Kitzingen

Die eine sucht den Weg zurück in den Alltag, die andere stellt philosophische Fragen. Die eine hat nach vielen Wochen wieder einen Gottesdienst besucht und die andere zweckentfremdet eine Boxershorts. Das Leben der Redaktionsmitglieder in Corona-Zeiten ist so bunt und widersprüchlich, wie das unserer Leser. Mit dieser Folge enden unsere persönlichen Betrachtungen in der Corona-Krise. Wir wünschen Ihnen allen das Wichtigste: Bleiben Sie gesund und munter.

Diana Fuchs:

Was darf man, was darf man nicht? Ich kann die Frage nicht mehr hören. Warum kleben viele Menschen so an den Mündern der politischen Entscheidungsträger, als könnte daraus das einzig wahre Heilsversprechen kommen? Darf man sich jetzt mit der Cousine zweiten Grades treffen und gleichzeitig mit der Freundin von nebenan, wenn diese den Mann der Cousine geheiratet hat? Leute, wenn ich solche Fragen höre, könnte ich ausflippen. Kein Söder, kein Spahn, niemand kann darauf eine besser Antwort geben als... man selbst. Ein bisschen Eigenverantwortung muss man schon übernehmen. Am besten, wir schalten alle wieder unser Herz und unseren Verstand ein, hinterfragen die jeweilige Gefährdungssituation – und entscheiden dann danach.

Ich bin gottfroh, dass manche Menschen, speziell in Pflegeeinrichtungen, genau das tun. Die Mutter meines Schwagers litt seit langem an Demenz und hatte auch körperlich schon abgebaut. Doch natürlich konnte niemand wissen, wann sie sterben würde. Das Pflegepersonal nutzte eine rechtliche Grauzone und ließ meinen Schwager und seine Geschwister nacheinander zu ihrer Mutter. Es war, als hätte sie darauf gewartet; ein wichtiges, bewegendes Erlebnis für alle. Tatsächlich starb sie wenige Stunden nach dem Besuch. Gut, wenn Menschen auf Herz und Verstand hören.

Nina Grötsch:

Fast ein bisschen normal hat sie sich angefühlt, die fast schon vergangene Woche – was vermutlich vor allem daran lag, dass ich meinen Sohn erstmals in der Notbetreuung des Kindergartens geparkt hatte. Das Home Office nahm damit ungeahnt attraktive Dimensionen an. Genüsslich trank ich meine Tasse Kaffee, schrieb in aller Ruhe meine Artikel und füllte völlig ungestört die Seiten des „Reports“, der endlich auch wieder aus der Corona-Pause erwacht ist.

Wenn ich die mittlerweile zu Bergen aufgetürmten Schulsachen meiner Tochter auf dem Tisch ausblendete und den Topf mit den kochenden Mund-Nasen-Bedeckungen auf dem Herd ignorierte, fühlte ich mich kurz wie in guten, alten Zeiten. Am meisten genoss ich in dieser Woche, endlich wieder gemeinsam mit meiner Schwester in den Supermarkt zu fahren. Doch dann war es schon wieder passiert. Schon das zweite Mal: Maske vergessen! Das nervt mich vielleicht. Als ob ich nicht schon an genug denken müsste, wenn ich aus dem Haus gehe. Meine Schwester begann daraufhin sofort im Kofferraum ihres Mannes zu wühlen… und präsentierte kurz darauf eine alte Boxershorts. „Ein Putzlappen!“, wie sie mir mehrfach versicherte. Das war der Moment, als sich die Normalität der Woche in Luft auflöste.

Daniela Röllinger:

Der erste Gottesdienstbesuch in Corona-Zeiten war komisch. Am Eingang zur Kirche wird der Name notiert. Das Weihwasserbecken ist abgedeckt. Der Platz wird zugewiesen. Jede zweite Reihe bleibt frei. Auch rechts und links bleibt neben jedem Besucher viel Platz. Der Mundschutz darf trotzdem nicht abgenommen werden. Der Gesang dringt gedämpft hinter der Abdeckung hervor. Mir fällt das Atmen hinter der Maske immer noch schwer, an Singen mag ich da nicht mal denken. Es ist kein normaler Gottesdienst, es gibt keine Kommunion, keinen Friedensgruß. Auch das Verlassen der Kirche verläuft strukturiert. Abstand halten! Damit mich keiner falsch versteht: So sind die Vorgaben. Die gilt es zu beachten. Gerade weil viele ältere Menschen in die Kirche gehen – sie gelten als Risikopatienten. Niemand will, dass sie krank werden, auch ich nicht. Also gilt: an die Regeln halten. Oder gar nicht erst in die Kirche gehen? Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll. Aber das scheint ja momentan schon fast normal zu sein.

Julia Volkamer:

Nach acht Wochen Corona-Pause sind wir wieder im Ferien-Modus angekommen. Und ich habe keine Ahnung, wie wir den Weg zurück in den Alltag finden sollen. Die Kinder gehen spät ins Bett, stehen entsprechend spät auf und ziehen sich frühestens dann an, wenn sie das erste Mal vor die Tür wollen. Das ist meistens so gegen 10 Uhr, wenn sie das erste Lego-Bauwerk vollendet, die zweite Müsli-Schüssel geleert und den dritten Streit ausgefochten haben. Um 8 Uhr losgehen zum Kindergarten? Vorher schon Zähne putzen, frühstücken, Tasche packen? Das wird spannend. Dabei ist das ganze Rumgegammel und in den Tag hinein Leben doch so entspannend. Nichts müssen, alles können. Na ja, nicht alles, aber inzwischen doch wieder Vieles. Freunde waren zum Spielen da, die Jungs endlich wieder bei Oma und Opa (und ich ganz entspannt in der Redaktion). Den ersten Sturz von der Wippe auf dem Spielplatz haben wir auch schon hinter uns und die Erzieherinnen im Kindergarten freuen sich mitsamt dem jämmerlichen Häuflein der Notgruppenbesatzung riesig darüber, dass bald wieder mehr los ist. Genauso wie die Besitzer meines Fitnessstudios und unser Lieblingsgrieche. Also alles wie immer, nur ohne Termindruck.

Zu unserem Alltag gehört der eigentlich dazu, und in diesem Fall bedeutet er ja nur, dass wir unseren Vorschüler pünktlich im Kindergarten abliefern müssen. Trotzdem wird diese Vorgabe uns einiges abverlangen. Nach acht Wochen müssen wir zurück in den Alltag, nach und nach, Stück für Stück. Und im Hinterkopf spukt immer noch die kleine Kugel mit den Krönchen drauf herum. Ich bin gespannt. Und auch ein bisschen angespannt.

Ralf Dieter:

Corona geht mir auf den Keks. Ich kann es nicht mehr hören. In jeder zweiten Fernsehsendung geht es darum, jedes private Gespräch kreist irgendwann um das Thema. Ich mach jetzt Corona-Pause und esse lieber einen echten Keks. Dann können wir uns zusammen verkrümeln.