Kitzingen Die Mutter hat einem beigebracht, wie man sich die Schuhe bindet. Jetzt weiß sie plötzlich nicht mehr, was sie mit den Schnüren am Schuh machen soll. Wie geht man damit um, wenn ein Angehöriger dement wird? Kann man sich darauf vorbereiten? Matthias Matlachowski von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft geht in einem Vortrag in Kitzingen am Mittwoch, 23. September, auf diese Fragen ein.

Frage: Wer älter wird, wird vergesslich. Ist es schon ein Anzeichen von Demenz, wenn ständig etwas gesucht wird – der Schlüssel oder der Geldbeutel?

Matthias Matlachowski: Den Schlüssel nicht zu finden ist kein Zeichen für Demenz. Das passiert in stressigen Situationen. Hellhörig sollte man aber werden, wenn der Zusammenhang der Dinge und dem Platz, wo man sie findet, nicht passt.

Zum Beispiel?

Matlachowski: Wenn die Hausschuhe im Kühlschrank stehen oder die Post im Toaster steckt. Dann sollte man schon mal an die Diagnose Demenz denken.

Und mit dem Hausarzt darüber sprechen?

Matlachowski: Ein Hausarzt, der die Situation ernst nimmt, wird nach ersten kleinen Tests an einen Facharzt überweisen, der weitere Tests macht. Per CT oder MRT muss ein Bild vom Kopf erstellt werden, Laboruntersuchungen sind nötig. Die richtige Diagnose spielt bei Demenz eine wichtige Rolle.

In Ihrem Vortrag in Kitzingen geht es darum, dass Angehörige sich auf eine Demenz-Erkrankung vorbereiten sollten. Wie geht das?

Matlachowski: Man kann sich allgemein vorbereiten. Sich über die Krankheit informieren. Lernen, wie man reagiert im Umgang mit Dementen. Dass man sie nicht korrigiert, sie nicht auf Fehler hinweist, sie nicht bevormundet, zum Beispiel. Individuell vorbereiten kann man sich nicht.

Was meinen Sie damit?

Matlachowski: Nehmen Sie eine Altenpflegekraft. Sie hat sich weitergebildet, weiß viel über Demenz. Aber wenn ihre eigene Mutter erkrankt, kann sie vielleicht trotzdem nicht damit umgehen.

Weil Emotionen im Spiel sind?

Matlachwoski: Genau. Gefühle spielen eine große Rolle. Es kommt auch darauf an, wer betroffen ist. Ehepartner gehen anders mit der Situation um als Kinder, denen die Eltern alles beigebracht haben, als sie klein waren. Den Vater oder die Mutter jetzt so zu sehen, das macht emotional etwas mit den Kindern. Enkelkinder dagegen gehen viel unverkrampfter mit der Situation um.

Lernt man in Ihrem Vortrag, mit der Situation umzugehen?

Matlachwoski: Der Vortrag kann nur ans Thema heranführen. Wir von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft versuchen die Angehörigen mit Schulungen auf die Situation vorzubereiten. Der Lehrgang „Hilfe beim Helfen“ umfasst acht Abende mit jeweils zwei Stunden. Da geht es um Informationen zu Demenzerkrankungen und deren Verlauf, um verständnisvolle Kommunikation mit den Erkrankten, die gemeinsame Gestaltung des Alltages und den Umgang mit herausfordernden Situationen. Es gibt Informationen zur Pflegeversicherung, zu rechtlichen Fragen und zu Entlastungsmöglichkeiten für Angehörige.

Gerade diese Entlastung der Angehörigen ist Ihnen wichtig.

Matlachowksi: Der Druck auf die Angehörigen ist ungeheuer groß. In der Regel ist die Pflege weiblich und wird von engen Familienangehörigen geleistet, oft von der Ehefrau oder der Tochter. Ist die Tochter dann noch berufstätig und hat Kinder, um die sie sich kümmern muss, wird es schwierig. Die Lebensplanung wird plötzlich verändert, darauf ist kaum einer vorbereitet. Das gilt natürlich auch, wenn Männer Frauen pflegen. Wir versuchen, die pflegenden Angehörigen mit Beratung zu unterstützen. Aber das ist ein sensibles Thema. Viele nehmen Angebote erst an, wenn der Schuh so sehr drückt, dass es ohne Veränderungen nicht mehr weitergehen kann.

