Erst haben sie sich „wie irre beeilt“, dann mussten sie lange Geduld beweisen: Knapp eineinhalb Jahre nach Fertigstellung darf das neue Römerkabinett im Museum Malerwinkelhaus in Marktbreit ab dem 11. September endlich öffnen. Die Besucher erwartet ein spannendes Paket auf kleinstem Raum – mit vielen Überraschungen. Summa cum laude: Mit höchstem Lob würde Curiosus, der neugierige junge Römer, das benoten, was Museumsleiterin Dr. Simone Michel-von Dungern, Herbert Lechner und Heinrich Rückert vom Marktbreiter Bauhof verwirklicht haben. Auf gerade mal neun Quadratmetern präsentiert sich eine Ausstellung, die es in sich hat. Wobei das vor allem für ein von Simone Michel-von Dungern entworfenes und den beiden städtischen Mitarbeitern gebautes Möbelstück wörtlich zu nehmen ist: In Schubladen, auf ausziehbaren Tafeln und hinter Klappen gibt es ganz viel Wissenswertes rund um das Römerlager in Marktbreit und das Leben der Legionäre zu entdecken. „Wir haben die Informationen versteckt“, verrät Simone Michel-von Dungern. Wer etwas wissen will, muss also etwas tun.

Die großen, textlastigen Tafeln sind verschwunden

Nichts erinnert mehr an den kleinen, fensterlosen, halbdunkeln Raum, in dem geballte Informationen rund ums Marktbreiter Römerlager auf großen, textlastigen Tafeln nachzulesen war. Die Fenster sind nicht länger verschlossen, was schon alleine eine helle, freundliche Präsentation möglich macht. Statt wie früher die Ausrüstung einer Schaufensterpuppe anzuziehen, hat die Museumsleiterin Tunika, Panzer, Helm, Schild und Waffen hinter einer hellen Tafel mit vielen Gucklöchern versteckt. Wer durch die Öffnungen linst, kann die Verzierungen der Dolchscheide bewundern, die Gestaltung von Helm und Gürtel inspizieren, über die massiven Kettenglieder des elf bis 16 Kilogramm schweren Kettenpanzers staunen. Informationen dazu gibt es auf der Tafel direkt neben jedem Guckloch. Wie schwer so ein Kettenhemd ist, können Kinder aber auch selbst ausprobieren – und genauso, wie es sich anfühlt, einen Römerhelm auf dem Kopf zu tragen.

Schauen, lesen, aber auch anfassen und ausprobieren. Das ist erlaubt im Römerkabinett, wenn auch wegen Corona zunächst einmal mit Handschuhen, die Simone Michel-von Dungern bereitliegen hat.

Wie viele Legionäre einem Centurio unterstanden, wie lange die Nachtwache dauerte, wie viel Gewicht ein Legionär während des Marsches mit sich herumschleppen musste – da kann der Besucher zunächst mal raten, sich eine von drei vorgegebenen Antworten aussuchen. Die richtigen Antworten finden sich, wenn die hölzernen Tafeln hochgeklappt werden. Dazu gibt es zusätzliche Informationen, die mit der Frage zu tun haben.

Das Römerkabinett im Museum wurde bereits 2005 eingerichtet. 2017 begannen die Überlegungen zur Umgestaltung. Simone Michel-von Dungern startete mit dem Marktbreiter Gymnasium das Projekt „Mobil im Museum“, bei dem Schüler kleine Filme und Hörspiele zum Thema Römer erstellten. Lateinlehrerin Dorothee Weiß entwickelte gemeinsam mit ihrer Klasse Spiele zum Thema Römerlager, die Museumsleiterin arbeitete mit der Uni in einem Seminar des Studiengangs Museologie an der Umgestaltung des Römerkabinetts aus museumspädagogischer Sicht. Die Ideen wurden zusammengetragen und 2018 in der Ausstellung „Aufgemischt“ präsentiert.

