird.

In Castell hat man mit Hilfe der Dorferneuerung – einem Förderprogramm für den ländlichen Raum – vor über 15 Jahren Nägel mit Köpfen gemacht. Nach dem Johannesbrunnen war das Rathaus an der Reihe: Beide strahlten wenig später, geschmackvoll renoviert, in neuem Glanz. Unter- und Oberdorf-Straßen, die Museumsscheune, der Neubau des „Casteller Weingartens“ und viele weitere Projekte folgten. Erhard Renz war bei allen aktiv dabei – als Ortsbeauftragter der Dorferneuerung.

„Die Dorferneuerung hat uns gemeinsam vorangebracht. Ich bin wirklich stolz auf Castell!“
Erhard Renz, Ortsbeauftragter

Gleich zu Beginn, im Jahr 2005, hat Renz mit seinen damaligen fünf Vorstandskollegen einstimmig beschlossen, die staatlich festgesetzten Sitzungsgelder nicht privat zu „verjubeln“, sondern auf ein gemeinsames Konto einzuzahlen. „Wir wollten irgendwann einmal etwas Gutes für die Gemeinde davon finanzieren.“ Im Lauf der Jahre ist das Konto auf stolze 5.600 Euro angewachsen – alle neuen Vorstandsmitglieder trugen die Entscheidung ihrer Vorgänger, die Sitzungsgelder zu spenden, jeweils mit.

„Jetzt ist die Zeit gekommen, das Geld sinnvoll zu verwenden“, sagt Renz. Er freut sich sehr darüber, dass die angesparte Summe ausreicht, um gleich mehrere Projekte zu verwirklichen.

Eine erste Spende ist bereits getätigt: Der Casteller Posaunenchor hat für seine Nachwuchsarbeit 500 Euro erhalten. „Wir möchten uns ein Euphonium anschaffen, da kommt dieser Zuschuss wie gerufen“, sagt Chorleiter Johannes Langmann. Mit dem tiefen Blechblasinstrument, das aussieht wie eine Mischung aus Tenorhorn und Bariton, soll ein Jungbläser – Langmann bildet aktuell seinen 37. Schüler aus – neue Töne in den Chor bringen.

Weitere Spenden werden folgen. Renz kündigt zum Beispiel an, für den „Schutz“, das jüngste Projekt der Dorferneuerung, von der aus Castell stammenden Künstlerin Anja Schwarz eine Stein-Stele gestalten zu lassen. Die Stele soll – neben dem Wasserlauf, einer großen Holzschaukel und „geheimen“ Stollen – eine der Attraktionen auf dem neuen Dorfplatz hinter dem Fürstlichen Archiv werden.

Was mit dem restlichen Geld geschieht, werden die Vorstandsmitglieder der Dorferneuerung noch entscheiden. Sicher ist aber jetzt schon: „Wir werden Castell damit noch ein bisschen liebens- und lebenswerter machen.“ So wird das Ziel der Dorferneuerung in Castell quasi doppelt erreicht: durch all die Verschönerungsmaßnahmen und zugleich durch den uneigennützigen Einsatz des Vorstandes.

Erhard Renz hält bereits seit über 15 Jahren als Ortsbeauftragter die Stellung. Die Stunden, die er zugunsten der Gemeinde-Entwicklung unterwegs war, kann er nicht zählen. „Anfangs hätte ich nie gedacht, dass das Amt so in Arbeit ausartet“, stellt der 75-Jährige fest. Unzählige Kleinigkeiten seien zu besprechen und zu entscheiden gewesen, quasi wöchentlich habe er sich mit dem früheren Bürgermeister Jochen Kramer zu Abstimmungsgesprächen getroffen. Doch er bereut seinen Einsatz nicht: „Trotz allem würde ich es wieder machen“, sagt er, „weil ich sehe, wie positiv sich Castell entwickelt hat“.

Renz ist froh darüber, dass es nie ernsthafte Probleme mit Anliegern gegeben hat – auch dann nicht, als sie mit Beiträgen zur Kasse gebeten wurden. Alle hätten die Projekte als Ortsgemeinschaft mitgetragen. „Die Dorferneuerung hat uns gemeinsam vorangebracht“, ist Erhard Renz sicher. Zufrieden stellt er fest: „Ich bin wirklich stolz auf Castell!“

Welche Plätze er in seiner Heimatgemeinde am schönsten findet? „Ich finde den Rathausplatz sehr gelungen. Und auch die Bushaltestelle. Der 'Schutz' ist ja noch nicht fertig, aber ich bin sicher, dass das Areal ein wunderbarer Treffpunkt für Alt und Jung werden wird.“

Was bedeutet eigentlich Dorferneuerung?

Entwicklung: Seit 40 Jahren geht das staatliche Förderprogramm „Dorferneuerung“ auf die sich ändernden Anforderungen ländlicher Räume und insbesondere der Dörfer ein. Zu Beginn, in den 1980er Jahren, ging es vor allem um den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Im Laufe der Zeit kamen viele Inhalte dazu: die Dorfökologie, der demografische Wandel, die Energiewende, das Flächensparen, die Innenentwicklung, die Nahversorgung, der Klimawandel. Rund zwei Drittel aller bayerischen Gemeinden und Dörfer haben die Dorferneuerung inzwischen genutzt. Hilfe: Das Amt für Ländliche Entwicklung Unterfranken ist für die Durchführung der Dorferneuerungen und Gemeindeentwicklungen zuständig. Es leistet planerische, finanzielle und organisatorische Hilfe. Bei ihm sind auch entsprechende Anträge der Gemeinden für eine Dorferneuerung zu stellen. Mitarbeiter des Amtes betreuen die Projekte. Castell: Die Dorferneuerung Castell hat viel bewirkt. Das waren die wichtigsten Projekte: Johannesbrunnen (2005), Rathaussanierung (2006/07), Unterdorf (2008/09), Museumsscheune (2009-11), Schützenhaus-/Bergstraße (2013), Oberdorf (2014), Weingarten (2014/15), Bushaltestelle (2018), Rathausplatz (2020) und aktuell der „Schutz“ (Dorf-Treffpunkt hinter dem Archiv).