Das Gespräch ist intensiv. Und es wühlt auf. Sarah Hadj Ammar hat genaue Vorstellungen davon, was im Moment schief läuft. Was die jetzige Generation an Entscheidungsträgern verbockt. Und worunter die nachkommenden Generationen leiden müssen. Hadj Ammar ist Jugendrätin in Würzburg. Und sie ist Multiplikatorin und Sprachrohr der Aktion „Generationenstiftung“ in Unterfranken.

Frage: Wie stellen Sie sich das Leben im Jahr 2040 vor?

Sarah Hadj Ammar: Der Idealzustand sieht so aus: Gute Luft für alle, in den Meeren schwimmen genügend Fische, niemand muss Hunger leiden, Kinder gehen gerne in die Schule und im Winter fällt auch in Deutschland noch Schnee.

Und diese Vorstellung ist unrealistisch?

Hadj Ammar: Schauen Sie sich doch mal um. Es wird so viel geredet, aber es wird nicht gehandelt. Das Pariser Klimaabkommen? Nicht hundertprozentig umgesetzt. Der Atomausstieg? Viel zu zögerlich. Der Kohleausstieg? Müsste viel ambitionierter angegangen werden. Es fehlt am Durchhaltevermögen, am Willen, die einmal getroffenen Entscheidungen auch wirklich durchzuziehen.

Und die Leidtragenden sind Sie?

Hadj Ammar: Unsere Generation. Na klar. Immer ist das Geld wichtiger als die Nachhaltigkeit. Immer werden kurzfristige Lösungen beschlossen, man denkt nur von Legislaturperiode zu Legislaturperiode. Wie unser Planet im Jahr 2080 aussehen wird, interessiert doch keinen, der jetzt an der Macht ist. Mich interessiert das sehr wohl.

Weshalb Sie sich im Projekt „Generationenstiftung“ engagieren ...

Hadj Ammar: Genau. Wir wollen eine grundlegende Veränderung, wir wollen, dass die Stimmen der jungen Menschen tatsächlich gehört werden. Dass sich aus unseren Wünschen auch konkrete Forderungen ergeben, die umgesetzt werden. Im Moment schaut es doch so aus, dass unsere Lebensgrundlagen verwirtschaftet werden.

Wie lauten denn Ihre ganz konkreten Forderungen?

Hadj Ammar: Elternunabhängiges Bafög für alle. Mehr Interaktionen im Bildungssystem, alle Kinder und Jugendlichen müssen die gleichen Bildungschancen erhalten. Ein Kinderwahlrecht einführen. Alle Macht geht vom Volk aus, heißt es im Grundgesetz. Unser Wahlrecht verstößt gegen diesen Ansatz.

Ist das Leben im Jahr 2018 wirklich so schlimm?

Hadj Ammar: Nicht für die jetzige Generation. Aber wie sieht die Zukunft aus? Die Atomenergie wird noch viele Jahrzehnte ihre Spuren auf unserem Planeten hinterlassen, die Kohlekraftwerke belasten weiterhin die Umwelt. Es werden nur kurzfristige Lösungen gesucht. In allen Bereichen. Was hilft mir ein Rentenkonzept bis ins Jahr 2025?

Wie wollen Sie ein langfristiges Denken und Handeln etablieren?

Hadj Ammar: Indem wir unsere Wünsche und Bedenken zunächst einmal bündeln und dann in Forderungen gießen, die wir lautstark kommunizieren.

Deshalb haben Sie auch den Generationenvertrag gekündigt.

Hadj Ammar: Ja, als deutliches Zeichen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Wir müssen unsere Entscheidungen immer langfristig anlegen. So wie die Ureinwohner in Amerika, von denen ich als Kind gelesen habe.

Wie bitte?

Hadj Ammar: Ich weiß, wie das klingt. Ein wenig romantisch, vielleicht naiv. Aber der Ansatz ist genau der Richtige: Der Stamm hatte jede Entscheidung daraufhin abgeklopft, ob sie für die nächsten sieben Generationen auch noch hilfreich ist.

Wer steckt hinter der Generationenstiftung?

Hadj Ammar: Wir sind 14 politisch aktive junge Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet und haben uns in mehreren Workshops darüber ausgetauscht, wie die Zukunft in diesem Land aussehen kann, was sich verändern muss. Schnell hatten wir eine Liste von mehr als 100 Ideen, die wir nach und nach auf die wichtigsten Forderungen zusammengekürzt haben. Mittlerweile werden wir von mehr als 1000 Menschen gefördert, mehr als 225.000 Menschen haben unsere Forderungen unterzeichnet. Darunter auch viele Menschen um die 50.

Also arbeiten Sie mit den Menschen zusammen, die Sie kritisieren?

Hadj Ammar: Natürlich. Uns geht es doch nicht darum, unseren Frust loszuwerden, sondern um ein gutes Miteinander. Wir wollen etwas verändern und das geht nur im Dialog.

Wer macht denn von der älteren Generation mit?

Hadj Ammar: Zu unseren Unterstützern zählen so namhafte Persönlichkeiten wie Physiker Prof. Harald Lesch, die Schauspieler Annette Frier und Hannes Jaenicke oder Autor Eckart von Hirschhausen. Wir wollen uns zusammen Gedanken machen, wie wir die Lebensgrundlagen verbessern können. Und zwar jetzt.

Sind Sie sicher, dass Ihre Stimme gehört wird?

Hadj Ammar: Ich denke schon, die Bewegung wächst jedenfalls, die Politik ist auf uns aufmerksam geworden. Die Medien ebenfalls. Wir sind auf einem guten Weg. Aber klar ist auch: Viel mehr junge Menschen müssen laut werden, ihre Stimme erheben. Nur wenn viele so denken wie wir und sich auch entsprechend artikulieren, ist eine Veränderung möglich. Es muss halt jemand mal anfangen.

Was wünschen Sie sich für das Jahr 2040?

Hadj Ammar: Dass keiner mehr in Angst leben muss, dass alle Kinder und Jugendlichen ihr Potenzial ausschöpfen können. Dass es keinen Hunger und keine extreme Armut mehr geben wird. Und dass wir den Klimawandel dank unseres Verhaltens einigermaßen in den Griff bekommen haben.

Zur Person: Sarah Hadj Ammar ist in Straubing aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie früh zu Anti-Atomdemos mitgenommen, mit elf Jahren ist sie Mitglied bei „Plant for the planet“ geworden. Seit einem Jahr ist sie Jugendrätin bei der Generationen Stiftung. Die 19-Jährige studiert im ersten Jahr Biomedizin an der Uni Würzburg.

Im nächsten Teil der Serie erklärt ein 26-Jähriger, warum er katholischer Priester werden will.

Biographie

Sarah Hadj Ammar ist in Straubing aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie früh zu Anti-Atomdemos mitgenommen, mit elf Jahren ist sie Mitglied bei „Plant for the planet“ geworden. Seit einem Jahr ist sie Jugendrätin bei der Generationen Stiftung. Die 19-Jährige studiert im ersten Jahr Biomedizin an der Uni Würzburg.