Mit 75 Jahren ist man erfahren, hat einiges erlebt. Für die meisten Menschen steht jetzt der letzte Abschnitt auf der Reise durchs Leben an. Der Bayerische Bauernverband feiert heuer diesen besonderen Geburtstag. An ein mögliches Ableben verschwenden die Entscheidungsträger keinen Gedanken.

Am 7. September 1945 ist der Verband in München gegründet worden, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Angesichts des Trümmerfeldes sollte die Ernährung der Bevölkerung sichergestellt werden. So steht es in der Präambel. 22 Landwirte aus ganz Bayern haben den Verband gegründet, sie wollten künftig mit einer Stimme sprechen – freiwillig und unabhängig. Über den Rundfunk und Aushänge in den Dörfern wurden die Grundsätze verbreitet – und fanden Anklang. Innerhalb eines halben Jahres waren 100.000 Mitglieder eingeschrieben, im Laufe des folgenden Jahres verdoppelte sich die Zahl. „Den Gründungsvätern ist ein Kunststück gelungen“, sagt Kreisobmann Alois Kraus 75 Jahre später voller Bewunderung.

„Den Gründungsvätern ist ein Kunststück gelungen.“
Alois Kraus, Kreisobmann

Anfang 1946 begann der Aufbau der Orts-, Kreis- und Bezirksverbände, 1948 wurden die Landfrauen gegründet. Die Strukturen sind auch heute noch existent. „In meinen Augen gibt es nichts, was mit diesem System gleichzusetzen wäre“, sagt Kreisbäuerin Annette vom Berg-Erbar. Als Einzelner werde man nicht wahrgenommen, in der Gruppe falle vieles leichter. Auch der persönliche Austausch helfe, wenn es mal zu Problemen komme. Alois Kraus spricht denn auch von einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl. „Der Bauernverband ist wie eine große Familie.“ In der ergänzen sich haupt- und ehrenamtliche Mitglieder vorbildlich. Vier hauptamtliche Mitarbeiter sind in der Geschäftsstelle in Kitzingen aktiv. Sie beraten die Mitglieder in rechtlichen- oder Steuerfragen, geben Tipps, wie die Hofübergabe möglichst reibungslos über die Bühne gehen kann oder wie die neue Düngeverordnung umgesetzt werden kann.

145.000 Mitglieder hat der Verband in Bayern, im Landkreis Kitzingen sind es 2200. „Der Deckungsgrad ist relativ hoch“, sagt Geschäftsführer Winfried Distler. Nicht nur Landwirte, auch Gemüsebauern und Winzer sind dabei. Dennoch: Der Strukturwandel in der Landwirtschaft macht auch vor dem Verband nicht Halt. Weniger Landwirte heißt automatisch auch weniger Mitglieder. Geschäftsstellen werden in ganz Bayern zusammengelegt. Seit diesem Sommer ist Distler nicht nur für den Landkreis Kitzingen, sondern auch für Würzburg zuständig. Die Frage nach der Zukunft bezeichnet Alois Kraus denn auch als schwierig. Politisch erfolgreich müsse der Verband handeln, die Rahmenbedingungen für seine Mitglieder so gut wie möglich gestalten. Leichter sei das nicht geworden, weil der Bauernverband längst nicht mehr der alleinige Berater der Politik im Bereich Landwirtschaft ist. Ein Stück weit sei der Einfluss in den letzten Jahrzehnten deshalb auch zurückgegangen, gibt Kraus zu. „Ohne Erfolge wird es sicher schwer für uns“, sagt er. Ein zuverlässiger Partner wolle der Verband für die Politik sein, sachorientiert und fundiert beraten – im Gegensatz zu manchen Nicht-Regierungs-Organisationen, bei „denen beispielsweise die Tiere vermenschlicht werden“.

Die Herausforderungen werden nicht weniger, weiß auch Annette vom Berg-Erbar. Nachhaltiges wirtschaften sei angesichts des Klimawandels oberstes Gebot. Landwirte müssten bei aller Rücksicht auf die natürlichen Ressourcen aber auch weiterhin genug Geld zum Leben verdienen können. Gleichzeitig brauche es genug Raum für Forschung. Neue Sorten, neue Bewässerungstechniken müssen untersucht werden. Der Strukturwandel bedinge, dass die Betriebe tendenziell größer werden. „Aber Größe ist nicht automatisch etwas Schlechtes“, betont sie.

Die Öffentlichkeit müsse auf diesem Weg mitgenommen werden. „Das haben wir in der Vergangenheit zum Teil versäumt“, bekennt Kraus. Das romantische Bild von einer landwirtschaftlichen Idylle präge immer noch weite Teile der Gesellschaft. „Aber diese Zeiten sind längst vorbei.“ Acht Sonntage hatte der Verband in diesem Sommer für die Öffentlichkeitsarbeit vorgesehen. An Infoständen wollten die ehrenamtlichen Mitglieder Rede und Antwort stehen. Wegen Corona mussten alle Termine abgesagt werden – auch die große Feier zum 75-jährigen, die in Sommerach vorgesehen war.

Ganz ohne Feierlichkeit soll das Jubiläumsjahr aber nicht über die Bühne gehen. An diesem Sonntag, 4. Oktober, sind die Mitglieder zu einem Erntedankfest am Bleichwasen in Kitzingen eingeladen. Bei einem Schleppergottesdienst soll am Nachmittag dem besonderen Geburtstag gedacht werden. Der Festgottesdienst wird über die Schlepperradios und Mobiltelefone mit einer gesonderten Rundfunkfrequenz zu empfangen sein. Maximal 60 Schlepper dürfen teilnehmen, eine Bewirtung wird es nicht geben.

Im nächsten Jahr hoffen die Drei wieder auf viele öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen, aber auch auf interne Treffen und Reisen, die vom Bildungswerk des Bauernverbandes angeboten werden. „Das Gesellige gehört dazu“, sagt Alois Kraus. Auch – und gerade – im stolzen Alter von 75 Jahren.