Der Fahrdienst ist bestellt, erste Kisten sind gepackt: Der Bereich der allgemeinen Pflege im WilhelmHoegner-Haus zieht Mitte Januar um. Weil die Einrichtung der AWO in Kitzingen umgebaut wird, finden 46 Bewohner für drei Jahre in Würzburg eine neue Heimat – und das Pflegepersonal kommt mit.

Dass umgebaut werden muss, sieht man dem Wilhelm-Hoegner-Haus nicht an. Die Bausubstanz des vor 50 Jahren errichteten und 1994 bis 96 generalsanierten Gebäudes ist gut. Dass nun trotzdem die Handwerker anrücken müssen, um weit mehr als Schönheitsreparaturen zu erledigen, liegt am Pflege- und Wohnqualitätsgesetz und den sich stetig verändernden Anforderungen an den Brandschutz. Die Brandschutzvorgaben kann die Einrichtung nicht mehr erfüllen. Der Bestandsschutz, der zunächst eine Befreiung von den Vorgaben ermöglicht hatte, läuft Ende des Jahres aus. „Wir wollen nicht umbauen. Wir müssen“, sagt Manuela Huber. Sie koordiniert den Umzug der Bewohnerinnen und Bewohner und ist seit Monaten mit den Vorarbeiten beschäftigt. Der Startschuss für den Umbau ist schon in diesem Jahr gefallen, das Flachdach wurde bereits saniert, der Aufzug umgebaut, die Rufanlage erneuert.

„Wir wollen nicht umbauen. Wir müssen. “
Manuela Huber, Koordinatorin des Umzugs

Wer sich ein bisschen mit Baurichtlinien auskennt, der weiß: Den Brandschutz eines Gebäudes zu erneuern, ist eine große Sache. Das geht nicht einfach nebenher. Drei Jahre Bauzeit, drei große Bauabschnitte, eine Bausumme von knapp sieben Millionen Euro – an diesen Zahlen lässt sich die Dimension erahnen. „Aber wenn wir schon bauen, dann verbessern wir auch die Wohnqualität“, erklärt Einrichtungsleiterin Sybille Schmitz-Rügamer. Kleine Zimmer werden zu Büros, die größer angelegten Büros dagegen zu Zimmern für die Bewohner. Bodenbeläge werden erneuert. Die Barrierefreiheit noch weiter ausgebaut. Es gibt neue Küchen für die Wohngruppen. „Das gibt ein ganz anderes Erscheinungsbild“, freut sich Schmitz-Rügamer. „Und es gibt neue Möglichkeiten im Zusammenleben. Dann können die Gruppen viel öfter zusammen kochen und backen“, nennt sie ein Beispiel. Die Einrichtungsleiterin ist keine, die nur mit Sorge auf das schaut, was in den nächsten drei Jahren an Beschwernissen auf Bewohner und Mitarbeiter zukommt. Sie versucht das Beste aus dem zu machen, was nun mal unvermeidbar ist und sieht auch die Chancen. „Die Leute werden hier nicht nur gepflegt, die Leute leben ja hier.“ Man müsse zusammen überlegen, wie den Menschen noch mehr Selbstbestimmung ermöglicht werden könne, findet Schmitz-Rügamer. Der Umbau biete Möglichkeiten, die es bislang nicht gab.

Drei Bereiche gibt es im Wilhelm-Hoegner-Haus – zunächst den allgemeinen Bereich für Senioren, dann den beschützenden Bereich für geronto-psychiatrisch Erkrankte und Demenzkranke – „das sind Menschen, die die Tendenz haben, wegzulaufen“, erklärt Sybille Schmitz-Rügamer. Dazu kommt die Eingliederungshilfe für Menschen mit einer chronischen psychischen Erkrankung, die oft deutlich jünger sind als die anderen Bewohner.

Vom Umzug betroffen ist der allgemeine Bereich, die beiden anderen bleiben während der Bauzeit im Gebäude. Insgesamt hat die Einrichtung 137 Bewohner, 46 davon wechseln für drei Jahre in das „Sozialzentrum Jung und Alt“ nach Würzburg-Heidingsfeld. Einige Angehörige haben für ihre Familienmitglieder für die Zeit des Umbaus einen Platz in einem anderen Pflegeheim im Raum Kitzingen gesucht und auch gefunden.

