Die Eisheiligen haben den Winzern in Franken ordentlich zugesetzt. Von einem Ernteausfall in Höhe von 20 Prozent geht der Geschäftsführer des Weinbaurings, Artur Baumann, aus. „Eventuell kommen noch mal zehn Prozent dazu.“ Die tatsächlichen Schäden werden sich erst in den kommenden Tagen zeigen.

Auf minus vier Grad ist das Thermometer im Saaletal gefallen, im Steigerwald lagen die Temperaturen auch deutlich im Minusbereich. Westlich des Mains sind die meisten Anbaugebiete einigermaßen verschont geblieben, östlich hat der Frost große Schäden angerichtet. „Für manche Betriebe ist die Situation existenzbedrohend“, warnt Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Fränkischen Weinbauverbandes. Besonders betroffen sind nach seinen Informationen die Regionen rund um Handthal und Hammelburg sowie die Anbaugebiete im Steigerwald. Auch die Mainschleife ist nicht vom Frost verschont geblieben. Schäden wurden auch aus Sulzfeld und Rödelsee gemeldet. „Dort hat es ewig keinen Mai-Frost mehr gegeben“, staunt Baumann.

2011 hatten die fränkischen Winzer das letzte Mal großflächig mit den Eisheiligen zu kämpfen. Die Folge: Der Ertrag sank auf durchschnittlich 60 Hektoliter. Dieses Mal trifft der Ernteausfall die Winzer zu einem noch ungünstigeren Zeitpunkt. Das letzte Jahr fiel wegen der Trockenheit mit einem durchschnittlichen Ertrag von 56 Hektolitern schon sehr mager aus, die Corona-Krise hat den Absatz in den letzten Wochen erschwert. „Keine Gastronomie, keine Weinfeste, kein Weintourismus“, fasst Hermann Schmitt die Malaise zusammen. „Das ist sicher keine einfache Situation, in der wir uns befinden.“ Zumal die Winzer nicht mit staatlicher Hilfe rechnen können. „Verluste durch Naturereignisse werden nicht mehr entschädigt“, informiert Schmitt. Die Winzer müssen privat vorsorgen.

Der Frost kam keineswegs überraschend, die Meteorologen hatten die Minusgrade vorausgesagt. Hermann Mengler, Weinfachberater des Bezirks Unterfranken, hat mit einigen Helfern in seinen privaten Anlagen bei Mainstockheim gegen Mitternacht Dutzende von Paraffin-Kerzen aufgestellt und angezündet. Zwischen zwei und sechs Uhr in der Früh haben sie gebrannt, die Temperatur in Bodennähe um zwei bis drei Grad erwärmt. „Das hat unsere Anlage gerettet“, freut er sich. Minus drei Grad zeigte das Thermometer in Mainstockheim. Nicht jeder Winzer kann und will auf diese Hilfe zurückgreifen. 2000 bis 3000 Euro pro Hektar kosten die Kerzen, hinzu kommt die nötige Manpower. „Es ist eine logistische Herausforderung, genug Helfer zu finden“, weiß Mengler. Eine zweite Schutz-Möglichkeit, die Überkopfberegnung, fällt für die meisten ebenfalls flach. „Dafür braucht man jede Menge Wasser“, gibt Artur Baumann zu bedenken. Wasser, das im trockenen Franken eigentlich zur Mangelware geworden ist. Andreas Oehm und seine Kollegen können auf diese Möglichkeit in Tauberfranken zurückgreifen. Zwischen 2.45 und 7.45 Uhr haben sie die Anlage laufen lassen, ein schützender Eispanzer hat sich um die Triebe gelegt und ihnen die nötige Wärme gegeben. „Hat wunderbar funktioniert“, sagt Oehm. Auf andere Flächen blickt der Vorstandsvorsitzende der GWF mit großer Sorge. Etwa die Hälfte der 1200 Hektar der Winzergenossenschaft dürften vom Frost betroffen sein. „Wie stark, ist derzeit noch nicht zu sagen“, meint Oehm.

Rund 20 Liter hatte es am Montag in Mainfranken geregnet. Für die Landwirte ein lang erhoffter Segen. Für die Winzer erwies sich der Niederschlag als zusätzlicher Nackenschlag. „Die Nässe hat den Frost-Effekt noch verstärkt“, erklärt Artur Baumann. Der Boden konnte keinerlei Wärme abgeben, die Kälte konnte noch schneller in die Rebstöcke einziehen. „Wenn die Zellen erst einmal kaputt gehen, verlieren die Triebe ihren Saft, werden schlapp und vertrocknen“, erklärt Baumann. Noch lasse sich nicht sagen, ob diese Schäden nur Teile der Anlagen betreffen oder durchgängig zu beobachten sind.

Während die meisten Winzer östlich des Mains mit Frostschäden zu kämpfen haben, sind die Obstbauern einigermaßen glimpflich davongekommen. „Es ist keine großflächige Tragödie zu beobachten“, erklärt Thomas Riehl, Obstbauberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. Obstbaumkulturen wie Apfel, Zwetschge und Kirsche konnte der Frost nichts mehr anhaben. Auf kleineren Flächen könnten allerdings die Erdbeeren gelitten haben. Wenig Sorgen macht sich sein Kollege Thomas Karl. Die Wintergetreide-Sorten können den Maifrost locker aushalten, betroffen sind – wenn überhaupt – kleine Rüben oder der Mais. „Aber selbst da fallen die Schäden gering aus, so lange die Temperaturen nicht niedriger als fünf Grad minus fallen.“

Für die nächsten Nächte sagen die Meteorologen Temperaturen knapp über 0 Grad Celsius voraus. „Die schlimmste Nacht haben wir wohl überstanden“, sagt Andreas Oehm. So schlimm die Schäden für viele Winzer sind, Oehm spricht dennoch vom Glück im Unglück. „Noch ein halbes Grad weniger und wir hätten in ganz Franken eine Katastrophe erlebt.“