Wie sieht die Unterstützung aus?

Matlachowski: Wir versuchen den Pflegenden zu vermitteln, welche Entlastungsangebote es gibt und wie wichtig es ist, sie zu nutzen. Sei es, auf Angebote von Vereinen oder Verbänden zurückzugreifen, den Angehörigen mal für ein paar Stunden in die Tagespflege zu geben, damit man selbst wieder Luft bekommt, oder sich von Ehrenamtlichen helfen zu lassen. Das führt zu einer spürbaren Entlastung.

Sie raten auch, gemeinsam mit den Demenzkranken Urlaub zu machen oder Seminare zu besuchen. Ist das nicht eine zusätzliche Belastung?

Matlachowski: Manche befürchten das, weil man Demente eigentlich nicht aus ihrem bekannten Tagesablauf herausreißen sollte. Rituale sind für sie wichtig. Diese von uns vermittelten Urlaube in Einrichtungen in der Rhön, der Fränkischen Schweiz und im Bayerischen Wald bieten aber einen Lernprozess, der sich auf das Leben zuhause auswirkt. Zentrales Motto ist die Mischung zwischen Nähe und Distanz.

Wie sieht das konkret aus?

Matlachowski: Die Urlaube beinhalten zahlreiche Angebote wie Gymnastik, Ausflüge und Therapien, die gemeinsam mit den pflegenden Angehörigen wahrgenommen werden. Andere Bausteine wie die tägliche Schulung am Vormittag, Massagen oder Konfliktmanagement werden nur von den pflegenden Angehörigen besucht, während die Erkrankten in dieser Zeit von qualifiziertem Personal betreut werden. Manche Angehörigen sind anfangs skeptisch, ob sie ihr Familienmitglied wirklich „abgeben“ sollen, machen das erst nur, weil die Miturlauber es auch tun und rutschen während der Schulung nervös auf dem Stuhl herum. Aber spätestens am dritten Tag wissen sie, dass es mit der Betreuung klappt. Wer diese Erfahrung gemacht hat, ist anschließend eher bereit, zuhause ebenfalls Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Auch Tricks und Tipps für den Umgang mit dem dementen Familienmitglied erreichen die Menschen im Urlaub besser. Das bestätigen uns die Gäste immer wieder. Viele waren schon mehrfach da.

Und wie profitieren die Erkrankten?

Matlachowski: Für Demenzkranke ist es unter Umständen schwierig, fremde Menschen ins eigene Haus zu lassen. „Es geht niemanden etwas an, wie es hier aussieht oder was hier passiert“, sagen sie. In der Urlaubssituation ist es anders, da fällt ihnen der Umgang mit Fremden leichter, weil das im Urlaub normal ist. Werden dort positive Erfahrungen gemacht, wirkt auch das im Alltag zuhause nach.

Herausforderung Demenz: Vortrag und Hotline

Vortrag: „Herausforderung Demenz – wenn Eltern älter werden“ ist der Titel eines Vortrags am Mittwoch, 23. September, um 19 Uhr in der Alten Synagoge. Matthias Matlachowski, Vorsitzender des Landesverbands Bayern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, will mit seinem Vortrag helfen, Familien auf diese Herausforderung vorzubereiten, Ängste abzubauen und Tipps für den Umgang mit an Demenz erkrankten Angehörigen vermitteln. Der Vortrag findet in Zusammenarbeit der Vhs mit dem Landratsamt/Gesundheitsamt Kitzingen statt, der Eintritt ist frei. Hotline: Matthias Matlachowski ist im Rahmen der Welt-Alzheimer-Woche, die seit dem 21. September läuft, an der extra dafür eingerichteten Hotline (oder per Rückruf) zum Thema erreichbar unter der Nummer 0176 / 81538317. Infos zu den Schulungen gibt es zudem im Internet unter www.alzheimer-bayern.de Demenpakt Bayern: Am Welt-Alzheimer-Tag (21. September) wurde in München der Demenz-Pakt-Bayern unterzeichnet. Dessen Ziel ist es, das Thema Demenz auf eine noch breitere Basis zu stellen, um die Lebenssituation von Menschen mit Demenz sowie ihrer Angehörigen in Bayern weiter zu verbessern.