Ingrid Lang spricht von einem Rundum-Sorglos-Paket. Und dafür ist sie dankbar. Gerade jetzt, in diesen schwierigen Zeiten – die für Menschen mit Behinderung vielleicht noch ein wenig schwieriger sind.

Ingrid Lang hat drei Kinder, bei Tochter Helen wurde ein Sauerstoffmangel nach der Geburt diagnostiziert. Sie hat geistige und motorische Defizite. „Eigentlich braucht sie sehr oft Unterstützung“, bringt es die gelernte Gymnasiallehrerin auf den Punkt. Eine Unterstützung, die Helen Lang Zeit ihres bislang 34-jährigen Lebens erfahren hat. Selbst in den Monaten der Pandemie. Auch wenn die Phasen des Lockdowns und der vielen Beschränkungen nicht immer einfach waren.

„Da war schon eine gewisse Not erkennbar“
Manfred Markert, Geschäftsführer Lebenshilfe

Manfred Markert ist Geschäftsführer der Lebenshilfe in Kitzingen. Der Verein ist unter anderem für die St. Martin-Schule sowie für die Mainfränkischen Werkstätten zuständig. Grundsätzlich sei man gut durch die Corona-Zeit gekommen, sagt Markert. Die Hygienekonzepte in den Schulklassen hätten gegriffen, nur in einem Fall musste eine ganze Klasse in Quarantäne. Der Wechsel-Unterricht habe gut funktioniert, auch wenn die Belastungen mancher Eltern schon an den Belegungszahlen in der Notfallbetreuung abzulesen waren. Während in Regelschulen mitunter nur zwei oder drei Kinder pro Klasse dieses Angebot in Anspruch nahmen, waren in der St.-Martin-Schule 70 bis 80 Prozent der Kinder anwesend. „Viele Eltern haben uns gebeten, die Kinder zumindest vormittags aufzunehmen“, sagt Markert. „Da war schon eine gewisse Not erkennbar.“

Genau der richtige Weg

Die Schulzeit ist für Helen Lang längst Geschichte. Ihre Mutter erinnert sich gerne daran zurück. „Es war stets ein beschützender Rahmen und dennoch gab es Kontakt und Austausch mit der Außenwelt.“ Entsprechend vorsichtig ist Ingrid Lang, wenn es um das Thema Inklusion geht. Jeder Fall sei anders, betont sie. Jeder Mensch mit Handicap habe seine ganz eigene Geschichte und Persönlichkeit. „Den Behinderten“ gebe es nicht. Dieser Sammelbegriff sei irreführend. Bei ihrer Tochter sei der Weg über die Institutionen der Lebenshilfe jedenfalls genau der richtige gewesen.

Wie so viele andere Menschen mit Behinderung wollte auch Helen Lang immer etwas leisten, aktiv sein. In den Mainfränkischen Werkstätten kann sie diesem Drang nachkommen und erlebt gleichzeitig ein Zusammengehörigkeitsgefühl. „Die Mitarbeiter sind stolz auf das, was sie leisten“, berichtet ihre Mutter und lächelt. In Ochsenfurt wird Helen Lang mal in der Verpackung eingesetzt, mal schraubt sie Materialien zusammen. „Alles in der möglichen Geschwindigkeit“, erklärt ihre Mutter und ist dankbar für diesen Arbeitsplatz – der während der letzten Monate stark eingeschränkt war.

Förderangebote fehlen derzeit

Besonders wurden die zahlreichen Förderangebote der Werkstatt vermisst. In normalen Zeiten werden während der Arbeitszeit beispielsweise Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie angeboten, aber auch interne Förderkurse wie Kochen, Tanzen oder Tischtennis. „Bis vor Kurzem war sogar therapeutisches Reiten im Tierpark Sommerhausen, der von der Werkstatt in Ochsenfurt betreut wird, möglich“, berichtet Ingrid Lang und hofft, dass dieses Angebot in naher Zukunft einen Neustart erfährt.

„Am schwierigsten während der Pandemie hatten es sicher die Bewohner unserer Pflegeheime, die in den Werkstätten arbeiten“, sagt Manfred Markert. Rechtlich seien diese Pflegeheime wie Altenheime behandelt worden. Die jungen Menschen durften nicht arbeiten, keinen Besuch empfangen, waren auf sich gestellt. „Das war schon irritierend“, gesteht Markert.

„Der geregelte Arbeitstag tut den Mitarbeiter gut.“
Simon Haupt, Mainfränkische Werkstätten

Insgesamt zwei Monate waren die Werkstätten im vergangenen Jahr komplett geschlossen, berichtet Simon Haupt, kaufmännischer Leiter im Unternehmensverbund der Mainfränkischen Werkstätten. Seit Mitte Januar sind die Werkstätten wieder geöffnet. „Der geregelte Arbeitstag tut den Mitarbeitern gut“, sagt Haupt. Auch wenn nach wie vor strenge Schutzmaßnahmen gelten. Mit Maske zu arbeiten, fällt vielen Mitarbeitern mit geistiger Behinderung nach wie vor schwer. Entsprechend oft werden Pausen gemacht. Am schwierigsten waren die Zeiten für Helen Lang und ihre Freunde, als sie im Wohnheim nicht einmal Besuch von ihren Eltern empfangen durften. „Das war für sie schwer nachvollziehbar“, erinnert sich Haupt.

Jeder Bewohner hat eine Aufgabe

Mit Kontakten über den Gartenzaun hinweg versuchte man sich zu helfen. „Aber natürlich haben es unsere Bewohner nicht verstanden, dass sie ihre Mutter oder ihren Vater nicht drücken durften.“ Ingrid Lang hat die Corona-Maßnahmen und ihre Folgen für die Bewohner in den Lebenshilfe-Wohnheimen in den letzten Monate intensiv verfolgt. Sie ist nicht nur im erweiterten Vorstand des Lebenshilfe e.V. engagiert, sondern auch als Elternbeiratsvorsitzende der Mainfränkischen Werkstätten in Ochsenfurt und sie vertritt im Angehörigen- und Betreuerbeirat die Interessen der Wohnheimbewohner. „Jeder Bewohner hat dort eine Aufgabe“, sagt sie. „Jeder lernt dort ein Stück weit Selbstständigkeit.“ Zumindest in normalen Zeiten. Während Corona waren die einzelnen Gruppen isoliert, mussten auf Besuche oder eine Zusammenarbeit mit anderen Gruppen verzichten. „Natürlich fehlen auch gemeinsame Veranstaltungen wie das Sommerfest, das Lebenshilfe-Weinfest in Castell oder Sportveranstaltungen“, sagt Ingrid Lang.

Wann es wieder solche besonderen Veranstaltungen geben wird, ist derzeit nicht absehbar. Dank der Öffnungen gibt es jetzt aber wieder ein Stück weit Normalität. Und die umschließt auch die Arbeit in den Mainfränkischen Werkstätten. Fast alle Mitarbeiter sind dort mittlerweile zweimal geimpft worden. Die Impfquote liegt laut Simon Haupt bei rund 95 Prozent. „Das Landratsamt ist uns mit einer Reihenimpfung sehr entgegengekommen“, freut sich Manfred Markert. Und so haben die Mitarbeiter in den Mainfränkischen Werkstätten wieder ein wenig Abwechslung von ihrem langweiligen Corona-Alltag – worüber sich auch Ingrid Lang sehr freut. Das Rundum-Sorglos-Paket nimmt langsam wieder Fahrt auf.

Lebenshilfe e.V.

Geschichte: Der Verein Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Kitzingen e.V. wurde als Vereinigung von Eltern, Angehörigen und Freunden schon im Jahre 1965 gegründet. Der Verein zählt über 370 Mitglieder.

Aufgabe und Zweck des Vereins ist die Errichtung und Förderung aller Maßnahmen und Einrichtungen, die eine Hilfe für Menschen aller Altersstufen mit einer geistigen Behinderung bieten. Darüberhinaus soll ein besseres Verständnis der besonderen Probleme der Menschen mit geistiger Behinderung erreicht werden. Das Ziel ist die Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft.