„Als ich die Diagnose bekommen habe, war das ein Schock. Der sitzt ein Leben lang“, erzählt Antje. Mit Anfang 30 ging sie ganz unbedarft zum Gespräch, das nach der Untersuchung ihres Brustgewebes anstand. „Und dann hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Ohne Vorwarnung. Trotz Vorsorge. Krebs. Ein bösartiger Tumor. Hilfe für ihre körperlichen Leiden fand die junge Mutter vor allem bei den Ärzten. Sie gaben ihr einen Behandlungsfahrplan, an dem sie sich „entlanghangelte“. Den festen Halt aber holte sie sich bei ihrer Familie – und über eine Selbsthilfegruppe. Inzwischen gibt es viele unterschiedliche Wege, um sich, nicht nur vorsorglich, sondern auch nach der Diagnose, zu informieren oder mit anderen Betroffenen zu kommunizieren. Analog, aber auch digital.

„Wir können sie nicht retten. Wir können nur beratend zur Seite stehen.“
Marie-Luise Basel, Leiterin der Krebs-Selbsthilfegruppe

Marie-Luise Basel würde immer wieder den ersten Weg wählen. Die Leiterin der Kitzinger Selbsthilfegruppe für Menschen mit der Diagnose Krebs ist mit einigen Mitgliedern schon seit 40 Jahren in Kontakt. Derzeit besteht der zwar nur übers Telefon, missen möchte die engagierte Kitzingerin sie trotzdem nicht. „Viele Fragen und Antworten ergeben sich aus den Gesprächen“, weiß Basel, die selbst an Brustkrebs litt. Oder aus Klinikbesuchen und Vorträgen, für die sie schon so manchen Experten aus nah und fern gewinnen konnte. Und trotzdem scheint die Selbsthilfegruppe ein bisschen aus der Mode gekommen zu sein. Junge Krebspatientinnen kamen nur vereinzelt zu den Gesprächsrunden, was Marie-Luise Basel auch ein bisschen ratlos stimmt. „Manche erwarten sich vielleicht zu viel von uns“, sagt sie. „Wir können sie nicht retten. Wir können nur beratend zur Seite stehen.“

Ratschläge und Informationen holen sich aber gerade junge Frauen heute überwiegend über das Internet. Gerade stellte die Marke „Pink Ribbon“, eine gemeinnützige Organisation, die sich seit über zehn Jahren für mehr Brustkrebs-Früherkennung in Deutschland einsetzt, ihre neue „Breastcare-App“ vor, die nicht nur Leistungen wie zum Beispiel einen Zykluskalender oder einen Brustzentren-Finder bietet, sondern auch viele Informationen und Fakten zum Thema. Punkten kann sie auch damit, dass die Seiten bereits in vier Sprachen übersetzt werden, türkisch, hocharabisch und farsi, die Amtssprache im Iran und Afghanistan, sollen in Kürze dazukommen. Und doch ist sie nur eine von vielen dieser Applikationen, die zum Beispiel auch Prof. Dr. Achim Wöckel, Leiter der Frauenklinik am Uniklinikum Würzburg, inzwischen des Öfteren gesichtet hat. „Applikationen können niemals eine gelungene Interaktion mit einem Arzt ersetzen“, erklärt er ganz entschieden. „Sie sind nur ein Mosaiksteinchen in der Vorsorge und Behandlung von Krebserkrankungen.“ Sie eröffnen Frauen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, sowohl in der Früherkennung als auch im Krankheitsverlauf. Sie können als Organisator dienen, um im Informations- und Termindschungel nicht den Überblick zu verlieren. „Der Trend geht dabei zunehmend zur Individualisierung“, weiß Prof. Wöckel. Die Frauen suchen sich verschiedene Themen aus, erhalten persönliche Trainings- und Ernährungstipps. „Dementsprechend können die Applikationen durchaus einen günstigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben“, findet der Experte. Deshalb freut er sich, dass am Uniklinikum aktuell ein Projekt läuft, das sich genau mit diesen individualisierten Apps beschäftigt und ein solches in naher Zukunft, zugeschnitten auf die Frauenklinik Würzburg, entwickelt. Im Rahmen der Studie werden verschiedene Applikationen getestet, um am Ende die wichtigsten und sinnvollsten Funktionen in einer eigenen zu bündeln. Vom Nutzen der Apps ist Prof. Dr. Wöckel überzeugt – vor allem wenn es darum geht, junge Frauen zu erreichen. „Ältere Patientinnen bevorzugen Selbsthilfegruppen, jüngere informieren sich in Internet-Foren.“

„Applikationen sind nur ein Mosaiksteinchen.“
Prof. Dr. Achim Wöckel, Leiter der Frauenklinik Würzburg

Diese Entwicklung spürt auch Marie-Luise Basel. „Zu uns kommen junge Krebspatientinnen oft erst, wenn sie gar nicht mehr weiter wissen.“ Sie hören hier etwas, lesen dort nach. Dabei sei es einfacher, unbedarft zur Gruppe zu stoßen, sich anzuhören, was die anderen erlebt und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Vor allen Dingen aber dürfe man keine Wunder erwarten. „Wir sind auch nur Betroffene wie jeder andere.“ Man könne nur beraten und unterstützen. „Wirklich helfen kann aber nur der Arzt.“

Diese Erfahrung hat auch Antje gemacht. „Das Fremd-Bestimmtsein war schlimm“, erinnert sie sich. „Aber es gab eben auch einen festen Fahrplan.“ Das habe ihr dabei geholfen, ihren neuen Alltag zu meistern. Im Rahmen des Projektes „überLEBEN mit Krebs“ der Bayerischen Krebsgesellschaft erzählt sie außerdem, dass ihre größte Angst gewesen sei, ihre zweijährige Tochter nicht aufwachsen sehen zu können – und wie sie ihre Familie in den Behandlungsprozess einbezog. Mit Hilfe von Büchern, aber auch kindgerechten Applikationen mit Spielen und Videos habe sie ihrer Tochter die Krankheit erklärt. Darüber hinaus habe der Kleinen aber geholfen, dass sie Gleichgesinnte treffen konnte – auf einer Mutter-Kind-Kur. „Da sind richtige Freundschaften entstanden“, lächelt Antje, die heute krebsfrei ist. Um ihrer Krankheit Herrin zu werden, hat sie scheinbar die richtige Kombination gefunden. Eine Kombination aus analog und digital.