Kitzingen/Würzburg/USA Am Mittwoch wird der 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Die Begleitumstände könnten nicht spannender und herausfordernder sein. Prof. Catrin Gersdorf, Inhaberin des Lehrstuhls für Amerikanistik an der Uni Würzburg, analysiert für uns die Vorkommnisse der letzten Tage und Wochen – und benennt einen überraschenden Hoffnungsfaktor.

Wie haben Sie den „Sturm aufs Kapitol“ erlebt?

Gersdorf: Über Live-Stream von CNN und anderen Presseorganen. Ich war entsetzt, aber nicht vollkommen überrascht.

Warum nicht?

Gersdorf: Wenn man bedenkt, wie Trump das aggressive Potenzial seiner Anhänger immer weiter angeheizt hat, war ein solcher Gewaltausbruch vorherzusehen.

Ist der Präsident allein verantwortlich für diesen Gewaltexzess?

Gersdorf: Er ist der entscheidende Faktor, aber nicht der einzige. Trumps exzessiver Gebrauch der Lüge als politisches Instrument, seine rassistische, frauen- und fremdenfeindliche Rhetorik, seine Neigung zu Verschwörungstheorien – all dies ist bei nicht wenigen, vor allem weißen Amerikanern auf fruchtbaren Boden gefallen. Sie sehen in Trump nicht den Egomanen mit diktatorischen Tendenzen, sondern einen Heilsbringer, der sie vor der feindlichen Übernahme ihres Landes bewahrt und dem sie notfalls auch mit Waffengewalt beistehen müssen. Leider haben große Teile der Republikaner im Kongress aus machtpolitischen Gründen das so entstandene explosive Gemisch in Kauf genommen.

Wo genau brechen die Konflikte auf?

Gersdorf: Im Wesentlichen lassen sich zwei innenpolitische Konfliktfelder identifizieren: das Erbe der Sklaverei – und in der Folge die Rassendiskriminierung – sowie die Migrationspolitik. Beide Themen haben seit der Gründung der amerikanischen Republik immer wieder zu heftigen Kontroversen, mitunter auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen geführt.

Eine Lösung hat es in all den Jahren nie gegeben?

Gersdorf: Nicht wirklich, obwohl es immer wieder einschneidende politische Maßnahmen gab, wie beispielsweise die gesetzliche Verankerung von Bürgerrechten im Civil Rights Act von 1964, mit dem unter anderem die Rassensegregation abgeschafft wurde. Leider verändern Gesetze nicht zwangsläufig das Denken der Menschen, vor allem wenn es über Jahrhunderte verfestigt ist.

Das macht Trumps Verhalten aber nicht besser?

Gersdorf: Nein, überhaupt nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch. Donald Trump ist eindeutig für den Sturm aufs Kapitol verantwortlich. Er hat die Menschen dazu angestachelt.

Wird Joe Biden das Land einen können?

Gersdorf: Es wird nicht einfach. Das erste Jahr seiner Amtszeit wird nicht nur realpolitisch, sondern auch symbolpolitisch wichtig sein. Die Demokraten haben in beiden Häusern des Kongresses eine knappe Mehrheit. Das macht es leichter, Gesetzesvorhaben durchzubringen. Aber werden Republikaner und Demokraten bereit sein, die gesellschaftliche Spaltung durch gemeinsame Initiativen zu überwinden?

Was macht Ihnen noch Hoffnung?

Gersdorf: Das politische Engagement und das zivilgesellschaftliche Verantwortungsgefühl der Afro-Amerikaner. Trotz all der Unbill, all der Gewalt, die sie in der Geschichte der USA erfahren mussten, vertrauen sie auf die Macht der Demokratie und gehen wählen.

Lassen sich die ehemals sehr guten deutsch-amerikanischen Beziehungen wieder kitten?

Gersdorf: Das bleibt abzuwarten. Den politischen Willen scheint es auf beiden Seiten des Atlantiks zu geben. Aber die letzten vier Jahre werden nicht spurlos an uns vorübergehen.

Viele gesellschaftliche Entwicklungen haben ihren Ursprung in den USA und gelangen dann nach Europa. Könnte es auch bald einen deutschen Donald Trump geben?

Gersdorf: Manches, was wir in den letzten vier Jahren in den USA erlebt haben, hat sich auch hier schon in die gleiche Richtung entwickelt. Denken Sie an die Querdenker auf den Stufen des Reichstagsgebäudes. Die rechten Politiker in Europa fühlen sich vom Trumpismus angezogen. Da müssen wir nur nach Polen, Ungarn, Frankreich oder in die Türkei schauen. Auch die AfD bedient sich dieser Rhetorik. Ich finde das besorgniserregend.

Geht die Zeit der Demokratie langsam zu Ende?

Gersdorf: Ich hoffe nicht und ich glaube es auch nicht. Aber die letzten vier Jahre haben uns gezeigt, wie gefährdet eine Demokratie sein kann. Die heutige Situation in den USA weist durchaus Parallelen zur Weimarer Republik auf. Und wir wissen, wie das damals ausgegangen ist.

Was tun?

Gersdorf: Ich denke, jeder und jede Einzelne ist gefordert, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren, an welchem Platz auch immer. Foto: Daniel Peter

Zur Person

Catrin Gersdorf hat von 1980 bis 1984 an der Karl-Marx-Universität Leipzig Amerikanistik, Anglistik, Germanistik und Pädagogik studiert. Seit 2012 hat sie den Lehrstuhl für Amerikanistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg inne. Sie ist Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA).