Wenn er lacht, dann vibriert die Tischplatte. Und Rüdiger Krehbiel lacht viel. Er hat auch allen Grund dazu. Der Kitzinger hat seinen Traumberuf gefunden.

Beinahe jeden Tag macht sich der 44-Jährige auf den Weg. Von seiner Wohnung in der Fischergasse läuft er zum Bahnhof und setzt sich in den Zug. Sein Ziel: Nürnberg. Besser gesagt: Die Staatsoper. Krehbiel ist Opernsänger.

„Ich habe als Kind schon gern gesungen“, sagt der Mann, der rund 1,90 Meter misst und einen stattlichen Vollbart trägt. In die Wiege ist ihm das Talent trotzdem nicht gelegt worden. Seine Eltern waren Landwirtschaftsmeister. „Aber wir haben in der Gemeinde viel gesungen“, erinnert er sich.

In der Schule ist sein Talent schnell aufgefallen. Der ehemalige Musiklehrer am AKG, Karl-Heinz Eichler, hat ihn motiviert, mehr daraus zu machen. Bei Christl Hüttner, der ehemaligen Leiterin der Paul-Eber-Kantorei, hat er sich fortgebildet. Von 1987 bis 2002 war er ein Teil des Chores. Die evangelische Kirche ist für ihn deshalb auch so etwas wie eine zweite Heimat geworden. „Auf jeden Fall einer meiner beiden Lieblingsorte in Kitzingen“, sagt er.

Der zweite Lieblingsort? Die Stadtbücherei. „Ich habe meinen Ausweis aus Grundschulzeiten immer noch“, sagt der 44-Jährige und lacht, dass die Tischplatte wackelt. Die Bücher hat er sich damals stoßweise ausgeliehen.

Vieles hat sich verändert seither in Kitzingen. Krehbiel vermisst die Kneipen von früher und bedauert die vielen Leerstände in der Innenstadt. Er sieht aber auch die vielen positiven Veränderungen. „Das Mainufer in Etwashausen ist wunderschön. Und man kann alles zu Fuß erreichen.“ Die Stadt am Main gefällt ihm so gut, dass der 44-Jährige zurückgekehrt ist. Eineinhalb Jahre hat er in Nürnberg gelebt. Vorher fünf Jahre in Halle. „Die Großstadt ist nichts für mich“, sagt er. In Kitzingen kennt er viele Menschen – zumindest vom Sehen.

Krehbiehl hat sich und seine Stimme in der bayerischen Sing-Akademie weitergebildet, ist zur Bundeswehr gegangen und hat danach ein Lehramtsstudium aufgenommen. Im Mainfrankentheater in Würzburg hat er für den Extra-Chor vorgesungen – und wurde genommen. „Seither bin ich am Theater“, sagt er. Denn das Lehramtsstudium hat er wenig später geschmissen und sich am Konservatorium beworben. Mit 27 Jahren in einem eher gesetzten Alter. Doch der Kitzinger ist genommen worden und fand nach fünf Jahren Gesangsausbildung eine Stelle in Halle: Chorsänger. Das ist er bis heute. Und warum nicht eine Karriere als Solist?

Krehbiel schätzt die Sicherheit als Chorsänger. Die finanzielle Sicherheit genauso, wie die auf der Bühne. Als Solist kann man eine Menge Geld verdienen. Man kann aber andererseits auch verzweifelt nach Auftritten suchen. „Es gibt zu viele arbeitslose Sänger“, sagt er. Als Chorsänger wird man zwar nicht reich. „Aber es reicht zum Leben“, sagt der 44-Jährige.

„Wenn ich alleine auf der Bühne bin, dann habe ich richtig großes Lampenfieber“
Rüdiger Krehbiel, Opernsänger

Verdi, Puccini, Mozart, Strauß, Wagner: Kaum eine Oper oder Operette, in der Krehbiel noch nicht mitgesungen hat. Im Chor kann er singen ohne ganz im Rampenlicht zu stehen. „Wenn ich alleine auf der Bühne bin, dann habe ich richtig großes Lampenfieber“, gesteht er. Im 43-köpfigen Chor des Nürnberger Staatstheaters ist das kein Problem. Auch wenn Krehbiel zugibt: „Nervös bin ich vor jedem Auftritt. Auch im Chor.“

Erst Recht, wenn er vor erlesenem Publikum singt. Auch in Bayreuth ist der Kitzinger schon im Extra-Chor aufgetreten. Meistersinger. 130 Sänger im Chor. „Eine Wahnsinnsqualität“, schwärmt er. „Und eine wunderschöne Bühne.“

Der Alltag ist Nürnberg. Drei Stunden Probe am Vormittag, drei Stunden am Abend. Oder ein Auftritt. Eineinhalb Tage in der Woche hat er frei. „Am Wochenende so gut wie nie.“ Krehbiel macht das nichts aus. Er hat seinen Traumjob gefunden. „Ich kann singen und bekomme auch noch Geld dafür“, sagt er. Und wieder vibriert die Tischplatte.