Die Angehörigen wurden Mitte des Jahres darüber informiert, dass das Wilhelm-Hoegner-Haus umgebaut wird. „Vorher war vieles unklar“, erklärt Manuela Huber. Unter anderem hat sich der Termin für den Umzug nach Würzburg mehrfach verschoben, weil die Sanierung des Bereichs im Sozialzentrum in Heidingsfeld, der künftig von den Kitzingern genutzt wird, noch nicht fertig war. Im September gab es Informationsveranstaltungen für Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter. Mitarbeiter sowie Angehörige hatten und haben noch vor dem Umzug die Möglichkeit, die Einrichtung in Würzburg sowie den dortigen Einrichtungsleiter kennen zu lernen.

„Die Mitarbeiter sind sich ihrer Verantwortung bewusst.“
Sybille Schmitz-Rügamer, Einrichtungsleiterin

Drei Jahre Würzburg statt Kitzingen – das bedeutet nicht nur für Angehörige eine weitere Anfahrt, sondern auch für die Mitarbeiter. Trotzdem wechseln die allermeisten Betreuungs- und Pflegekräfte des allgemeinen Bereichs mit nach Würzburg. Schmitz-Rügamer berichtet von einem Gespräch mit einer Mitarbeiterin, die seit Jahren im AWO-Heim arbeitet und nur noch wenige Jahre bis zum Renteneintritt hat. „Freilich geh ich mit“, habe die Frau gesagt, „es geht mir doch um mei' Leut“. Genau das sei es, was die allermeisten Mitarbeiter verspüren: Eine Verbundenheit zu den Bewohnern, um die sie sich seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten kümmern. „Meine Leute“ eben, das ist fast wie eine Familie. Die lässt man nicht im Stich, auch wenn es für einen selbst Mehrarbeit bedeutet. „Die Mitarbeiter sind sich ihrer Verantwortung bewusst“, sagt Sybille Schmitz-Rügamer. Zusammen mit Umbau-Koordinatorin Manuela Huber versucht sie, den Mitarbeitern und vor allem den Bewohnern den Umzug so behaglich wie möglich zu machen. Huber hat Fotos vom Sozialzentrum, von den Wohngruppen, die es dort schon gibt, und von den neuen Zimmern gemacht, in denen die Senioren künftig wohnen werden, so dass sie sich vorstellen können, wie es dort aussieht. Die Zimmer werden sie teils zu zweit statt wie bisher allein bewohnen, denn in Würzburg gibt es nicht so viele Einzelzimmer wie im Kitzinger AWO-Heim. „Das wird schon eine Umstellung“, weiß Huber. Gemeinsam mit dem Pflegeteam hat sie überlegt, wer gut miteinander auskommt, wem es sogar gefallen wird, miteinander ein Zimmer zu teilen.

Wenn die Angehörigen möchten, können sie im Vorfeld beim Aussortieren und Packen der Umzugskisten helfen – trotz Corona. „Wir haben genügend Schutzausrüstung“, betont Sybille Schmitz-Rügamer. Das Sicherheitskonzept für den Umzug ist mit der Heimaufsicht abgesprochen. Wollen Angehörige nicht mit anpacken, helfen Betreuungs- und Pflegekräfte. Der eigentliche Umzug ist für den 14. bis 16. Januar mit dem Fahrdienst Royal geplant, den Schmitz-Rügamer auch im Umzug als zuverlässigen Partner lobt. „Der ist immer da, wenn wir ihn brauchen“, selbst wenn, wie jetzt, der Termin des Umzugs dreimal verlegt wird. Der Umzug findet bewusst an einem Donnerstag, Freitag und Samstag statt, damit am dritten Tag die Angehörigen kommen können, wenn sie wollen, um die Zimmer mit den Bewohnern einzuräumen. Selbstverständlich auch hier mit Schutzausrüstung. Schließlich soll und muss die nötige Sicherheit gewahrt werden.

Trotz aller Vorarbeiten wird die Zeit des Umzugs und vor allem des Umbaus „spannend und turbulent“, wie Manuela Huber weiß. Sie hat das alles schon mal erlebt, bereits die Generalsanierung 1994/96 koordiniert. Damals war der Bereich der Eingliederungshilfe für mehrere Jahre nach Aschaffenburg ausgegliedert worden – ebenfalls mit Mitarbeitern. Eine Lösung, die gut funktioniert hat und deshalb auch jetzt wieder gewählt wurde.

Bei aller Belastung, die auf Bewohner und Mitarbeiter zukommt, blicken Huber und Schmitz-Rügamer sehr positiv in die Zukunft. Sie sehen eine Herausforderung in den drei Jahren, aber auch eine Chance. „Am Ende kommt ja etwas Schönes raus“, so die Einrichtungsleiterin. „Und nur wer mal raus kommt aus den alten Schuhen, kann sich verändern.“