„Rückblickend dachte ich, schlimmer könnte es wohl nicht mehr werden. Unsere Mutter kümmerte sich kaum um uns. Die Wohnung vergammelte und es gab nichts zu essen. Brigitte war zu dieser Zeit eineinhalb und Vroni fünfeinhalb Jahre alt.“ Walter Fichts Erinnerungen beginnen 1955, noch vor dem Abtransport ins Kinderheim, dem eigentlichen Trauma der Geschwister.

Es sind Szenen einer Nachkriegskindheit im fränkischen Diespeck, geprägt von teils suizidalen, teils abwesenden Eltern, Raureif im Schlafzimmer und einer Dorfatmosphäre ständiger Leiderfahrungen. Den Vater entdeckt der kleine Walter eines Tages neben einem Strick, kurz vor dem Versuch, sich das Leben zu nehmen.

Morbide Umgebung in fränkischem Dorf

Der kleine Bruder eines Schulkameraden wird von einem LKW überfahren. Eine Mutter geht mit dem Beil auf ihr Mädchen los und verletzt es tödlich. Eine Nachbarin bekommt auf der Straße Peitschenhiebe auf ihren nackten Hintern und in einem Haus picken die Hühner ungestört auf dem Küchentisch herum. „Auch sonst war schon viel im Ort passiert“, kommentiert der Erzähler die morbide Umgebung in seinem fränkischen Heimatdorf.

Walter Ficht: Auf der Schattenseite des Lebens - bei Amazon ansehen

Walter Ficht lässt auch Intimes innerhalb der Familie nicht aus, erzählt von seiner Mutter, die spät nachts nach Alkohol und Rauch riechend ins Bett des Sohnes stieg – „Ich brauche das Bett für mich, ich habe noch einen Onkel dabei“ – und dann meist bis mittags schlief. Entsprechend muss das Schulkind Walter seine kleinen Geschwister versorgen, kocht für sie, während die Mutter trinken geht. Von den Mahlzeiten, die nie für alle reichen, nimmt er sich erst, wenn die Kleinen etwas übriglassen: „Noch im Bett kaute ich oft auf einer Brotrinde.“

Die Versuchung, diese anekdotenreiche Kindheitserinnerung ausführlich nachzuerzählen, ist groß: Wie eine Mischung aus Michel aus Lönneberga und Huckleberry Finn ist Fichts Buch angefüllt mit unglaublichen Begebenheiten und aberwitzigen Details. Es sind Kinder, die trotz der alltäglichen Entbehrungen und Verletzungen findig bleiben, die ihr Kindsein noch in den riskantesten Schlupflöchern der strengen Heimgesetze aufflammen lassen müssen, bevor sie unter den darauffolgenden Züchtigungen erneut Narben davontragen.

Mischung aus Intimität, Regionalität und Welthaltigkeit

Nicht eher als nach 153 Seiten Leserausch erlaubt Walter Fichts Buch einem, erstmals wieder durchzuatmen. Allmählich beginnt man zu begreifen, dass dies einer jener Texte ist, die lange nachwirken, die den Blick auf gewisse Dinge nachhaltig verändern können. Was ist so einzigartig an diesem Fundstück?

Zwischen all den Autobiographien, die jährlich den Buchmarkt überfluten, finden sich in den Verkaufsregalen vor allem folgende zwei Sorten: Ghostwriter-Erinnerungen von Prominenten, die man kennt, und Ghostwriter-Erinnerungen von Prominenten, die man nicht unbedingt kennen muss. Daneben erfreut sich ein literarischer Zeitvertreib wild wuchernder Beliebtheit: Die eigene Geschichte für Freunde und Bekannte zwischen zwei Buchdeckel zu drucken. Die Angebote im Netz sind zahllos, wenige Mausklicks trennen heute vom eigenen Buch mit ISBN-Nummer, ganz ohne frustrierende Verlagssuche. Das eigene Leben umrahmt von Cover und Klappentext.

Rein technisch ist Walter Fichts Buch ein solches Privatprojekt. Entsprechend hätte es gar nicht so ohne Weiteres auf dem Schreibtisch eines mit dem Autor persönlich nicht bekannten Journalisten landen dürfen. Im Selbstverlag erschienen, ist es auf dem Buchmarkt in etwa so unsichtbar wie ein Film, der weder bei Streaming-Diensten verfügbar ist noch im Kino oder Fernsehen läuft, sondern ausschließlich als DVD bestellt werden kann. Hier hat eine Privatperson, die weder berühmt ist noch in irgendeiner öffentlichen Funktion auftritt, Erinnerungen aus ihrer Kindheit niedergeschrieben. Und doch zeichnet sich diese Autobiographie durch eine seltene Mischung aus Intimität, Regionalität und Welthaltigkeit aus: Walter Ficht zeigt den Leserinnen und Lesern das Fremde, das hier vor Ort passiert ist. Eine verlorene Kindheit, die so kein Einzelfall war im Nachkriegsdeutschland, aber öffentlich kaum zu Gehör kam.

Das ist es auch, was seine Erinnerungen trotz der zeitlichen Distanz so ungewöhnlich aktuell macht: Wieder leben wir in Zeiten, in denen Eltern und Kinder millionenfach auseinandergerissen, Familien heimatlos werden, in engen Massenunterbringungen leben müssen. Erst seit etwas über 30 Jahren gilt die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland. Die Bestrebungen, Kinderrechte ausdrücklich im Grundgesetz zu verankern, sind aktueller denn je. Walter Ficht schreibt ein Buch über das Kindsein unter widrigen Umständen. Gerade darum muss über diese überaus unwahrscheinliche Buchentdeckung geschrieben und am besten noch viel gesprochen werden.

Ein bisschen lesen sich diese Erinnerungen letztlich auch wie eine entschiedene Entgegnung auf einen Satz, den die Kinder im Heim von der brutalen Heimschwester Leni so oft hören mussten: „Ihr seid alle Verbrecher, ihr landet eh alle im Knast!“ Nein, dort ist Walter Ficht nicht gelandet. Und doch erinnert er sich heute: „Es waren Schläge ins Gesicht und auf den Kopf, die oft tagelang zu spüren waren. Das stundenlange Knien in der Ecke und die dadurch angeschwollenen Gelenke. Man hat versucht, den Willen der Kinder zu brechen. Sie haben es bei fast allen auch geschafft.“

 

Zum Kinderheim:

15 Kilometer östlich von Bad Windsheim steht das Schloss Trautskirchen. Im Laufe seiner 300-jährigen Geschichte ging das Schloss im 18. Jahrhundert zunächst an verschiedene Adelsfamilien, bevor es von der Familie Seckendorff-Aberdar 1820 wieder zurückgekauft wurde. 1945 haben es die Amerikaner beschlagnahmt und dort Flüchtlinge und Waisenkinder untergebracht.