Er hat viel Arbeit in das Projekt gesteckt. Ein halbes Jahr, mindestens. Dabei hätte Dr. Harald Knobling gerade viel Zeit zum Entspannen. Vor einem Jahr ist der langjährige Kunstlehrer am AKG und Stadtheimatpfleger in Kitzingen in den Ruhestand getreten. Dennoch hat er sich gleich wieder in die Arbeit gestürzt. Die Geschichte der Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens (VKU) liegt ihm eben am Herzen – vor allem die Menschen, die sich dort einbringen.

Vor 100 Jahren ist die Vereinigung ins Leben gerufen worden. Damals unter dem Namen „Vereinigung unterfränkischer Künstler und Kunsthandwerker e.V.“ (VUKUK). Zum Jubiläum hat Dr. Knobling eine 270 Seiten starke Chronik mit umfangreichem Bild- und Quellenmaterial herausgebracht. „Es ist ein Ritt durch die Kunstgeschichte Unterfrankens der letzten 100 Jahre geworden“, sagt Knobling.

„Sehr attachiert zu den Nazis. Genierte sich nicht, ein Ex Libris für Goebbels zu machen.“
Dieter Stein über Richard Rother

In „100 Jahre Kunst – Von der VUKUK zur VKU“ lässt Knobling die verschiedenen Kunstepochen und ihre unterfränkischen Vertreter aufleben, beschreibt die einstmals legendären Feste der Gründerväter und -mütter, die Entwicklung vom Impressionismus zum Expressionismus und schließlich den harten Einschnitt in Zeiten des Nationalsozialismus, der auch die unterfränkische Kunstszene erfasste. „Die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten einer Zeit lassen sich in der Kunst wunderbar ablesen“, sagt er.

Manche Kunstschaffenden passten sich an die Knechtschaft der Nationalsozialisten an, andere tauchten unter. Eine Aufarbeitung dieser Zeit habe in der Kunstvereinigung und in der Forschung sehr wohl stattgefunden, sagt Knobling. „Aber sehr spät.“

Entsprechend groß waren die Spannungen innerhalb der VKU in den 50er Jahren. „Da stießen zwei Welten aufeinander“, sagt Knobling, der für seine Recherchen nicht nur verschiedene Stadtarchive und Museen kontaktierte, sondern auch Interviews mit Zeitzeugen führte. Unter anderem mit der 94 Jahre alten Weberin Olga Pacher und mit dem Sohn des 95 Jahre alten Malers Dieter Stein, der die Antworten mit seinem Vater abstimmte. Über Richard Rother meinte Stein senior beispielsweise: „Sehr attachiert zu den Nazis, war überall vertreten mit Holzschnitten, besonders Weinstuben. Genierte sich nicht, ein Ex Libris für Goebbels zu machen.“

Dem ehemaligen Kunstlehrer Knobling, selbst seit 2008 VKU-Mitglied, geht es in seiner Chronik keinesfalls darum, ehemalige Mitglieder an den Pranger zu stellen. „Aber Aufklärung möchte ich schon betreiben“, sagt er. Und so bezeichnet er auch das damals viel beachtete Buch des ehemaligen Vorsitzenden Heiner Dikreiter „Kunst und Künstler in Mainfranken“ (erschienen 1954) als ein „Zeitdokument der Bewältigungsverweigerung der Vergangenheit.“ Geschichte und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart sind in der Chronik beschrieben.

Über 500 Kunstschaffende in der VKU sind namentlich erfasst, darunter eine Reihe Kitzinger Namen: Neben den Bildhauern Richard und Klaus Rother die Maler Berta Kaiser und Karl Dostal sowie der Holzschneider Michael Heim. Die Texte und Bilder geben einen Einblick in die Denk- und Arbeitsweise der früheren Mitglieder, jedes aktuelle Mitglied konnte sich mit dem Bild eines eigenen Werkes, inklusive kurzem Erklärtext, im zweiten Teil der Chronik vorstellen. Und so bietet der zweite Teil der Chronik einen Einblick in die Schaffenskraft und den Ideenreichtum der führenden unterfränkischen Künstler im Jahr 2019.

Rund 200 Künstler und Kunsthandwerker aus der Region sind momentan Mitglieder in der VKU. Eine Aufnahme in den illustren Kreis ist gar nicht so einfach. Zwei Mal im Jahr berät eine Jury aus VKU-Mitgliedern, zu der auch Harald Knobling zählte, über Neuaufnahmen. Längst nicht alle Interessenten werden aufgenommen. „Nur zehn bis 20 Prozent“, verrät er und erklärt: „Wir wollen Profis haben. Wir sehen uns schließlich als Berufsvereinigung der unterfränkischen Kunstschaffenden.“

Wer aufgenommen ist, der kann von den Vorteilen einer gewachsenen und bekannten Vereinigung profitieren. „Natürlich besteht unser Ziel auch darin, Kunstwerke zu verkaufen“, sagt Knobling, aber die VKU ist eine längst anerkannte Institution, ein Kulturträger, der Literatur-, Konzert-, Vortrags- und Filmabende im Spitäle mit großem Erfolg durchführt.

„Wir sind immer am Puls der Zeit.“
Dr. Harald Knobling über die VKU

Ausstellungen finden nicht nur in der „Heimat“ des VKU, dem Spitäle in Würzburg an der alten Mainbrücke statt, sondern auch in anderen Städten und Gemeinden Unterfrankens. Kunstevents werden organisiert, Konzerte gegeben. „Wir sind immer am Puls der Zeit“, versichert der Kitzinger und spricht von einer „sehr regen Vereinigung“, der allerdings der Nachwuchs fehlt. „Leider haben wir keine Kunstakademie in Würzburg“, bedauert Knobling und hofft, mehr junge Künstler für die Arbeit der VKU zu begeistern. Damit die gesamte Bandbreite der Künstlerschaft widergespiegelt wird – und die Chronik der Vereinigung weitergeschrieben werden kann.

Das Buch ist im Verlag Königshausen und Neumann Würzburg erschienen und kostet 28 Euro.