80 Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut die Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Landkreis Kitzingen. Gestern fanden sich alle Einrichtungsleiter zu einer lange geplanten Fortbildungsveranstaltung in Oberschwarzach ein. Beherrschendes Thema abseits der Tagesordnung: Die Vorfälle von Würzburg und die Frage, wie man darauf reagieren soll.

„Die Verunsicherung ist größer geworden“
Alexander Lunau Wohngruppenleiter

„Natürlich ist es das Hauptthema in unseren Wohngruppen“, sagt Alexander Lunau. Im ehemaligen Frida-von-Soden-Heim in Kitzingen sind derzeit 22 junge Flüchtlinge untergebracht. Alle hätten von einem unglaublichen Vorfall gesprochen, viele von ihrer eigenen Angst. „Der IS lauert bei manchen unserer Jugendlichen wie ein Gespenst im Hintergrund“, sagt Lunau. Was dagegen helfe? Miteinander reden, genau hinschauen. „Ich glaube, meine Jugendlichen zu kennen“, sagt Lunau.

Viele Gespräche werden geführt, Begegnungsmöglichkeiten geschaffen. Eine hundertprozentige Sicherheit könne es aber nicht geben. Vor allem nicht bei akuten Notsituationen und Kurzschlusshandlungen. So schätzt Referentin Eva-Maria Hoffart den Fall des Amokläufers ein. Eine Radikalisierung durch den IS schließt sie aus. „Innerhalb von zwei, drei Tagen können nicht die Werte und Normen einer Bewegung so radikal übernommen werden.“

Wie auch immer: Der Amoklauf ist Realität, die Angst der deutschen Bevölkerung nachvollziehbar, wie Gerald Möhrlein, Kreisvorsitzender der AWO sagt. Nur: Die Angst dürfe kein Nährboden für ausländerfeindliche Verallgemeinerungen sein.

Angst verspürt nicht nur die deutsche Bevölkerung. Angst war der Auslöser für die Flucht der Jugendlichen, Angst hat sie während der Flucht begleitet, jetzt ist die Angst ihnen quasi nachgereist. Einige wollten gestern nicht in die Schule gehen – aus Angst vor Anfeindungen, vor dem Gefühl, dass sie jetzt erst recht argwöhnisch in Bussen oder auf der Straße betrachtet werden.

„Die Verunsicherung ist noch einmal größer geworden“, bedauert Lunau und warnt vor einer Spirale der Entfremdung. „Jedes abwertende Wort oder jede abwertende Geste macht es für die Jugendlichen noch schwerer, auf Menschen zuzugehen.“

Eine Stigmatisierung habe es schon vor dem Amoklauf gegeben, sagt Anna Rüthlein, Referentin für Jugendhilfe in der AWO. „Die hat sich jetzt noch einmal verstärkt.“ Die Folge: Die Unsicherheit bei den jungen Flüchtlingen sei noch einmal gewachsen – und mit ihnen die Ängste. Die Integration wird dadurch nicht gerade erleichtert.

Auch Erwachsene sind gegen diese Gefühle nicht gefeit. Jonathan Pabst, Asylsozialberater bei der Caritas, hatte am Tag nach dem Attentat Kontakt mit einer afghanischen Familie, die im Corlette-Circle mit ihren zwei jugendlichen Kindern lebt. „Sie sind total bestürzt und sorgen sich, dass jetzt alle Flüchtlinge über einen Kamm geschert werden“, berichtet er. Eine berechtigte Sorge?

„Es ist nicht auszuschließen, dass die Stimmung im Land kippt“, sagt Paul Greubel, Geschäftsführer der Caritas im Kreis Kitzingen. Deshalb sei es gerade jetzt extrem wichtig, nicht zu verallgemeinern und weiter aufeinander zu zu gehen. „Wir müssen verstärkt Begegnungsmöglichkeiten schaffen“, fordert er. „Ein Rückzug ist nicht hilfreich“, bestätigt Pabst. Weder auf Seiten der einheimischen Bevölkerung, noch bei den Flüchtlingen.

„Wir werden unsere Öffentlichkeitsarbeit noch offensiver angehen“, kündigt Alexander Lunau an. Das Ziel laute, die jugendlichen Flüchtlinge noch häufiger und besser in Kontakt mit der deutschen Bevölkerung zu bringen. Neben der Zusammenarbeit mit Vereinen und Kirchen kann er sich Nachbarschaftsfeste oder eine Intensivierung der Patenschaftsprojekte vorstellen. Jonathan Pabst hat seinen ganz eigenen Schluss aus dem Attentat von Würzburg gezogen: „Wir müssen jetzt noch besser bei der Integration werden.“