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Kitzingen

"Freude in ihr Leben bringen": So sollen die Kinder aus dem Kitzinger "Ghetto" ein schönes Weihnachten haben

Emre Pirbudak weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, zu den „Notwohnern“ zu zählen. Jetzt denken er und die Warschecha-Brüder an die Kinder in der Egerländer Straße.
 
Warschecha aktion notwohngebiet
Die Brüder Sebastian und Florian Warschecha (hinten) sowie Friseurmeister Emre Pirbudak und sein Mitarbeiter Richie Maaß (vorne) haben unter anderem einen „Wunschbaum“ für die Kinder kreiert, die im Kitzinger Notwohngebiet leben. Fotos: Diana Fuchs
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Fast seine ganze Kindheit hat Emre Pirbudak im Notwohngebiet gelebt. „Es war keine schlechte Zeit“, sagt der 26-jährige Friseurmeister. „Aber seitdem hat sich dort einiges verändert.“ Die 15 Kinder, die aktuell im Kitzinger „Ghetto“ wohnen, sehen fast täglich Dinge, die nicht für Kinderaugen bestimmt sind. „Wir möchten diesen Kindern ein Stück Normalität geben und Freude in ihr Leben bringen“, sagt Emre.

Mit „wir“ meint er die Brüder Florian und Sebastian Warschecha und sich selbst. Das Freude-Trio aus Kitzingen hat sich eine besondere Weihnachtsaktion fürs Notwohngebiet ausgedacht.

Wunsch-Baum soll Kindern Freude schenken

Florian und Sebastian, 31 und 29 Jahre alt, sind die Söhne von Marion Warschecha, die stets an Weihnachten die Bewohner des Kitzinger Notwohngebietes zu einem feierlichen Essen in ihr Restaurant „Mainlust/ Hafen 7“ einlädt und kleine Weihnachtsgeschenke für sie besorgt.

Heuer ist das aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich. „Wir haben uns schon im Sommer überlegt, was wir machen könnten, wenn das Essen nicht wie gewohnt stattfinden kann“, sagt Florian Warschecha. „Emre und ich hatten die Idee mit dem Wunsch-Baum.“

Die Freunde hörten sich im Notwohngebiet um und fanden heraus, was sich die drei- bis zwölfjährigen Buben und Mädchen zu Weihnachten wünschen, aber von ihren Eltern wohl nicht bekommen können. „Das waren Dinge wie ein Polizeiauto, ein Schminkkopf für eine Puppe, ein Bauernhof oder ein Puppenhaus – eigentlich Kleinigkeiten im Vergleich zu anderen Kindern. Aber Kleinigkeiten, die sich die Kids sehnlich wünschen“", berichtet Florian Warschecha.

Ein Stern - ein Wunsch

Jeder Wunsch wurde auf einen Stern aus Papier geschrieben und den wiederum hängten Flo, Sebastian, Emre oder Emres Mitarbeiter Richard („Richie“) Maaß an einen Christbaum, den sie in Emres kürzlich eröffnetem Barber-Shop „Old Barbers“ in der Herrnstraße 3 aufgestellt hatten. Wer wollte, konnte nun einen der 15 Sterne vom Baum nehmen – und „Christkind“ spielen. Man musste dafür einfach nur das, was auf dem Stern stand, besorgen, schön verpacken und bei einem der Initiatoren abgeben.

„Die meisten der 15 Wünsche sind schon beim Christkind angekommen“, sagt Florian Warschecha augenzwinkernd, „das freut uns riesig“. Das Trio wird alle Geschenke am 23. Dezember im Notwohngebiet verteilen. Sebastian Warschecha weiß, dass die schön verpackten Präsente den Kindern viel bedeuten.Und nicht nur das: „Es wird auch wieder ein Weihnachtsessen für alle Bewohner geben – allerdings halt 'to go‘, also zum Mitnehmen.“ Florian Warschecha fügt hinzu: „Wir bringen die Speisen in großen Warmhalteboxen des BRK in die Egerländer Straße und verteilen sie dort.“

Auch dabei wollen es die drei Männer aber nicht belassen. „Wir möchten gern noch etwas weiter gehen und nachhaltig helfen. Am liebsten ganzjährig“, sagt Emre Pirbudak. Er hat den Kontakt ins Notwohngebiet nie ganz verloren. „Meine Eltern sind mit meiner Schwester und mir zwar aus dem 'Ghetto' weggezogen, als ich zehn Jahre alt war. Aber die neue Wohnung war – und ist – nicht weit von den Notwohnblocks entfernt. Ich weiß, das klingt komisch, aber ich hatte dort die schönste Kindheit, die man sich vorstellen kann.“

Manche Nachbarn haben nicht einmal warmes Wasser

Wie er das meint? Emre muss nicht lange nachdenken: „Mein Vater war mit 23 nach Deutschland emigriert. Als er nach Kitzingen kam und einen Job bei Fehrer fand, zogen meine Eltern in die Egerländer Straße, weil die Wohnung dort günstig war. Wir hatten als Einzige ein Auto – mein Vater hat immer alle kranken Nachbarn zum Arzt gefahren. Eine Dusche hatten wir auch.

Erst viel später – durch die Presseberichte über das Notwohngebiet vor ein paar Jahren – habe ich erfahren, dass wir quasi in einer privilegierten Situation waren und dass es Nachbarn gegeben hat, die nicht mal warmes Wasser hatten.“

Friseurmeister Emre erinnert sich an einen „guten Zusammenhalt“ der Menschen im „Ghetto“. „Damals gab es natürlich auch schon Alkis. Aber die waren lieb. Nach der Schule haben sie mir das Fußballspielen beigebracht. Und am Nikolaustag, das weiß ich noch ganz genau, haben sich zwei verkleidet und sind als Nikolaus und Ruprecht mit kleinen Geschenken zu uns gekommen. Das war echt super.“

Dinge, die Kinder nicht sehen sollten

Mittlerweile gebe es im Notwohngebiet ein Drogenproblem. „Die Kinder dort werden mit Dingen konfrontiert, die man eigentlich von Kindern fernhalten sollte“, sagt Emre. „Florian und mir wird das jetzt so richtig bewusst, seit wir selbst Väter geworden sind.“ Emre ist Papa der kleinen Masal, Florian freut sich über Töchterchen Lina. „Wenn wir unsere Kinder anschauen und sehen, wie unbeschwert sie aufwachsen dürfen, wissen wir, dass wir den Kindern im Notwohngebiet helfen müssen“, sagt Florian.

Richie nickt. Der 32-Jährige freut sich schon sehr auf den 23. Dezember, wenn er beim Verteilen von Essen und Geschenken helfen darf. „Wenn man selbst Kinder hat, ist man glücklich, wenn man so etwas machen kann.“

Spenden, die die Männer von Freunden, Bekannten und Kunden erhalten, werden sie aktuell in Kleidungsgutscheine investieren und diese den Bedürftigen beim Weihnachtsessen schenken.

Fürs kommende Jahr haben Florian und Sebastian Warschecha, Emre Pirbudak und Richie Maaß schon Ideen, wie sie vor allem den Kindern im Notwohngebiet ein bisschen „Normalität und Glück“ geben können. Sie hoffen, dass Corona zum Beispiel Ausflüge und gemeinsame Unternehmungen zulassen wird.

Weitere Infos gibt es hier:

  • Im „Old Barbers“ in der Herrnstraße 3, Tel. 09321/ 9088363,
  • Oder per Mail bei den Warschechas: smarcks2007@web.de; basi_warschecha@yahoo.de