Die Besucher werden animiert, selbst Hand anzulegen

„Im Römerkabinett selbst war bis dahin aber noch nichts passiert“, blickt die Museumsleiterin zurück. Ein Jahr lang schaute sie sich in anderen Museen und Ausstellungen um, entwickelte Pläne, entwarf Möbel, verbesserte, verwarf und fing neu an. Ziel war es, statt vollgeschriebener Texttafeln die Informationen so zu verstecken, dass die Besucher selbst auswählen können, wie viel sie lesen und erfahren wollen, erklärt Michel-von Dungern. „Und dass sie animiert werden, selbst Hand anzulegen.“ Sie lieferte die Ideen, Herbert Lechner und Heinrich Rückert vom Bauhof setzten sie um. Was zum einen wegen der Entfernung zwischen der Bauhof-Werkstatt und dem Museum nicht einfach war, zum anderen aber auch, weil im historischen Malerwinkelhaus keine Wand und kein Boden gerade sind, es keine Öffnung ohne Unebenheiten gibt, kein Eck wirklich 90 Grad misst. „Das war Zentimeterarbeit“, sagt Michel-von Dungern. „Eine Herausforderung“, bestätigt Herbert Lechner.

Letztendlich entstand ein helles Möbelstück mit Schubladen, Klappen, Tafeln und Schienen, das ein komplexes Thema so präsentiert, dass große und kleine Besucher Lust auf mehr bekommen.

Auf das Quiz, aufs Ausprobieren, auf die Fundstücke, die am Marktbreiter Römerlager entdeckt wurden, aber auch auf das Geschichtenerzählen. Überall dort, wo ein kleines Bild des Legionärs klebt, verstecken sich die Informationen für die Kinder – dort erzählt der junge, neugierige Curiosus vom Leben im Lager, von der schweren Ausrüstung und den langen Märschen, von der Ernährung, von Spielen aus seiner Zeit.

Entdeckungen für Kinder

Als Spiel ist auch die Erklärung des Marktbreiter Lagers konzipiert: Übers Würfeln können die Kinder die einzelnen Bestandteile und ihre Bedeutung entdecken, während die Erwachsene wenige Zentimeter über der Spiele-Schublade das Modell des Römerlagers betrachten können, das bislang mehr oder weniger unbeachtet und vor allem ohne Erklärung vor dem Toilettenbereich des Museums stand. Jetzt ist es in das Ausstellungsmöbel integriert – und wer eine beschriftete Glasplatte darüber schiebt, bekommt den Aufbau und die Entstehung erklärt. Auch mehrere Kurzfilme, die über Touchscreen gestartet werden können, informieren über das Leben der Legionäre – unterhaltsam und informativ erstellt: Da wird die Umwehrung des Lagers mit Zahnpasta gezogen, die Legion besteht aus bunten Smarties, der Centurio wird zum Schokokuss. Ein Filmangebot, das noch erweitert werden soll, auch für Erwachsene, verrät Simone Michel-von Dungern.

Kreativ, informativ, unterhaltsam, fesselnd – alles das ist das neue Römerkabinett, das genau vor dem ersten Lockdown fertiggestellt war und seitdem seiner ersten Besucher harrt. Nach der offiziellen Eröffnung im kleinen Kreis geladener Gäste an diesem Dienstag ist es ab dem 11. September für alle Besucher zugänglich. Wobei wegen Corona eine Anmeldung für diesen Ausstellungsteil des Museums nötig ist. „Man kann sich Zeitfenster reservieren“, erklärt die Museumsleiterin – und dann in die spannende Welt von Curiosus eintauchen.

Info: Das Museum im Malerwinkelhaus Marktbreit ist während der Pandemie samstags und sonntags sowie an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Die aktuell geltenden Hygienevorschriften sind zu beachten. Für den Besuch des Römerkabinetts ist eine Anmeldung unter 09332/591596 nötig. Geeignet ist das Römerkabinett für Kinder ab etwa zehn Jahren. Weitere Informationen unter www.malerwinkelhaus.de